{"id":7086,"date":"2019-01-29T09:18:43","date_gmt":"2019-01-29T07:18:43","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=7086"},"modified":"2019-01-29T09:18:43","modified_gmt":"2019-01-29T07:18:43","slug":"stella-hoerbuch-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=7086","title":{"rendered":"Stella (H\u00f6rbuch)"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/54369666n-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-7087\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/54369666n-1.jpg\" alt=\"\" width=\"242\" height=\"217\" \/><\/a><\/p>\n<p>Takis W\u00fcrger, Stella (H\u00f6rbuch), Random House Audio 2019, ISBN 978-3-8371-4643-1<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Spiegelredakteur Takis W\u00fcrger hat nach seinem vielgelobten Deb\u00fctroman \u201eDer Club\u201c, der 2017 bei Kein und Aber in Z\u00fcrich erschien nun den Verlag gewechselt. Sein neuer Roman \u201eStella\u201c wird von Hanser in M\u00fcnchen verlegt und hat schon kurz nach seinem Erscheinen in der Szene der Kritiker heftige Reaktionen ausgel\u00f6st. Dazu sp\u00e4ter einige Worte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Roman erz\u00e4hlt zun\u00e4chst von der Kindheit und Jugend des 1922 in der Schweiz geborenen Friedrich, Sohn eines sehr reichen\u00a0 Samth\u00e4ndlers und einer alkoholabh\u00e4ngigen Mutter. Sein Vater erzieht ihn dazu, immer die Wahrheit zu sagen und ihr verpflichtet zu sein. Als er eines Tages mit anderen Jungen einen Kutscher mit Schneeb\u00e4llen bewirft und das auf dessen Vorhaltungen auch zugibt, verletzt dieser ihn schwer im Gesicht. Durch diese Verletzung, von der eine gro\u00dfe Narbe an der Wange zur\u00fcckbleibt, wird er farbenblind und kann fortan keine Farben mehr erkennen. Seine Mutter ist eine gl\u00fchende Verehrerin von Hitler und seiner Bewegung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erwachsen geworden zieht es Friedrich nach Berlin, wo er in einer Kunstschule Unterricht nimmt. Er will herausfinden, was es mit den angeblich so starken Deutschen auf sich hat, und ob die Ger\u00fcchte \u00fcber die M\u00f6belwagen stimmen, mit denen die Juden im Schanzenviertel abgeholt werden. Sein reicher Vater, der nach dem Ende seines lukrativen Samtgesch\u00e4ftes nach Istanbul gezogen ist und dort die Sufis studiert, finanziert seinem Sohn Friedrich das ganze Jahr 1942 \u00fcber (\u00fcber diesen Zeitraum erstreckt sich auch die Handlung des kurzen Romans) einen Aufenthalt im teuersten Hotel Berlins, dem Adlon.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei seinem Kunstunterricht lernt Friedrich in der ersten Stunde jene junge Frau kennen, die den Sch\u00fclern Modell gestanden hat. Sie hei\u00dft Kristin und nimmt den unbedarften Friedrich mit in die Clubs Berlin, trinkt Champagner und Kognak mit ihm. Mit ihr hat der junge Schweizer seine ersten sexuellen Erfahrungen. Der Krieg, dessen Verlauf Takis W\u00fcrger zusammen mit anderen mehr oder weniger wichtigen Ereignissen des jeweiligen Monats kapitel- und monatsweise dokumentiert, scheint weit weg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eines Tages bleibt Kristin tagelang verschwunden, bevor sie an einem fr\u00fchen Morgen, schwer verletzt und mit blutigen Striemen im Gesicht an Friedrichs Hotelzimmert\u00fcr klopft und ihm gesteht, ihn bisher \u00fcber ihre wahre Identit\u00e4t belogen zu haben. Sie ist J\u00fcdin, hei\u00dft Stella Goldschlag und die Gestapo hat ihre falsche Identit\u00e4t enttarnt. Ihre Eltern sind verhaftet worden und nur wenn Stella als sogenannte\u00a0 \u201eGreiferin\u201c der Gestapo ihr bekannte Juden f\u00fcr die Verhaftung und Vernichtung zuf\u00fchrt, kann\u00a0 sie ihre Eltern vor der Deportation bewahren. Stella l\u00e4sst sich darauf ein, und so wie die historische Stella Goldschlag wird sie auch weiter Juden verraten, auch nachdem ihre Eltern l\u00e4ngst in einem KZ umgekommen sind.