{"id":932,"date":"2015-12-11T09:35:38","date_gmt":"2015-12-11T07:35:38","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=932"},"modified":"2015-12-11T09:35:38","modified_gmt":"2015-12-11T07:35:38","slug":"marias-testament","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.liesdoch.de\/?p=932","title":{"rendered":"Marias Testament"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/42639877z.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-933\" src=\"http:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/42639877z-188x300.jpg\" alt=\"42639877z\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/42639877z-188x300.jpg 188w, https:\/\/blog.liesdoch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/42639877z.jpg 298w\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Colm Toibin, Marias Testament, DTV 2015, ISBN 978-.3-423-14460-5<\/p>\n<p>Dieser wunderbare und beeindruckende kurze Roman des irischen Schriftstellers Colm Toibin erz\u00e4hlt die Geschichte Jesu auf eine ganz andere Art, wie wir sie aus den Evangelien kennen, ohne deren \u00dcberlieferung zu verf\u00e4lschen oder die dort berichteten Ereignisse auch nur einen Moment lang anzuzweifeln.<\/p>\n<p>Erz\u00e4hlerin ist die Mutter Jesu, Maria, die viele Jahre nach dem Kreuzestod ihres Sohnes Jesus in Ephesus wohnt, wohin sie nach der Kreuzigung mit Hilfe einiger J\u00fcnger geflohen ist.<\/p>\n<p>Seit einiger Zeit bekommt sie regelm\u00e4\u00dfig Besuch von zwei M\u00e4nnern, deren Auftreten und Verhalten sie als unversch\u00e4mt empfindet. Sie wollen, indem sie Marias Erinnerung manipulieren, sie in die fr\u00fchchristliche Legendenbildung um sein Leben und seinen Tod einbinden. Doch sie weigert sich, sich an Ereignisse und Fakten zu erinnern oder sie zu best\u00e4tigen, die es gar nicht gegeben hat. Stattdessen erinnert sie sich f\u00fcr sich selbst (und den von dieser Prosa ebenso begeisterten wie ersch\u00fctterten Leser), wie sie das damalige Geschehen um ihren Sohn erlebt hat.<\/p>\n<p>Als sie einen Hinweis erh\u00e4lt, die Verhaftung ihres Sohnes stehe kurz bevor, reist sie nach Kana, wo sie Jesus bei einer Hochzeit wei\u00df, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen, nach Jerusalem zu gehen, in seinen sicheren Tod. Sie liebt ihren Sohn, h\u00e4lt wohl auch seine Wundertaten f\u00fcr real \u2013 sogar die Auferweckung des Lazarus wird ohne kritischen Unterton berichtet \u2013 doch das Gerede, er sei der Messias, nimmt sie nicht ernst. Im Gegenteil, je mehr Jesus in seiner Rolle als Prophet und Wundert\u00e4ter aufgeht, desto fremder wird er ihr. Von der wachsenden Gruppe seiner Anh\u00e4nger ganz zu schweigen. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie diese in ihrer gro\u00dfen Mehrheit f\u00fcr Spinner und Sektierer h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Es geht Toibin die ganze Zeit \u00fcber darum, wie den biblischen Texten \u00fcbrigens auch, denen er ganz nahe bleibt, ganz tief zu verstehen, was der Mensch ist und was er sein k\u00f6nnte. Dieses Nachdenken hat das Leben Jesu angesto\u00dfen, er hat Generationen von Menschen beeinflusst bis heute. Doch in der Schilderung von Coibins Maria, in ihrem Testament, ist das damalige Geschehen von aller theologischen Reflexion befreit. So wie er sie das Geschehen am Kreuz erleben und schildern l\u00e4sst, wie er sie dieses sie bis an ihr Ende verfolgendes Trauma in Worte fasst, ist ersch\u00fctternd. Eben weil es keine religi\u00f6se Erh\u00f6hung des Geschehens gibt, ist es so dramatisch.<\/p>\n<p>Und als die beiden Besucher gegen Ende des Buches noch einmal kommen, um sie mit ihrem Geschw\u00e4tz zu qu\u00e4len, da sagt sie etwas, was gl\u00e4ubige Christen als H\u00e4resie empfinden werden:<br \/>\n\u201eIch war dort. Ich floh, bevor es vorbei war, aber wenn ihr eine Zeugin braucht, dann bin ich eine Zeugin, und wenn ihr sagt, dass er die Welt erl\u00f6st hat, dann sage ich, dass es das nicht wert war. Das war es nicht wert.\u201c<\/p>\n<p>Ein beeindruckendes und nicht nur f\u00fcr Christen zutiefst verst\u00f6rendes Buch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Colm Toibin, Marias Testament, DTV 2015, ISBN 978-.3-423-14460-5 Dieser wunderbare und beeindruckende kurze Roman des irischen Schriftstellers Colm Toibin erz\u00e4hlt die Geschichte Jesu auf eine ganz andere Art, wie wir sie aus den Evangelien kennen, ohne deren \u00dcberlieferung zu verf\u00e4lschen oder die dort berichteten Ereignisse auch nur einen Moment lang anzuzweifeln. 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