{"id":8322,"date":"2019-11-01T13:19:22","date_gmt":"2019-11-01T11:19:22","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=8322"},"modified":"2019-11-01T13:19:22","modified_gmt":"2019-11-01T11:19:22","slug":"fliege-fort-fliege-fort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=8322","title":{"rendered":"Fliege fort, fliege fort"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/55963919n.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-8323\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/55963919n-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/55963919n-184x300.jpg 184w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/55963919n.jpg 242w\" sizes=\"auto, (max-width: 184px) 100vw, 184px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Paulus Hochgatterer, Fliege fort, fliege fort, Deuticke Verlag 2019, ISBN\u00a0 978-3-552-06403-4<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon in seinen beiden hervorragenden Romanen \u201eDie S\u00fc\u00dfe des Lebens\u201c(2006) und\u00a0 \u201eDas Matratzenhaus\u201c (2010) hatte der in Wien lebende und dort als Kinderpsychiater arbeitende Schriftsteller Paulus Hochgatterer ein Ermittlerduo vorgestellt, wie es unterschiedlicher nicht sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da ist zum einen Raffael Horn, ein in einer Klinik arbeitender Kinderpsychiater. In diese Person und ihre Ansichten politischer und psychologischer Natur hat Hochgatterer vermutlich sehr viel Eigenes hineingelegt. Horn schaut ohne Illusionen auf sein Leben und seine T\u00e4tigkeit:<\/p>\n<p>\u201eDas Leben geht immer schlecht aus. Als Psychiater bin ich in Wahrheit mit nichts anderem besch\u00e4ftigt als damit, den Menschen vorzumachen, dass es nicht so ist. Ich bin ein Gaukler, dachte er. Dass das Leben immer schlecht ausgeht, ist Grund genug, verr\u00fcckt zu werden oder sich aufzuschneiden oder sich Heroin in die Venen zu hauen, aber das darfst du nicht laut sagen.\u201c (\u201eDie S\u00fc\u00dfe des Lebens\u201c)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dabei wird er nie zynisch, sondern er tr\u00e4gt zutiefst menschliche Z\u00fcge, sowohl in seinen beruflichen, als auch in seinen privaten Beziehungen. Er macht sich keine Illusionen, nicht \u00fcber die Politik seines Heimatlandes \u00d6sterreich und der Notablen seiner Stadt Furth , in die er nach seiner Facharztausbildung in Wien zusammen mit seiner Frau gezogen ist, und auch nicht \u00fcber seine Beziehung zu seinen Kindern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum anderen ist Teil des Duos der Kriminalkommissar Ludwig Kovacs, der, geschieden, in einer lockeren, von seiner Seite aus haupts\u00e4chlich sexuell orientierten Beziehung mit Marlene, der Betreiberin eines Secondhand-Shops lebt, mit der er sich in der Regel einmal in der Woche zu einem Essen und anderen Bed\u00fcrfnisbefriedigungen trifft. In seinen einsamen Nachtstunden blickt er durch ein Fernrohr in die Weite des Universums, und versucht dabei seine Gedanken und Gef\u00fchle zu ordnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beide sind mittlerweile \u00e4lter geworden. Horn spricht oft laut aus, was er denkt und schl\u00e4gt sich mit seinem renitenten Sohn Tobias herum, den Hochgatterer in den vielstr\u00e4ngigen Handlungsverlauf des Buches einbezogen hat, und Kovacs steht kurz vor seinem Ruhestand und l\u00e4sst sich von nichts und niemand aus der Ruhe bringen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Obwohl sie sich auch in diesem Buch nicht pers\u00f6nlich begegnen, sind Horn und Kovacs in ihren jeweiligen T\u00e4tigkeiten konfrontiert mit den gleichen Ph\u00e4nomenen, bei denen etliche \u00e4ltere Menschen auf mysteri\u00f6se Weise zu erheblichem k\u00f6rperlichem Schaden kommen. Sie haben zun\u00e4chst nur eines gemeinsam: sie schweigen eisern \u00fcber den wirklichen Tathergang.