Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Heute bin ich wild und böse

 

 

 

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Jutta Richter, Annette Swoboda, Heute bin ich wild und böse, Coppenrath 2016, ISBN 978-3-649-61870-6

 

Aus einem schon 2009 im Boje Verlag veröffentlichten Gedichtband für Kinder „Am Himmel hängt ein Lachen“ hat Jutta Richter ein Gedicht ausgewählt mit dem Titel „Heute bin ich wild und böse“ und Annette Swoboda hat es auf eine lustige und originelle Weise illustriert.

 

In dem Gedicht geht es um einen Tag im Leben eines Jungen, an dem alles nur blöd ist. Das Kind ist voller Wut und Aggression, hat keine Lust lieb zu sein und zu kuscheln:

„Heute bin ich wild und böse

und ich gehe nicht ins Bett,

knalle Türen mit Getöse,

bin ganz kratzig, bin nicht nett“

 

Die Katze des Jungen beobachtet seine Wut, und lässt sich sogar von ihr anstecken. Doch der Junge hält es nur durch bis zum Abend:

„Aber endlich kommt der Abend

Und das Bösesein ist schwer.

Und ich stehe in der Küche

Und ich bin kein Löwe mehr!“

 

Und dann will er auch wieder kuscheln, geküsst und in den Arm genommen werden, was seine Katze allzu gerne tut.

 

Auffällig ist, dass Annette Swoboda keine Erwachsene dargestellt hat. Vielleicht ein leiser Hinweis darauf, in solcher Phasen nicht einzugreifen?

 

Ein schönes kleines Bilderbuch für Kinder, die sich manchmal richtig wild und böse fühlen.

Das allerkleinste Nachtgespenst

 

 

 

 

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Brigitte Weninger, Eve Tharlet, Das allerkleinste Nachtgespenst, Minedition 2016, ISBN 978-3-86566-229-3

 

Das Autorenduo Weninger/Tharlet hat in den vergangenen Jahren mit etlichen gemeinsamen Bilderbüchern, die bei minedition und anderen Verlagen veröffentlicht wurden, unter Beweis gestellt, wie man mit warmherzigen Geschichten aus der Lebens- und Erfahrungswelt von Kindern und dazu passenden zarten und ansprechenden Illustrationen nicht nur den zuhörenden Kindern, sondern auch den vorlesenden Erwachsenen Freude bereiten kann.

 

Ihr neuestes kleines Buch erzählt von jener Angst, die die meisten kleinen Kinder in einem bestimmten Alter haben. Sie fürchten sich vor Gespenstern in ihrem Zimmer. So geht es auch der kleinen Lena. Kaum ist das Licht gelöscht, tauchen sie auf, jene Schatten, die eigentlich Gespenster sind. Auch wenn die Mama oder der Papa auf ihr Rufen hin ins Zimmer kommen und behaupten, es gäbe keine Gespenster, da verstecken diese sich nur.

 

Doch eines Abends taucht ein kleines, weißes Wesen neben ihrem Kopfkissen auf. Es nennt sich das „allerkleinste Nachtgespenst“ und lehrt Lena einen Spruch, mit dem sie alle Gespenster verjagen kann:

„Ich weiß, du willst mich necken,

Doch du kannst mich nicht erschrecken!

Ich stups dich an, sag nur ein Wort:

HUUU! Und du bist fort!“

 

Lena probiert es aus, und sowohl das Vorhanggespenst als auch das Stuhlgespenst verschwinden tatsächlich.

Und dann kann sie schlafen. Und das allerkleinste Nachtgespenst ist im Übrigen auch ein schönes Kuscheltier.

Eine Bastelanleitung für ein solches Kuscheltier, das die Gespenster vertreibt, findet man auf der Verlagswebseite.