<\/p>\n<p>Friedrich, der sich in Stella verliebt hat, wie besessen von ihr ist und sich auch mit dem SS-Offizier Tristan van Appen, der Stella seit langem kennt, gut versteht, ist hin- und hergerissen zwischen seiner Selbstachtung und seiner Entr\u00fcstung dar\u00fcber, was Stella da tut und seiner Liebe zu ihr. Mit Hilfe seines Vaters wird der den Leiter des KZ-Gef\u00e4ngnisses Walter Dobberke vergeblich versuchen zu bestechen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Ende wird er mit zwei Gef\u00fchlen in die Schweiz zur\u00fcckfahren. Das erste ist die Erkenntnis, dass es sehr wohl so etwas wie Schuld gibt, obwohl sein Vater das in seiner Kindheit abstritt. Das zweite Gef\u00fchl ist Dankbarkeit Stella gegen\u00fcber: \u201eDanke, dass du mir gezeigt hast, was Liebe ist.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Immer wieder zitiert Takis W\u00fcrger aus den originalen Protokollen eines Sowjetischen Milit\u00e4rtribunals \u00fcber die hunderte von F\u00e4llen, in denen Stella Goldschlag Juden an die Gestapo verraten hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Buch hat wie zu Beginn erw\u00e4hnt, sehr schnell eine noch andauernde so schon lange nicht mehr gef\u00fchrte Kritikerdebatte ausgel\u00f6st, in der es keine Zwischent\u00f6ne mehr zu geben scheint.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zugegeben, die Erfindung jenes doch ziemlich naiven jungen Schweizers, dem offenbar auch in diesen Zeit 1942 das Geld nicht ausgeht (schwer vorstellbar), der nach Berlin zieht und dort die historische Stella Goldschlag trifft und sich in sie verliebt, als Rahmen f\u00fcr ein Portr\u00e4t dieser Frau und der Fragestellung der Bewertung ihrer Taten, scheint nur als Notl\u00f6sung haltbar. Denn Stella Goldschlag selbst erz\u00e4hlen zu lassen, diesen Schritt hat der Autor nicht gewagt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch die sehr grunds\u00e4tzlich und moralisch gestellte Frage geistert durch die Feuilletons, ob man ein solches Thema auf diese Weise darstellen darf und kann. W\u00e4hrend die Kulturredaktion des NDR das Buch zum \u201eBuch des Monats\u201c gew\u00e4hlt hat, lehnen es andere zum Teil mit Emp\u00f6rung ab, so als h\u00e4tte Takis W\u00fcrger hier ein gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliches Sakrileg begangen. Es geht dabei um den Vorwurf der Effekthascherei, des Kitsches, die Tatsache, dass W\u00fcrger beim Spiegel arbeitet, weckt bei vielen Assoziationen zum Fall Relotius. Letztlich geht es um die Frage: darf man in Deutschland \u00fcber die Nazizeit und oder eine j\u00fcdische Hauptfigur auf eine so kurzweilige und unterhaltsame Weise schreiben? Darf ein Buch \u00fcber ein solches Thema von einem Nichtjuden geschrieben werden und darf es unterhaltsam sein?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hannah L\u00fchmann schrieb in der WELT: &#8222;Warum sollte es denn verwerflich sein, einen kurzweiligen Roman auch \u00fcber eine entsetzliche Zeit zu schreiben?&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das habe ich mich beim Lesen und Schreiben auch gefragt. Dass man an der nun wirklich naiven m\u00e4nnlichen Hauptperson einiges kritisieren kann, okay. Aber einem Autor quasi zu untersagen, eine solche Geschichte zu erfinden, grenzt an hypermoralische Zensur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die hier bei Random House Audio vorliegende ungek\u00fcrzte H\u00f6rbuchfassung des so umstrittenen Buches wurde von Valery Tscheplanowa und Robert Stadlober professionell eingelesen. Diese Pr\u00e4sentation der Handlung durch eine Frau und einen Mann ist hervorragend gelungen und zeigt meines Erachtens, wie man einen solchen Stoff durchaus unterhaltend und szenisch packend f\u00fcr ein H\u00f6rpublikum umsetzen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine wirkliche gute Geschichte \u00fcber Angst und Hoffnung &#8211; und \u00fcber die Entscheidung, sich selbst zu verraten oder seine Liebe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Takis W\u00fcrger, Stella (H\u00f6rbuch), Random House Audio 2019, ISBN 978-3-8371-4643-1 &nbsp; Der Spiegelredakteur Takis W\u00fcrger hat nach seinem vielgelobten Deb\u00fctroman \u201eDer Club\u201c, der 2017 bei Kein und Aber in Z\u00fcrich erschien nun den Verlag gewechselt. 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