{"id":7119,"date":"2019-01-29T15:39:46","date_gmt":"2019-01-29T13:39:46","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=7119"},"modified":"2019-01-29T15:39:46","modified_gmt":"2019-01-29T13:39:46","slug":"der-sommer-meiner-mutter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=7119","title":{"rendered":"Der Sommer meiner Mutter"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/54456836n.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-7120\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/54456836n-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/54456836n-184x300.jpg 184w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/54456836n.jpg 242w\" sizes=\"auto, (max-width: 184px) 100vw, 184px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ulrich Woelk, Der Sommer meiner Mutter, C. H. Beck 2019, ISBN 978-3-406-73449-6<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon nach dem ersten Satz des neuen Romans von Ulrich Woelk ist klar, was am Ende geschehen wird. \u201eIm Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit diesen Worten beginnt der 11-j\u00e4hrige Ich-Erz\u00e4hler Tobias die Geschichte eines kurzen aber heftigen und ereignisreichen Sommers 196, eine Geschichte, die f\u00fcr ihn selbst und seine Eltern massive Ver\u00e4nderungen mit sich bringen sollte. Tobias lebt mit seinen Eltern &#8211; der Vater ist gut verdienender Ingenieur, seine Mutter Hausfrau- in einem 1964 in einem K\u00f6lner Vorort gebauten modernen Wohnhaus mit angebauter Doppelgarage und Waschbetonterrasse und einer gro\u00dfen Panorama-Fensterfront zum Garten.<\/p>\n<p>Tobias ist Einzelkind, interessiert sich f\u00fcr alles, was mit dem Weltraum und der Raumfahrt zu tun hat, und fiebert schon im Fr\u00fchjahr 1969 der ersten bemannten Mondlandung entgegen, die f\u00fcr den Juli geplant ist. Schon zu diesem Zeitpunkt nimmt der Elfj\u00e4hrige die Spannungen in der Ehe seiner Eltern wahr, und nachdem er einen Streit zwischen Vater und Mutter Ahrens belauscht hat, wei\u00df er auch, dass die Spannungen damit zu tun haben, dass die Mutter f\u00fcr \u201ees\u201c seit Jahren keine Lust mehr hat und das dem ansonsten sehr verst\u00e4ndigen Vater nicht gef\u00e4llt und er dar\u00fcber frustriert ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kurze Zeit zieht in das lange unbewohnte Nachbarhaus die Familie Leinhard ein mit einer knapp dreizehnj\u00e4hrigen Tochter namens Rosa. Diese Rosa wird Tobias in diesem Sommer nicht nur in die Musik der damaligen Zeit einf\u00fchren( Doors und Janis Joplin) sondern auch in die k\u00f6rperliche Liebe.<\/p>\n<p>Die Eltern Rosas sind \u00fcberzeugte Linke. Der Vater lehrt an der Uni K\u00f6ln Philosophie, \u201eAdorno, Bloch und die Frankfurter Schule\u201c und die Mutter \u00fcbersetzt Kriminalromane aus dem Amerikanischen. Obwohl die eher konservativen Ahrens` mit den Einstellungen der Leinhards nicht \u00fcbereinstimmen, freunden sie sich im Laufe der n\u00e4chsten Wochen und Monate an. Insbesondere die beiden Frauen kommen sich nahe. Als Tobias` Mutter beginnt, selbst f\u00fcr einen Verlag zu \u00fcbersetzen, weht ein Hauch von Frauenbefreiung durch das neue Haus.<\/p>\n<p>Die beiden Frauen und die Jugendlichen nehmen ohne\u00a0 Wissen der M\u00e4nner an der ersten K\u00f6lner Vietnamdemonstration teil. Bei vielen Festen, zu denen die beiden Familien sich gegenseitig einladen, wird engagiert diskutiert, geraucht und getrunken. Obwohl es erhebliche kulturelle und politische Unterschiede gibt zwischen ihnen, mag man sich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und immer stehen im Hintergrund die verschiedenen Apollomissionen der NASA, die nicht nur Tobias gespannt verfolgt. Sie sind wie ein Zeichen, dass da eine ganze Welt sich im Aufbruch befindet zu neuen Ufern. Keinen der beteiligten Personen hinterl\u00e4sst diese Stimmung, die Ulrich Woelk mit der Stimme von Tobias wunderbar einf\u00e4ngt, unbeteiligt und vor allen Dingen unver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Immer wieder erinnert man sich beim Lesen an den ersten Satz des Buches und fragt sich, ob der Freitod von Frau Ahrens mit irgendetwas zu tun haben wird, was sich da zwischen den beiden Familien und den beiden Frauen im Besonderen entwickelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend Armstrong und Aldrin ihre F\u00fc\u00dfe in den Staub der Mondoberfl\u00e4che dr\u00fccken, haben Tobias und Rosa auf der einen und Frau Ahrens und Frau Leinhard ganz spezielle erotische Erlebnisse. W\u00e4hrend Tobias das gut verkraftet und er Jahrzehnte sp\u00e4ter als f\u00fcr die Mission \u201eRosetta\u201c bei der ESOC in Darmstadt verantwortlicher Wissenschaftler der erfolgreichen Schriftstellerin Rosa Leinhard nach einer unerkannten Begegnung auf der Frankfurter Buchmesse einen Brief schreiben wird, endet der pers\u00f6nliche und politische Aufbruch f\u00fcr Tobias` Mutter tragisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit der einfachen und dem jungen Alter entsprechend naiven Stimme von Tobias Ahrens ist es Ulrich Woelk hervorragend gelungen, etwas einzufangen von jenem Aufbruch und jener Ver\u00e4nderung, die mit dem Jahr 1969 selbst ehedem konservative Menschen langsam ihr Leben umkrempeln lie\u00df. Meist mit vielen Konflikten, auch Trennungen, aber mehr oder weniger unwiderruflich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bin 1954 geboren und habe mich in manchem, was in diesem unterhaltsamen Roman erz\u00e4hlt wird, wiedergefunden, vor allen Dingen in der Musik, den zarten ersten sexuellen Erfahrungen und dem Erwachen eines politischen Bewusstseins.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; Ulrich Woelk, Der Sommer meiner Mutter, C. H. 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