 

 

„Luther wollte mehr“

 

 

 

 

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Eugen Drewermann, Luther wollte mehr, Herder 2016, ISBN 978-3-451-37566-8

 

Heute am 31.10.2016 beginnt in den protestantischen Kirche Deutschlands ein Festjahr, das mit der 500. Wiederkehr des Anschlags der 95 Thesen Martin Luther an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg am 31.10.2017 seine abschließenden Höhepunkt finden wird.

 

In vielen Gottesdiensten, Predigten und Vorträgen wird es darum gehen, die Aktualität der reformatorischen Erkenntnisse Luthers zu evaluieren und zu fragen, wie aktuell seine Theologie ist und wie sie weiter entwickelt werden muss um ihren ursprünglichen  Anliegen Rechnung zu tragen.

 

Schon seit Monaten löst auf dem Büchermarkt eine Veröffentlichung die anderen ab, in denen manchmal eher wissenschaftlich-theologisch, manchmal ehr populär-theologisch die Reformation zum Thema gemacht wird. Auch katholische Autoren zögern nicht, zur Aktualität von Luthers Theologie Stellung zu beziehen.

 

Unter ihnen ragt der von der katholischen Amtskirche sanktionierte Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann mit der vorliegenden Publikation des Herder Verlages heraus.

 

In einem langen Gespräch, das er mit dem Journalisten Jürgen Hoeren, der schon ähnliche Bücher nicht nur mit Drewermann, sondern auch mit Hans Küng und Kardinal Lehmann publizierte, führte, spricht der belesene und unorthodoxe Drewermann über den Reformator und seinen Glauben. Immer wieder – sehr lutherisch – auf die Bibel und ihre Traditionen bezogen, macht er die Lebensgeschichte und die Botschaft Martin Luthers plausibel.

In drei Hauptkapiteln gehen Hoeren und Drewermann systematisch vor:

  • Was bedeutet Luther?
  • Der Kern: das dreimalige „Allein“
  • Religion und Gesellschaft

Durch den natürlich für die Druckfassung überarbeiteten Gesprächscharakter ist das über 330 Seiten starke Buch sehr verständlich, auch für den theologischen Laien. Doch gerade für einen protestantischen Theologen ist es voller überraschende rund neuer Einsichten und Ansichten.

Ein Buch voller reformatorischer Freiheit, theologisch fundiert und voller Leidenschaft für die Botschaft, deren Verkündigung der Kirche aufgetragen ist. Es atmet einen frischen ökumenischen Geist.

Und man fragt sich beim Lesen, warum die katholische Kirche solch einen intelligenten und erfrischenden Theologen im Bann hält.

 

 

 

 

Das Einzige, was jetzt noch zählt

 

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Agnes Ledig, Das Einzige, was jetzt noch zählt, DTV 2016, ISBN 978-3-423-26108-1

 

Ihr letzter Roman „Kurz bevor das Glück beginnt“, das in Frankreich Hunderttausende von Lesern fand, war ein richtig guter und anspruchsvoller Liebesroman, der mich sehr bewegte.

Es war ein Roman ohne Kitsch, der Menschen zeigte, die es nicht leicht haben in ihrem Leben, Menschen, die kämpfen um ihr Leben und ihre Liebe, die nach Tiefschlägen wieder aufstehen und den Mut nie sinken lassen. Ein Buch, das erzählt von tiefem Leid und großem Glück und dass man das eine nur erfährt, wenn man das andere anzunehmen bereit ist. Eine Hymne an das Leben und die große Kraft der Liebe.

 

Entsprechend war ich auf den vorliegenden neuen Roman gespannt, der in Frankreich 2014 erschienen ist und ich wurde wieder nicht enttäuscht. Der Roman erzählt in sehr kurzen Kapiteln, in denen die handelnden Personen abwechselnd in der Ich-Form die Handlung voranschreiten lassen, die Geschichte der Krankenschwester Juliette und des Feuerwehrmanns Romeo. Juliette übt ihre Tätigkeit gerne aus und denkt in deren Zusammenhang oft an die Weisheit ihrer geliebten Großmutter Malou, nach der es keinen einzigen Zufall gibt im  Leben, „denn unser Leben ist vorgezeichnet“. Am Ende des Buches wird sie von der Wahrheit dieses Satzes überzeugt sein.

