{"id":8301,"date":"2019-10-24T08:24:37","date_gmt":"2019-10-24T06:24:37","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=8301"},"modified":"2019-10-24T08:24:37","modified_gmt":"2019-10-24T06:24:37","slug":"der-kinderzug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=8301","title":{"rendered":"Der Kinderzug"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/56008321n.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-8297\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/56008321n-196x300.jpg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/56008321n-196x300.jpg 196w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/56008321n.jpg 242w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Michaela K\u00fcpper, Der Kinderzug, Droemer Verlag 2019, ISBN 978-3-426-28218-2<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachdem ihr erster Roman bei Droemer (\u201eKaltenbruch\u201c), ein Kriminalroman, der in der Nachkriegszeit der fr\u00fchen Bundesrepublik spielte, ein gro\u00dfer Erfolg war, hat Michaela K\u00fcpper f\u00fcr ihren neuen Roman die in der Literatur bisher wenig beschriebene Institution der Kinderlandverschickung (KLV) der Nationalsozialisten recherchiert und in einer spannenden fiktiven Handlung beschrieben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Hauptfigur des sensibel und atmosph\u00e4risch dicht erz\u00e4hlten Romans ist die junge Lehrerin Barbara Salzmann. Sie lebt in Essen, wo sie in einer Schule vor einiger Zeit angefangen hat zu unterrichten. Als im Sommer 1943 die Bombardierungen der Alliierten auch das Ruhrgebiet und Essen erreichen, wird Barbara beauftragt, eine Gruppe von M\u00e4dchen auf einer Kinderlandverschickung zu begleiten. Auch der Rektor ihrer Oberschule, Dr. Ritter, wird zusammen mit seiner Familie zu diesem Dienst verpflichtet. Drei Monate lang soll der Aufenthalt in einem Hotel auf der Ostseeinsel Usedom dauern, doch f\u00fcr Barbara und die meisten M\u00e4dchen werden lange Jahre bis nach dem Krieg daraus, dauerhaft getrennt von ihren Familien. Barbaras Freund Johann, ein Soldat, der kurz danach auch wieder zur Front muss, verabschiedet sie am Essener Bahnhof unter Tr\u00e4nen. Sie wissen nicht, ob sie sich angesichts der politischen Lage jemals wiedersehen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das neue Heim der M\u00e4dchen erweist sich als angenehme \u00dcberraschung. Es gibt ausreichend und gut zu essen, und Barbara kann die M\u00e4dchen t\u00e4glich unterrichten. In einem benachbarten Lager von Jungen geht es anders zu. Da werden die Jungs milit\u00e4risch gedrillt und viele freuen sich schon auf ihren sp\u00e4teren Einsatz als Soldaten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Michaela K\u00fcpper treibt die sich \u00fcber zwei lange Jahre hinziehende dramatische Handlung voran, in dem sie insgesamt vier Personen immer wieder von sich erz\u00e4hlen l\u00e4sst, bzw. den Erz\u00e4hler von ihnen. Da ist zun\u00e4chst Barbara Salzmann selbst, deren Schicksal als junge Frau im Nationalsozialismus sozusagen das Zentrum des Romas bildet. Dann gibt es die kleine Edith, die mitverschickt wurde, obwohl sie eigentlich zu jung ist f\u00fcr die Gruppe. An ihrem Beispiel macht die Autorin deutlich, was es f\u00fcr kleinere Kinder bedeutete, so lange von zu Hause und den Eltern getrennt zu sein. Ihre \u00e4ltere Schwester Gisela vertraut ihrem Tagebuch alles an, was sie erlebt. Und da ist Karl, dessen Schicksal die Autorin weiterverfolgt, auch nachdem beide Gruppen l\u00e4ngst Usedom wieder verlassen haben und in unterschiedlichen H\u00e4usern quer durch das Deutsche Reich immer wieder nur f\u00fcr kurze Zeit unterkommen. Karl ist bei der HJ und ein gl\u00fchender Anh\u00e4nger Hitlers.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Geschichte, die erz\u00e4hlt wird, ist eine wahre Odyssee. Sie f\u00fchrt nicht nur die Lehrerin Barbara an ihre Grenzen, sondern auch die Kinder. Einzelne von ihnen muss Barbara im Lauf der langen Zeit Briefe mit Todesnachrichten naher Verwandter vorlesen und sie in ihrer unendlichen Trauer st\u00fctzen, was sie jedes Mal an den Rand ihrer seelischen Kraft bringt. \u00a0Sie, die sich lange aus der Politik herauszuhalten versuchte, wird immer kritischer, als sie zunehmend mit den Methoden und Pl\u00e4nen der Nationalsozialisten konfrontiert wird. Als dann w\u00e4hrend des Aufenthaltes in einem der vielen wechselnden Unterk\u00fcnfte, die ihr und ihren M\u00e4dchen Schutz bieten sollen, ein M\u00e4dchen verschwindet und ein polnischer Fremdarbeiter, der sich r\u00fchrend um die Gruppe gek\u00fcmmert hatte, nicht nur verd\u00e4chtigt, sondern auf dem Marktplatz aufgeh\u00e4ngt wird, da platzt ihr der Kragen und sie bietet den \u00f6rtlichen NS-Funktion\u00e4ren die Stirn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein dramatisches Ende wird schon ganz zu Anfang des Buches beschrieben, nur kennt man da die Handlung noch nicht. Der Roman ist ein bewegendes St\u00fcck literarischer Zeitgeschichte. Er beschreibt sehr gut recherchiert auf dem historischen Hintergrund der wenig bekannt gewordenen Kinderlandverschickungen der Nazis das Schicksal einer immer st\u00e4rker und mutiger werdenden Frau und am Beispiel einiger ausgew\u00e4hlter Kinderfiguren, wie der Krieg deren Kindheit gepr\u00e4gt und verformt hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem Nachwort gibt die Autorin Aufschluss \u00fcber ihre Recherchen und zitiert sie in diesem Zusammenhang auch Loki Schmidt, die selbst als Junglehrerin im Rahmen der KLV t\u00e4tig gewesen ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Durch die immer nach maximal zehn Seiten wechselnden Erz\u00e4hlperspektiven wird der Roman schnell zu einer spannenden, aber sehr bewegenden Lekt\u00fcre, die dem Leser eine Geschichte der letzten Jahre des NS-Systems bis in die Zeit im September 1945 bietet, die er bisher wahrscheinlich nicht kannte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach \u201eKaltenbruch\u201c ein weiterer anspruchsvoller Roman von Michaela K\u00fcpper, der mich sehr gespannt auf ihr n\u00e4chstes Buch warten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michaela K\u00fcpper, Der Kinderzug, Droemer Verlag 2019, ISBN 978-3-426-28218-2 &nbsp; Nachdem ihr erster Roman bei Droemer (\u201eKaltenbruch\u201c), ein Kriminalroman, der in der Nachkriegszeit der fr\u00fchen Bundesrepublik spielte, ein gro\u00dfer Erfolg war, hat Michaela K\u00fcpper f\u00fcr ihren neuen Roman die in der Literatur bisher wenig beschriebene Institution der Kinderlandverschickung (KLV) der Nationalsozialisten recherchiert und in einer &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=8301\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Der Kinderzug<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-8301","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8301","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8301"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8301\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8302,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8301\/revisions\/8302"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8301"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8301"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8301"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}