{"id":7134,"date":"2019-02-04T13:12:55","date_gmt":"2019-02-04T11:12:55","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=7134"},"modified":"2019-02-04T13:12:55","modified_gmt":"2019-02-04T11:12:55","slug":"agathe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=7134","title":{"rendered":"Agathe"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/54342003n.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-7135\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/54342003n-183x300.jpg\" alt=\"\" width=\"183\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/54342003n-183x300.jpg 183w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/54342003n.jpg 242w\" sizes=\"auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Anne Cathrine Bomann, Agathe, Hanser Verlag 2019, ISBN 978-3-446-26191-4<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Selbst als Psychologin arbeitend, erz\u00e4hlt die d\u00e4nische Autorin Anne Cathrine Bomann in ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Roman (Franziska H\u00fcther hat ihn aus den D\u00e4nischen \u00fcbersetzt) von einem Psychoanalytiker. Sie verlegt die Handlung des Romans in das Jahr 1948 in einen Vorort von Paris, in eine Wohnung in der sie selbst Jahrzehnte sp\u00e4ter selbst f\u00fcr ein Jahr gelebt hat. Der Psychoanalytiker wird in f\u00fcnf Monaten 72 Jahre alt werden, und hat beschlossen, dann seine T\u00e4tigkeit zu beenden. Eine T\u00e4tigkeit, die ihm offensichtlich schon seit langem keine Freude mehr macht, wenn er sie denn jemals mit irgendeinem Gef\u00fchl f\u00fcr seine Patienten ausge\u00fcbt hat. Seit 35 Jahren f\u00fchrt Madame Surrugue seine Patientenverwaltung und h\u00e4lt die Praxisr\u00e4ume in Schuss. Der Arzt selbst lebt ein einsames, ja fast schon armseliges Leben.<\/p>\n<p>Als sich eines Tages &#8211; \u00a0er z\u00e4hlt noch insgesamt achthundert Gespr\u00e4che,\u00a0 die er bis zu seinem Ruhestand f\u00fchren muss- \u00a0eine Frau namens Agathe, die dringend mit dem Arzt sprechen will, nicht abwimmeln l\u00e4sst und von Madame Surrugue einen Termin bekommt, kommt frischer Wind in sein Leben. Die neue Patientin ist eine manisch-depressive Person, die sich schon seit \u00fcber zwei Jahrzehnten relativ erfolglos in psychiatrischer Behandlung befindet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie mischt schon nach wenigen Gespr\u00e4chsterminen das Leben des Analytikers auf, das sich in den letzten Jahren dumpf dem Ruhestand entgegen bewegte. Nachdem sie es tats\u00e4chlich geschafft hat, sich in seinem Terminkalender einen festen Platz zu erk\u00e4mpfen, l\u00f6st sie, mit jedem Gespr\u00e4ch mehr, etwas bei ihm aus, was er schon lange nicht mehr erlebt hat, wenn er es \u00fcberhaupt jemals kennengelernt hat. Agathe holt ihn aus seiner angeblich professionellen Distanz, die nur noch zur Lethargie degeneriert ist ohne irgendein Gef\u00fchl f\u00fcr die Menschen, die ihm gegen\u00fcber auf dem Diwan liegen und \u00fcber ihre Probleme reden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seit langem hat er wieder einmal ein Gesp\u00fcr f\u00fcr die Seele des Menschen, der da seine Hilfe sucht. Er h\u00f6rt wieder zu. Doch auch sie selbst durchbricht die k\u00fchle Distanz und konfrontiert den Analytiker mit seinem Leben und zeigt ihm, wie leer und einsam es ist und wie wenig er eigentlich von den Menschen versteht, f\u00fcr die er doch da sein will. Sie konfrontiert ihn damit, dass er nach dem Ende seiner T\u00e4tigkeit, der er doch so entgegenfiebert, nichts mehr haben wird, wof\u00fcr er morgens aufsteht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachdem seine Angestellte Madame Surrugue eine lange Zeit zu Hause bleibt, um ihren krebskranken Mann zu pflegen, verkommt die Praxis regelrecht, was Agathe nat\u00fcrlich treffend bemerkt. Ein Besuch bei dem Ehemann seiner Angestellten und ein eher hilfloses Gespr\u00e4ch mit ihm \u00fcber die Angst vor dem Tod, tauen den ich-erz\u00e4hlenden Analytiker weiter auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und so \u00fcberrascht es nicht, dass Frau Surrugue, als sie nach der Beerdigung ihres Mannes, an der der Arzt teilnimmt und sogar Worte des Mitgef\u00fchls findet, in die Praxis zur\u00fcckkehrt, einfach entscheidet, dass diese weitergef\u00fchrt wird. Und es \u00fcberrascht auch nicht, dass Agathe es am Ende schafft, den Arzt in eine Cafe zu locken: \u201eNa, Doktor, kommen Sie nun oder nicht?\u201c, fragt sie ihn am Ende des Buches. Und der Leser ahnt, dass nicht nur das Privatleben des Arztes eine sp\u00e4te Wendung erfahren wird, sondern auch die professionellen Gespr\u00e4che, die er weiter f\u00fchren wird, von mehr Empathie f\u00fcr seine Patienten gepr\u00e4gt sein werden.<\/p>\n<p>Anne Cathrine Bomann hat eine wunderbare\u00a0 zeitlose Geschichte erz\u00e4hlt\u00a0 \u00fcber N\u00e4he und Freundschaft, voller Z\u00e4rtlichkeit f\u00fcr ihre Personen und mit wamherzigem Humor. Fazit: Es ist nie zu sp\u00e4t, um N\u00e4he zuzulassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Anne Cathrine Bomann, Agathe, Hanser Verlag 2019, ISBN 978-3-446-26191-4 &nbsp; Selbst als Psychologin arbeitend, erz\u00e4hlt die d\u00e4nische Autorin Anne Cathrine Bomann in ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Roman (Franziska H\u00fcther hat ihn aus den D\u00e4nischen \u00fcbersetzt) von einem Psychoanalytiker. 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