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unerkl\u00e4rlich scheinen all diese Vorkommnisse, die der Autor beschreibt. In Furth am See hat sich einiges ge\u00e4ndert. In der sogenannten \u201eBurg\u201c, einem ausrangierten und halb verfallenen ehemaligen Kinderheim, hat der Staat ein Quartier f\u00fcr alle unbegleiteten minderj\u00e4hrigen Fl\u00fcchtlinge des Landes eingerichtet, das nicht nur von der Bev\u00f6lkerung, sondern auch von der Polizistin Petra Lindstr\u00f6m, die zu dem Referat von Kovacs geh\u00f6rt, als \u201eLager\u201c bezeichnet wird. Es wird bewacht von einem privaten Sicherheitsdienst, schwarz gekleideten jungen M\u00e4nnern, die sich \u201eAktion 18\u201c nennen, ein klarer Hinweis auf die rechtsradikale Gesinnung dieser Truppe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Etliche dieser Fl\u00fcchtlinge besuchen auch das \u00f6rtliche Jugendzentrum \u201eCome In\u201c, in der aus dem ersten Roman bekannte Benediktinerpater Joseph Bauer in einem Betreuerteam mitarbeitet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>All diese Menschen werden von Paulus Hochgatterer in eine Handlung eingef\u00fchrt, in\u00a0 der der Leser lange keine roten Faden sehen kann, sich aber an der meist in wunderbar formulierter indirekter Rede gehaltenen Sprache des Autors erfreut. Wie er die Personen in Horns und Kovacs jeweiligen Abteilungen beschreibt und ihre Beziehungen untereinander, steht in einem wohltuenden Gegensatz zu der dunklen und bedrohlich erscheinenden Welt, in der sie leben und ihren Dienst tun.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Immer wieder in ihre privaten Angelegenheit involviert, die Hochgatterer sensibel und warmherzig beschreibt, versuchen sie die sp\u00e4rlichen Anhaltspunkte, die ihnen zur Verf\u00fcgung stehen, miteinander zu verbinden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als dann noch ein M\u00e4dchen spurlos verschwindet, sind sie gezwungen, in eine ganz alte, offenbar l\u00e4ngst vergangene Geschichte einzutauchen, die zu tun hat mit der \u201eBurg\u201c und dem, was darin einst vor sich gegangen ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Roman bietet Unterhaltung und Spannung auf einem sehr hohen sprachlichen und literarischen Niveau. In einer Danksagung nennt er seinen Roman \u201eein Buch \u00fcber den Sieg der Imagination des Individuums \u00fcber die Diktatur der gleichgerichteten Einigkeit.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Paulus Hochgatterer hat erneut vieles von dem, was ihn als politischen Zeitgenossen in \u00d6sterreich bewegt und besch\u00e4ftigt, sehr gelungen in seine beiden Hauptfiguren gelegt und einen offenen, den Leser teilweise verst\u00f6renden Roman geschrieben, in der er Verbrechen an Kindern thematisiert, die am Rande der Gesellschaft leben. Hochgatterer erz\u00e4hlt auch durch seine besondere Technik undramatisch, und erzielt beim Leser dadurch eine Wirkung, die ihn aufs Tiefste ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Roman mit beeindruckenden Figuren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; Paulus Hochgatterer, Fliege fort, fliege fort, Deuticke Verlag 2019, ISBN\u00a0 978-3-552-06403-4 &nbsp; Schon in seinen beiden hervorragenden Romanen \u201eDie S\u00fc\u00dfe des Lebens\u201c(2006) und\u00a0 \u201eDas Matratzenhaus\u201c (2010) hatte der in Wien lebende und dort als Kinderpsychiater arbeitende Schriftsteller Paulus Hochgatterer ein Ermittlerduo vorgestellt, wie es unterschiedlicher nicht sein k\u00f6nnte. &nbsp; Da ist zum &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=8322\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Fliege fort, fliege fort<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-8322","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8322","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8322"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8322\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8324,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8322\/revisions\/8324"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8322"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8322"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8322"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}