{"id":7390,"date":"2019-03-28T09:35:20","date_gmt":"2019-03-28T07:35:20","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=7390"},"modified":"2019-03-28T09:35:20","modified_gmt":"2019-03-28T07:35:20","slug":"abels-letzter-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=7390","title":{"rendered":"Abels letzter Krieg"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/52470000n.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-7391\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/52470000n-193x300.jpg\" alt=\"\" width=\"193\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/52470000n-193x300.jpg 193w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/52470000n.jpg 242w\" sizes=\"auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Daan Heerma van Voss, Abels letzter Krieg, DTV 2018, ISBN 978-2-423-28968-9<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das vorliegende Buch ist ein engagiertes Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen bedingungslosen Einsatz in einer Gegenwart, in der sein Autor mannigfach Parallelen zieht zu einer Vergangenheit, in der w\u00e4hrend des Nationalsozialismus Millionen von Menschen verfolgt wurden und den Tod fanden. Dieser Vergleich, der sich van Voss` Protagonisten Abel Kaplan immer wieder aufdr\u00e4ngt, ist gewagt, und ich bin mir nicht sicher, ob er der Grund ist, warum das schon 2018 bei DTV erschienene Buch bisher jedenfalls keine nennenswerte Resonanz bei der hiesigen Literaturkritik gefunden hat.<\/p>\n<p>Abel Kaplan war fr\u00fcher ein durchaus erfolgreicher Schriftsteller. Doch seit einiger Zeit will ihm nichts mehr einfallen. Seit langem wartet er auf die Idee f\u00fcr das gro\u00dfe Buch. Seine Frau Eva, deren Namen er angenommen und f\u00fcr die er zum Judentum konvertiert ist, mag nicht mehr mit ihm zusammenleben, nur zum gelegentlichen Sex treffen sie sich. Weil er kaum noch Tantiemen verdient, arbeitet er in Amsterdam in einer islamischen Schule. Aus einem kleinen Raum, der aussieht wie eine Rumpelkammer, erledigt er diversen Verwaltungskram und notiert akribisch die Fehlzeiten der Sch\u00fcler. Hier habe ich schon zum ersten Mal die Stirn gerunzelt angesichts der Unwahrscheinlichkeit einer solchen Konstruktion. Weitere Handlungskonstruktionen \u00e4hnlicher Art werden im Laufe des Buches folgen. Bei jedem anderen Buch h\u00e4tte ich es aus der Hand gelegt und auf den Lektor geschimpft, der so ein wirres Konzept zul\u00e4sst, doch irgendetwas an diesem Abel Kaplan hat mich vom ersten Moment an angezogen. Es ist nicht sein Weltschmerz und seine Unzufriedenheit, es sind die Dinge, die sein Leben von heute auf morgen auf den Kopf stellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da ist ein Sch\u00fcler, der von seinen Mitsch\u00fclern gemobbt und schwer gequ\u00e4lt wird. Doch seine naiv-hilflosen Briefe an den Rektor der Schule werden nicht beantwortet. Gleichzeitig entdeckt Abel in der Stadt ein Geb\u00e4ude, das hoch umz\u00e4unt ist und von bewaffneten Sicherheitskr\u00e4ften bewacht wird.<\/p>\n<p>Seine Freundin Judith erz\u00e4hlt ihm, dass es sich um eine Abschiebelager f\u00fcr Roma handelt, was ihn in seiner Weltsicht, da wiederhole sich Geschichte, nur best\u00e4tigt. W\u00e4hrend dieses Lager ger\u00e4umt wird, rettet er einen Romajungen und nimmt ihn bei sich auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und Abel kopiert heimlich das Tagebuch, das Judiths Vater hinterlassen hat und in dem der seine Erfahrungen als junger H\u00e4ftling im Vernichtungslager Auschwitz aufgeschrieben hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese drei Erfahrungen machen aus dem vorher eher stillen und passiven Zeitgenossen einen getriebenen Menschen, der glaubt, die Welt und sich selbst retten zu k\u00f6nnen und dabei st\u00e4ndig Grenzen \u00fcberschreitet. In der Schule findet er keinen geeigneten Weg, dem kleinen Ibrahim zu helfen, w\u00e4hlt ungeeignete und naive Interventionen und wird schlie\u00dflich entlassen.<\/p>\n<p>Die Betreuung des Romajungen \u00fcberfordert ihn und seine Vorstellung, er tue genau das, was Menschen im Dritten Reich taten, als sie Juden versteckten, fand ich \u00fcberzogen und unangemessen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sein Umgang mit dem entwendeten Tagebuch ist genauso widerspr\u00fcchlich. Er passt die Eintr\u00e4ge an, ver\u00e4ndert sie und macht sie so zu einem eigenen Text, von dem er sich singul\u00e4re literarkritische Aufmerksamkeit verspricht. Er ger\u00e4t an den Historiker van Stolk, der sich selbst als F\u00e4lscher herausstellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Roman ist mit vielen verschiedenen, teilweise unwahrscheinlichen Handlungsstr\u00e4ngen \u00fcberladen, transportiert aber zwei wichtige Botschaften: einmal ist es wichtig und richtig, gegen aktuelle Gewalt und aktuelles Unrecht aktiv zu werden und Verantwortung zu \u00fcbernehmen, aber eben nicht allein und einzelk\u00e4mpferisch wie Abel es tut. Und zum anderen ist es wichtig, die Erinnerungen und Dokumente von Zeitzeugen f\u00fcr kommende Generationen zu erhalten und zu bewahren<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abel Kaplan scheitert mit seinem gro\u00dfen Buch und auch Daan Heerma van Voss` Versuch eines Portr\u00e4ts eines leidenschaftlichen Menschen, der versucht in unmenschlichen Zeiten menschlich zu sein, misslingt an vielen Stellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dennoch: der Roman hat mich mitgerissen und die Frage, die er stellt, nicht losgelassen: was bedeutet es heute, menschlich zu sein und was bedeutet es, Verantwortung zu nehmen innerhalb von gesellschaftlichen Zust\u00e4nden, die tats\u00e4chlich an \u00fcble Zeiten erinnern, die meine Generation lange \u00fcberwunden glaubte. Doch nun vor dem letzten Viertel unseres Lebens m\u00fcssen wir uns mit der Tatsache auseinandersetzen, dass vieles auf einmal wieder m\u00f6glich scheint und die Zukunft unsere Kinder dunkler scheint als wir f\u00fcr m\u00f6glich hielten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eAbels letzter Krieg\u201c erinnert daran.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; Daan Heerma van Voss, Abels letzter Krieg, DTV 2018, ISBN 978-2-423-28968-9 &nbsp; Das vorliegende Buch ist ein engagiertes Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen bedingungslosen Einsatz in einer Gegenwart, in der sein Autor mannigfach Parallelen zieht zu einer Vergangenheit, in der w\u00e4hrend des Nationalsozialismus Millionen von Menschen verfolgt wurden und den Tod &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=7390\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Abels letzter Krieg<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-7390","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7390","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7390"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7390\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7392,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7390\/revisions\/7392"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7390"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7390"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7390"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}