{"id":7865,"date":"2019-06-26T14:54:48","date_gmt":"2019-06-26T12:54:48","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=7865"},"modified":"2019-06-26T14:54:48","modified_gmt":"2019-06-26T12:54:48","slug":"die-familie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=7865","title":{"rendered":"Die Familie"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/54341160n.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-7866\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/54341160n-181x300.jpg\" alt=\"\" width=\"181\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/54341160n-181x300.jpg 181w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/54341160n.jpg 241w\" sizes=\"auto, (max-width: 181px) 100vw, 181px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Andreas Maier, Die Familie, Suhrkamp 2019, ISBN 978-3-518-42862-7<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit dem vorliegenden siebten Band seines autobiographischen Romanprojekts \u201eOrtsumgehung\u201c hat der in Friedberg in der Wetterau geborene und aufgewachsene Schriftsteller Andreas Maier nicht nur schon weit \u00fcber die H\u00e4lfte des auf angeblich elf B\u00e4nde angelegten Werkes vollendet, sondern die schon in dem letzten Roman \u201eDie Universit\u00e4t\u201c und auch schon in \u201eDer Kreis\u201c angelegte Wende in seiner Entwicklung, die Geburt eines K\u00fcnstlers und einer Idee von der Welt und seiner Aufgabe in ihr wird weiter entwickelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inspiriert von Thomas Bernhard, \u00fcber den er auch promovierte, entwickelte Andreas Maier schon in den B\u00e4nden \u201eDas Zimmer\u201c, \u201eDas Haus\u201c, \u201eDie Stra\u00dfe\u201c, \u201eDer Ort\u201c \u00a0und \u201eDer Kreis\u201c seit 2010 von Buch zu Buch das autobiographische Erz\u00e4hlen als Kunstform und erweiterte sukzessive sein Beobachtungsspektrum. Quasi wie in konzentrischen Kreisen erz\u00e4hlt er immer wieder von seiner Kindheit und Jugend und setzt mit jedem Buch immer wieder neu an, bezieht sich auf Bekanntes, f\u00fcgt Neues hinzu und begleitet als erwachsener Intellektueller mit gro\u00dfem Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen sich selbst als Kind und Jugendlicher auf dem Weg in die Welt und ins k\u00fcnstlerische, \u00e4sthetische und politische Bewusstsein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In dem neuen hier vorliegenden Band \u201eDie Familie\u201c ist meiner Erinnerung nach (ich habe alle B\u00e4nde mit gro\u00dfer Begeisterung gelesen, nachdem sie erschienen waren) zum, ersten Mal jene \u201eOrtumgehung\u201c genannt, die um Friedberg herum gebaut werden soll. Im Unterschied zum letzten Buch allerdings ist dieses Mal kein Datum der Handlung genannt. Damals hatte ich vermutet, dass das ganze Projekt schon l\u00e4ngst geschrieben ist und nur nach und nach ver\u00f6ffentlicht wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Andreas Maier beschreibt von seinen fr\u00fchen ersten Erinnerungen als dreij\u00e4hriger Junge bis zu einer nicht mit einem Datum versehenen Gegenwart, in der er als Schriftsteller gerade an \u201eDie Familie\u201c arbeitet und mit Hilfe seiner ehemaligen Freundin, der Buchh\u00e4ndlertochter, ein bisher gut geh\u00fctetes und verborgenes Familiengeheimnis l\u00fcftet, seine Familie. Die leicht esoterisch angehauchte Mutter, den als Anwalt und Lokalpolitiker der CDU erfolgreichen Vater, seinen behinderten Onkel J. und seine geliebte Gro\u00dfmutter, an deren Schreibtisch er seine B\u00fcchern schreibt, sie alle kennen wir aus den fr\u00fcheren B\u00e4nden. Wer im neuen Buch eine relativ gro\u00dfe Rolle spielt, ist Maiers 5 Jahre \u00e4lterer Bruder und dessen fr\u00fche, meist erfolgreichen Versuche, gegen die Eltern und deren Regeln zu opponieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieser Bruder, der schlie\u00dflich abtaucht und sich nicht mehr meldet, ist f\u00fcr den jungen Andreas Maier schon fr\u00fch der Anlass, sich mit der Unterscheidung von wahr und falsch und der L\u00fcge im privaten und im \u00f6ffentlichen Leben zu befassen, was ihn im Studium in Frankfurt dazu f\u00fchrt, sich mit Wahrheitstheorien auseinanderzusetzen (vgl. \u201eDie Universit\u00e4t\u201c).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Beschreibung seiner Familie und ihrer Geschichte ist von dieser Suche gepr\u00e4gt. Immer wieder sp\u00fcrt er den Widerspr\u00fcchen nach und sp\u00fcrt die Risse, die die Welt durchziehen, fast k\u00f6rperlich am eigenen Leib.