{"id":7053,"date":"2019-01-23T12:08:27","date_gmt":"2019-01-23T10:08:27","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=7053"},"modified":"2019-01-23T12:08:27","modified_gmt":"2019-01-23T10:08:27","slug":"sandbergs-liebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=7053","title":{"rendered":"Sandbergs Liebe"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/54530031n.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-7054\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/54530031n-192x300.jpg\" alt=\"\" width=\"192\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/54530031n-192x300.jpg 192w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/54530031n.jpg 242w\" sizes=\"auto, (max-width: 192px) 100vw, 192px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Jan Drees, Sandbergs Liebe, Secession Verlag 2019, ISBN 978-3-906910-49-9<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eSandbergs Liebe\u201c ist der mittlerweile dritte Roman des Redakteurs und Autors Jan Drees. In diesem Roman verarbeitet er eigene Erfahrungen mit einem Ph\u00e4nomen, das nicht zuletzt durch die zahlreichen Datingsapps, mit denen zunehmend mehr Beziehungen zwischen Frauen und M\u00e4nnern angebahnt werden, in vielen F\u00e4llen zu einem ernsten Problem f\u00fcr einen der Beteiligten wird. In dem Roman geht es um die Zerst\u00f6rungskraft einer manipulativen Beziehung. Es ist eine Missbrauchsform, die darauf abzielt, die Wahrnehmung eines anderen Menschen, des angeblichen Partners so lange anzugreifen und zu attackieren, bis dieser am Boden liegt.<\/p>\n<p>Es gibt f\u00fcr diese Missbrauchsform einen englischsprachigen Begriff: \u201eGaslighting\u201c, in Anlehnung an das Theaterst\u00fcck von Patrick Hamilton aus dem Jahr 1938, in dem ein Ehemann versucht, seine Gattin in den Wahnsinn zu treiben. Um dieses Ziel zu erreichen manipuliert er beispielsweise die Gaslampen des Hauses und l\u00e4sst sie flackern. Von seiner Frau auf dieses Flackern angesprochen behauptet er, sie t\u00e4usche sich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein\u00a0 Mensch, dem permanent von einem anderen, dessen Liebe er sich doch sicher glaubt, eingeredet wird, dass das, was er wahrnimmt, nicht real sei, wird nach anf\u00e4nglicher Unsicherheit in echte Verzweiflung st\u00fcrzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So geht es auch dem Ich-Erz\u00e4hler des Romans, Kristian Sandberg. Er ist ein durchaus begabter junger Geisteswissenschaftler, wohnt in Bremen und erh\u00e4lt die ersehnte Stelle bei einer Literaturagentur in Hamburg. Walter Diercks, sein neuer Chef, hat die Agentur gerade gegr\u00fcndet, nachdem er lange Jahre erfolgreich in einem gro\u00dfen Verlag als Lektor gearbeitet hat. Sandbergs Einstiegsgehalt ist gut, seine Aufstiegschancen auch, und so steht einem perfekten Start ins Berufsleben nichts entgegen. Das Pendeln zwischen Hamburg und Bremen scheint gut machbar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch eines fehlt dem jungen Mann noch zu seinem Gl\u00fcck. Mit seinen bisherigen Beziehungen hatte er kein Gl\u00fcck, doch er tr\u00e4umt von einer festen Beziehung, ist auch offen f\u00fcr eine Familiengr\u00fcndung. Einsam und besonders in den N\u00e4chten regelrecht verloren, nutzt er Dating-Apps in der Hoffnung, endlich genau jener Frau zu begegnen, die ihn gl\u00fccklich macht und besch\u00fctzt. Ideale Voraussetzungen bringt er so mit, f\u00fcr das, was ihm dann in den n\u00e4chsten Monaten geschieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als er eines Abends nach der Arbeit auf der Au\u00dfenterrasse eines Hamburger Cafes sitzt, blinkt sein Handy. Die App \u201eOnce\u201c hat ihn mit einer Frau \u201egematcht\u201c. Alles scheint perfekt zu passen. Schon wenig sp\u00e4ter trifft er sich zum ersten Mal mit Kalina Mickiewicz, einer in einer s\u00fcdd\u00e4nischen Kleinstadt arbeitenden Zahn\u00e4rztin. Sehr schnell beginnt eine romantische Beziehung. Die Z\u00e4rtlichkeit und die sexuelle Intensit\u00e4t der ersten Begegnungen lassen Sandberg hoffen, in Kalina tats\u00e4chlich de Frau seines Lebens gefunden zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bald schon gibt es erste, auch den Leser verwirrende und verst\u00f6rende Irritationen, die Sandberg zun\u00e4chst nicht ernst nimmt.\u00a0 Schon hier habe mich beim Lesen oft gefragt, wie er es bei den vielen Treffen, den durchgemachten N\u00e4chten und dem ausufernden Mailverkehr schafft, seinen neuen Job zu machen. Auch die Frage, wie er den zunehmend aufw\u00e4ndigen Lebensstil mit einem Agenturgehalt finanziert, blieb f\u00fcr mich offen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aus den Irritationen wird innerhalb weniger Wochen eine immer st\u00e4rkere emotionale Abh\u00e4ngigkeit zu seiner Geliebten. Zun\u00e4chst denkt der Leser so wie Sandberg selbst, er habe Dinge falsch gemacht oder sich nicht richtig ausgedr\u00fcckt, und Kalina sei zu Recht emp\u00f6rt \u00fcber ihn. Doch schon bald weicht dieser Eindruck beim Leser dem Gef\u00fchl der Wut und Entr\u00fcstung \u00fcber den zunehmenden Missbrauch, den Sandberg aber in seiner abh\u00e4ngigen Verliebtheit nicht wahrnehmen kann und will.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die zu Beginn romantisch und euphorisch erlebte Beziehung entpuppt sich immer mehr zu einer H\u00f6llenfahrt in die Abgr\u00fcnde des emotionalen Missbrauchs. Wie all das f\u00fcr Kristian Sandberg ausgeht, bleibt offen, auch ob er sich jemals davon erholen wird.<\/p>\n<p>Jan Drees hat, indem er sich selbst und seinen Lesern mit beinahe protokollarischer Genauigkeit und psychologischem Tiefgang vor Augen f\u00fchrt, wie Manipulation das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung zerst\u00f6ren und infolgedessen die Psyche eines Menschen in ihren Grundfesten ersch\u00fcttern kann, sich selbst von einer solchen Erfahrung befreit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn man den einschl\u00e4gigen Beschreibungen im Internet Glauben schenkt, scheint diese als \u201egaslighting\u201c bezeichnete Form des Missbrauchs nicht nur \u00e4hnlich h\u00e4ufig wie andere Missbrauchsformen geworden zu sein, sondern auch \u00e4hnliche lange nachwirkende Folgen f\u00fcr die Vertrauensbildung in sp\u00e4teren Beziehungen\u00a0 zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein intensiver, wichtiger Roman, der jedem unter die Haut geht, der in fr\u00fcheren Beziehungen auch nur in Ans\u00e4tzen solche Formen der emotionalen Manipulation erlebt hat. Anderen sei er eine Warnung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; Jan Drees, Sandbergs Liebe, Secession Verlag 2019, ISBN 978-3-906910-49-9 &nbsp; \u201eSandbergs Liebe\u201c ist der mittlerweile dritte Roman des Redakteurs und Autors Jan Drees. 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