{"id":7014,"date":"2019-01-09T14:59:20","date_gmt":"2019-01-09T12:59:20","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=7014"},"modified":"2019-01-09T14:59:20","modified_gmt":"2019-01-09T12:59:20","slug":"und-jeden-morgen-das-meer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=7014","title":{"rendered":"Und jeden Morgen das Meer"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/52860492n.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-7015\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/52860492n-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/52860492n-184x300.jpg 184w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/52860492n.jpg 242w\" sizes=\"auto, (max-width: 184px) 100vw, 184px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Karl-Heinz Ott, Und jeden Morgen das Meer, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-25995-9<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In seinem neuen kleinen aber inhaltlich und stilistisch schwergewichtigen Roman erz\u00e4hlt der Schriftsteller Karl-Heinz Ott die Geschichte der in der Jetztzeit des Romans 62-j\u00e4hrigen Sonja. \u00dcber drei\u00dfig Jahre lang war sie Chefin eines altehrw\u00fcrdigen Familienhotels am Bodensee. Und jetzt f\u00fchrt sie eine abgetakelte Pension in einem Dorf am Meer in einer der einsamsten Gegenden des ansonsten schon hinterw\u00e4ldlerischen Wales. Jeden Morgen h\u00f6rt sie das Meer und geht auch zu einem Felsen, voller Gedanken an ihren eigenen Tod, den sie imaginiert und manchmal regelrecht herbeisehnt. Nur ein Sprung und sie w\u00e4re erl\u00f6st von einem Schicksal, das sie hart getroffen hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch Sonja gibt nicht auf. Immer zwischen der Gegenwart im verlassenen Wales, wo sie sich um die wenigen G\u00e4ste der heruntergekommenen Pension eines Onkels von Mister Pettibone k\u00fcmmert &#8211; die einzige Zuflucht, die sie nach dem Debakel mit dem eigenen Hotel gefunden hat &#8211; und den Stationen ihre Lebens wechselnd, setzt Karl-Heinz Ott nicht immer chronologisch die Bruchst\u00fccke eines im Grunde genommen traurigen Lebens zusammen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieser Mister Pettibone hat \u00fcber die ganzen drei\u00dfig Jahre auch in den letzten, als die Schwierigkeiten des Hotels nicht mehr zu \u00fcbersehen waren, ihr als Gast die Treue gehalten und hat jedes Jahr auf dem Weg in die Schweiz bei ihr Station gemacht. Er hat ihr nach dem gro\u00dfen Debakel diesen zugigen und \u00f6den Ort vermittelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und nun steht sie am Meer und blickt zur\u00fcck. Auf ihre schwere Kindheit, als sie die unf\u00e4higen und \u00fcberforderten Eltern als kleines M\u00e4dchen in ein katholisches Internat stecken. Bei aller Strenge der dortigen Schwestern, ist Sonja nach dem Ende der Schulzeit doch froh, dass sie von diesen nach St. Moritz auf eine Leerstelle in einem Hotel vermittelt wird. Dort lernt sie auch den begabten Koch Bruno kennen, der es schon bald zum Souschef des gro\u00dfen Hauses schafft, wo auch Sonja arbeitet. In Liebesdingen ist er allerdings nicht nur ungeschickt, sondern auch uninteressiert. Das wird leider so bleiben \u00fcber Jahrzehnte hinweg und so manches Mal wird sich Sonja nach einer auch nur kurzen Umarmung ihres Mannes sehnen. In dieser Beziehung bleibt sie ihr ganzes Leben lang ungl\u00fccklich<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn als dessen Vater stirbt, verlangt die Mutter, dass Bruno das familieneigenen Hotel am Bodensee \u00fcbernimmt. Gegen deren Widerstand bauen Sonja und Bruno das Hotel und das angeschlossene Restaurant innerhalb weniger Jahre in eine auch \u00fcberregional bekannte Location, die schon bald zum Geheimtipp f\u00fcr Gourmets wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Bruno sich dann seinen ersten Michelin-Stern erkocht, kommen sie vor lauter Arbeit kaum mehr zu sich. Sie werden so ber\u00fchmt, dass sogar Helmut Kohl mit den franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten Chirac bei ihnen absteigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie sind auf dem H\u00f6hepunkt. Jeden Tag werden sie vom Pariser Fischmarkt beliefert, aber obwohl sie \u00fcber Wochen im Voraus ausgebucht sind, bliebt wegen