{"id":928,"date":"2015-12-10T16:20:15","date_gmt":"2015-12-10T14:20:15","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=928"},"modified":"2015-12-10T16:20:15","modified_gmt":"2015-12-10T14:20:15","slug":"in-einer-anderen-haut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=928","title":{"rendered":"In einer anderen Haut"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/42638200z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-929\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/42638200z-194x300.jpg\" alt=\"42638200z\" width=\"194\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/42638200z-194x300.jpg 194w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/42638200z.jpg 308w\" sizes=\"auto, (max-width: 194px) 100vw, 194px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alix Ohlin, In einer anderen Haut, DTV 2015, ISBN 978-3-423-14459-9<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Warum eigentlich helfen sich Menschen gegenseitig? Was treibt Menschen dazu, sich f\u00fcr andere regelrecht aufzuopfern? Tun sie es, weil sie sich lieben? Weil sie sich danach besser f\u00fchlen? Oder etwa auch, weil sie das Gef\u00fchl der Macht, das das Helfen ihnen vermittelt, genie\u00dfen, auch wenn sie es sich selbst niemals eingestehen w\u00fcrden?<\/p>\n<p>Die Protagonisten in dem hier vorliegenden in vielen Sprachen \u00fcbersetzten Roman der Kanadierin Alix Ohlin haben alle miteinander in irgendeiner Weise von diesem \u201eHelfergen\u201c etwas abbekommen und es bringt sie in unterschiedliche, manchmal auch unm\u00f6gliche Situationen.<\/p>\n<p>Da ist zun\u00e4chst die Psychotherapeutin Grace, die eines Tages w\u00e4hrend eines Langlaufs einen leblosen Mann im Schnee findet mit einem Strick um den Hals. Sie lockert die Schlinge, ruft den Notarzt und begleitet den lebensm\u00fcden, bewusstlosen Mann in die Klinik. Vielleicht schon ein Schritt zuviel. Doch es kommt noch h\u00e4rter: als der Mann, bald erwacht, dem behandelnden Arzt erz\u00e4hlt, er und Grace seien ein Ehepaar, das sich gestritten habe und er habe lediglich die Hilfsbereitschaft seiner Frau testen wollen, wird sie, indem sie nicht widerspricht, Teil einer gro\u00dfen L\u00fcgengeschichte. Sie hat, von ihrem Mann Mitch geschieden, der Anziehungskraft, die dieser Mann im Schnee in offensichtlicher Not auf sie aus\u00fcbte, nicht professionell widerstanden. Sich selbst redet sie ein, in den Augen des Mannes einen \u201eLebensfunken\u201c entdeckt zu haben bei der L\u00fcge, den sie \u201eunbedingt bewahren, vom leisen Flackern zu einer richtigen Flamme f\u00e4cheln\u201c will.<\/p>\n<p>Grace f\u00e4hrt Tugwell, so hei\u00dft der Mann, nach Hause und bleibt \u00fcber Nacht bei ihm \u2013 die n\u00e4chste Grenz\u00fcberschreitung. Tugwell wird sich bedeckt halten, kaum mit Grace sprechen in der n\u00e4chsten Zeit, und doch trifft sie sich immer wieder mit ihm und beginnt sogar eine Beziehung. Warum Tugwell sich umbringen wollte, bleibt lange im Dunkeln, die Beziehung zwischen Helfer und Opfer, wie immer beim Helfersyndrom, von Angst und Unfreiheit gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Es gibt aber noch zwei andere Hauptfiguren, deren Lebenswege Alix Ohlin verfolgt und die beide mit dem Leben von Grace verwoben sind. Das ist zum einen Annie, ein junges M\u00e4dchen, die an ihren Eltern leidet. Ohne Gef\u00fchle wird sie von ihnen bevormundet und klein gehalten. Annie schnippelt immer wieder an sich herum und hat eine Technik entwickelt, mit der es ihr gelingt, Menschen dazu zu bringen ihr weh zu tun. Sozusagen das Spiegelbild des Helfersyndroms. Grace kann ihr kaum helfen. Erst als Annie viel sp\u00e4ter nach New York gezogen und fluchtartig alles hinter sich gelassen hat, um dort Schauspielerin zu werden, erlebt sie zum ersten Mal so etwas wie Familie, als sie, in einem ihr unbegreiflichen Helferimpuls eine junge Frau und einen jungen Mann bei sich wohnen l\u00e4sst und beide vor der Obdachlosigkeit bewahrt.<\/p>\n<p>Und da ist Graces ehemaliger Mann Mitch, der ebenfalls als Therapeut arbeitet und seine zweite Frau zur\u00fcckl\u00e4sst, um in die Arktis zu gehen. Dort will er in einer befristeten T\u00e4tigkeit einer Inuit &#8211; Gemeinde helfen, mit ihren Alkoholproblemen zurecht zu kommen- ein hoffnungsloses Unterfangen eines \u201ehilflosen Helfers\u201c (Wolfgang Schmidbauer). Als sich einer seiner Patienten dort umbringt, kehrt er nach Kanada zur\u00fcck, als gebrochener Mann.<\/p>\n<p>In wechselnden Zeitzonen (\u201eMontreal 1996 \u2013 New York 2002- Igaliut 2006\u201c) verfolgt Alix Ohlin den Lebensweg und das Lebensschicksal ihrer Personen, die durch eine m\u00e4chtige Kraft miteinander verbunden sind. Sie sind alle in der Tiefe ihrer Existenz einsam und suchen die N\u00e4he zu anderen Menschen, indem sie, ihnen helfen wollend, sie von sich abh\u00e4ngig machen.<\/p>\n<p>Alix Ohlin gelingt es hervorragend, diese Geschichten miteinander zu verbinden, und bei aller scharf herausgearbeiteten Beschreibung der negativen Folgen nicht reflektierten Helfens, h\u00e4lt sie f\u00fcr ihre Protagonisten auch immer etwas bereit wie sinnvolles, an sein Ziel gekommenes Leben.<\/p>\n<p>Ein beeindruckender Roman mit tragischen und dennoch irgendwie sch\u00f6nen Lebensgeschichten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; Alix Ohlin, In einer anderen Haut, DTV 2015, ISBN 978-3-423-14459-9 &nbsp; &nbsp; Warum eigentlich helfen sich Menschen gegenseitig? Was treibt Menschen dazu, sich f\u00fcr andere regelrecht aufzuopfern? Tun sie es, weil sie sich lieben? Weil sie sich danach besser f\u00fchlen? 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