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als am Ende eines jahrelangen Nachfragens nach den Urspr\u00fcngen des gro\u00dfen Besitzes der Familie mit Hilfe der Buchh\u00e4ndlertochter, die in der Friedberger Lokalgeschichte geforscht hat, herauskommt, dass der Reichtum der Familie j\u00fcdischen Ursprungs ist, den seine Vorfahren sich 1939 von einem wohlhabenden Juden namens Seligman\u00a0 unter ungekl\u00e4rten Umst\u00e4nden angeeignet haben, ist er nicht wirklich \u00fcberrascht. Und er erkennt: \u201eMeine Familie ist eine Familie, die immer Grabsteine gemacht hat. Auch ihre eigenen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bin sehr gespannt, wie der sein Leben reflektierende Andreas Maier mit dieser Erkenntnis im n\u00e4chsten Band seiner \u201eOrtsumgehung\u201c umgehen wird. Auch darauf, wie er ganz pers\u00f6nlich mit seiner spirituellen Suche weiterkommt, die er in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen 2006 schon so beschrieben hatte:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eIch bin nur ein Mensch auf der Suche nach Worten, die l\u00e4ngst schon gefunden sind, die im Matth\u00e4usevangelium schon alle dastehen, in perfekten logischen Sequenzen, sch\u00e4rfer, als Wittgenstein es je gekonnt h\u00e4tte, eine ersch\u00f6pfende Analyse dessen, warum wir falsch sind und warum wir dadurch schuldig werden vor allem und vor jedem, n\u00e4mlich blo\u00df kraft unseres wahrheitsfernen Tuns. Eine literarische Form daf\u00fcr zu finden ist sehr schwer, ich glaube, man kann keine Form daf\u00fcr finden, da\u00df wir falsch sind, keine ernste, denn eine Form, die sich vom Einverst\u00e4ndnis des Lesers verabschiedet, ist keine Form, sondern f\u00fcr den Leser eine Zumutung, wie ja auch das Matth\u00e4usevangelium. Das gr\u00f6\u00dfte philosophische Werk des Abendlandes. Das uns nichts sagt als blo\u00df: Seid nicht. Das uns sagt: Wenn ihr aufh\u00f6rt, zu sein, dann seid ihr. Meine Damen und Herren ,wenn wir uns im Matth\u00e4usevangelium wieder finden, dann immer nur auf der Seite der Hohepriester, immer auf der Seite der Kleingl\u00e4ubigen, der Rechthaber, der Schriftgelehrten und Sophisten. Also auf Seiten derer, die sich verteidigen, die verteidigen, was sie haben, als sei das richtig, das ist unser t\u00e4gliches Brot, die Selbstverteidigung, aber dieses Brot hat uns Gott nicht gegeben, und \u00fcbrigens auch die Philosophie nicht, und die Literatur auch nicht. Und Sie begreifen vielleicht gar nicht, was das ist. Die Sie alles, was Sie haben und tun und wollen und erlangen, f\u00fcr nat\u00fcrlich und gut halten, und wenn Sie kurz nachdenken w\u00fcrden, aber im Ernst nachdenken, kehrten Sie um, aber das werden Sie nicht tun.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr Literatur hat das eine wichtige Bedeutung, auch f\u00fcr seine eigene:<\/p>\n<p>\u201eIch w\u00fcsste nichts anderes, als dass Literatur den Zweck hat (meine Literatur, die ich lese und die ich schreibe), die Wahrheit zu sagen, nicht explizit, sondern anders. Auch wenn die explizite Wahrheit vielleicht im Schweigen liegt und vielleicht sogar darin, dass ich immer nur erkenne, da\u00df sie so niemand richtig sagen kann, und vor allem ich nicht. Die Wahrheit ist, dass wir falsch sind und richtig sein k\u00f6nnten und falsch allein kraft unseres eigenen Entschlusses, oder nennen wir es meinetwegen auch Tr\u00e4gheit, sind. Die Wahrheit ist, dass wir uns alle als moralische Wesen darstellen, aber faul sind, roh, verschlagen und brutal noch in den unbeachtesten Momenten. Aber alles das l\u00e4sst sich in der Literatur kaum sagen, das kann ich Ihnen sagen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Maier hat einmal verraten, dass der letzte Band seiner \u201eOrtsumgehung\u201c sich mit dem lieben Gott befassen wird. Darauf darf man sehr gespannt sein.<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; Andreas Maier, Die Familie, Suhrkamp 2019, ISBN 978-3-518-42862-7 &nbsp; Mit dem vorliegenden siebten Band seines autobiographischen Romanprojekts \u201eOrtsumgehung\u201c hat der in Friedberg in der Wetterau geborene und aufgewachsene Schriftsteller Andreas Maier nicht nur schon weit \u00fcber die H\u00e4lfte des auf angeblich elf B\u00e4nde angelegten Werkes vollendet, sondern die schon in dem &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=7865\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Die Familie<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-7865","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7865","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7865"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7865\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7867,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7865\/revisions\/7867"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7865"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7865"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7865"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}