der enormen Kosten, die eine solche Sternek\u00fcche verschlingt und die der exquisite Weinkeller verschlingt kaum etwas \u00fcbrig. Auf der H\u00f6he des Erfolgs haben sie kaum Mittel, das Haus immer wieder auf den neuesten Stand zu bringen., Die Qualit\u00e4tsanforderungen haben sich seit sie das Hotel \u00fcbernahmen extrem erh\u00f6ht und bald schon ist es eigentlich nur das Sternerestaurant, das die Hotelg\u00e4ste \u00fcber die zunehmenden M\u00e4ngel hinwegsehen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch als Bruno nach langen\u00a0 erfolgreichen Jahren pl\u00f6tzlich der Stern wieder weggenommen wird, bleiben Kreti und Pleti, die sich all die Jahre die Klinke in die Hand gegeben haben, \u00fcber Nacht weg. Sonja und Bruno m\u00fcssen ihre Karte anpassen, doch der Weg in den langsamen Untergang ist schon vorgezeichnet. Bruno findet in seiner Verletzung \u00fcber den verlorenen Status keine Kraft zu einem Neuanfang und die beiden Eheleute kein gemeinsames Zentrum mehr, dass sie au\u00dferhalb ihrer Arbeit auch nie besa\u00dfen und f\u00e4ngt an nachts im Keller zu trinken, ein Selbstmord auf Raten, den er eines Tages, die Bank gibt schon lange kein Geld mehr, auch mit Tabletten abschlie\u00dft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die ehemals so resolute Sonja ist am Boden zerst\u00f6rt. Sie versucht in der nahen Schweiz eine Arbeit zu finden, doch niemand ist bereit, einer offensichtlich gescheiterten \u00e4lteren Frau noch einmal eine Chance zu geben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Brunos Bruder Arno bietet ihr eine Schuldumschreibung gegen Aufgabe aller Anspr\u00fcche an und ihr bleibt nichts anderes \u00fcbrig, als sich darauf einzulassen und sich in das \u00f6de und nasse Wales zur\u00fcckzuziehen, wo sie allerdings im Laufe ihres Nachdenkens ober die Stationen ihre Lebens langsam st\u00e4rker wird und sie denkt: \u201eVielleicht musste alles so kommen, wie es gekommen ist. Vielleicht hat alles seine Richtigkeit gehabt. Vielleicht gibt es doch eine Vorsehung. Vielleicht erledigt das Schicksal einfach sein Gesch\u00e4ft.\u201c<\/p>\n<p>Und jeden Morgen geht sie ans Meer, \u201eund immer denkt sie, ich k\u00f6nnte springen\u2026\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Karl-Heinz Ott hat einen ganz besonderen Roman geschrieben, in dem sogar noch das Ungl\u00fcck seine ganz eigene Poesie entfaltet. Sehr geschickt, unaufdringlich und kunstvoll, f\u00fcgt er die einzelnen Lebensbruchst\u00fccke einer absolut zerst\u00f6rten Existenz zu einem bewegenden und traurigen Psychogramm zusammen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Indem er seine Hauptfigur Sonja ehrlich und selbstkritisch die Tr\u00fcmmer ihrer Existenz auflesen und beschreiben l\u00e4sst, deutet er bei allem Ungl\u00fcck und aller Hoffnungslosigkeit ganz leise und zart so etwas wie einen Neuanfang an. Vielleicht, so der bewegte Eindruck des Rezensenten, hat diese einsame und ungeliebte Frau doch noch eine Zukunft. Vielleicht gibt es doch irgendwann irgendjemand, mit dem sie so etwas wie Rettung und sp\u00e4te Erf\u00fcllung findet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und es bleibt der Eindruck des gewaltigen Meers und seiner auch zerst\u00f6rerischen Kr\u00e4fte, die daran erinnern, dass in unserem Leben nichts sicher ist. Jederzeit kann in ein normales Leben etwas treten, was es in seine Grundfesten ersch\u00fcttert und manchmal auch zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und es bleibt die Warnung: wer nur in der Arbeit seinen Lebenssinn sucht, der wird irgendwann scheitern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Karl-Heinz Otts kleiner Roman zeigt seine gro\u00dfe sprachliche Kunst und man wartet gespannt auf ein neues Buch bei seinem neuen Verlag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Karl-Heinz Ott, Und jeden Morgen das Meer, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-25995-9 &nbsp; In seinem neuen kleinen aber inhaltlich und stilistisch schwergewichtigen Roman erz\u00e4hlt der Schriftsteller Karl-Heinz Ott die Geschichte der in der Jetztzeit des Romans 62-j\u00e4hrigen Sonja. \u00dcber drei\u00dfig Jahre lang war sie Chefin eines altehrw\u00fcrdigen Familienhotels am Bodensee. 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