 

Das Buch beginnt damit, dass ein bei einem Einsatz schwer verletzter Feuerwehrmann auf die Intensivstation kommt, in der Juliette arbeitet. Man weiß nicht, ob er überleben wird. Doch mit unendlich viel Empathie und Einsatz versucht Juliette ihm zu helfen. Sie steht Romeo über viele Woche bei in seiner Angst, tröstet ihn und macht ihm Mut. Romeo hat eine kleine Schwester namens Vanessa, die während seiner Rekonvaleszenz bei seinem Chef unterkommt, immer wieder unterstützt von Juliette, die dafür weit über die Grenzen ihrer Kompetenzen geht.

 

So sehr Juliette sich um andere kümmert, so sehr vernachlässigt sie sich selbst. Sie hat einen bisher unerfüllten Kinderwunsch, und lebt mit einem Partner zusammen, der diese Sehnsucht nach einem Kind nicht teilt und sie im Gegenteil sehr schlecht behandelt. Doch sie ist abhängig von ihm.

 

Romeo verlässt irgendwann die Intensivstation und als er zu einer Reha aufbricht, beschränkt sich der Kontakt zu Juliette auf Briefe. Doch Juliettes Partner setzt dem bald schon ein heftiges Ende.

 

In eingestreuten Tagebucheintragungen von Juliette erfährt der Leser, wie unglücklich Juliette darüber ist. Aber auch Romeo gibt nicht auf. Er kann seine Juliette einfach nicht vergessen.

 

Wieder ein schöner, bewegender und durchaus spannender Liebesroman mit literarischer Qualität, durch den man wegen der knappen Kapitel und der ständig wechselnden Erzählperspektiven regelrecht fliegt….

 

 

 

 

 

 

bilderstrom

 

 

 

 

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Christoph Schaden (Hg.), bilderstrom. Der Rhein und die Fotografie 2016-1853, Hatje Cantz 2016, ISBN n978-3-7757-4190-3

 

Der vorliegende von Christoph Schaden vom LVR-Landesmuseum Bonn herausgegebene Bildband erscheint im Hatje Cantz Verlag anlässlich der gleichnamigen Ausstellung, die vom 9. September 2016 bis zum 22. Januar 2017 dort zu sehen ist.

 

In einer ganz ungewohnten zeitlichen Perspektive werden hier von der Gegenwart 2016 bis zurück in das Jahr 1853 Fotografien präsentiert, die den Rhein an verschiedenen Stellen, hauptsächlich aber den Teil zwischen Mainz und Köln zeigen. Ufer- und Hafenszenen wechseln sich ab mit Städtebildern und Menschenporträts aus den Siedlungen an den Ufern des Rheins.

 

Beeindruckende Bilder eines Stroms, der quer durch die Zeiten Menschen nicht nur magisch angezogen hat, sondern ihnen auch Lebensraum und Nahrung bot.

 

Vier Essays von Christoph Schaden, Gerald Schröder, Adelheid Komenda und Mona Schubert bieten dem Leser dieses empfehlenswerten Bandes(vor allem für jene, die wie der Rezensent ihr ganzes Leben in mittelbarer oder unmittelbarer Nähe dieses Flusses verbracht haben) eine sehr aufschlussreiche kunst- und kulturgeschichtliche Einordnung der in der Ausstellung gezeigten Exponate.

Sie zeigen, wie der Rhein als der vielleicht berühmteste europäische Strom, seit Tausenden von Jahren das Leben der Menschen nicht nur an seinen Ufern geprägt hat.

Selbstporträt mit Flusspferd

 

 

 

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Arno Geiger, Selbstporträt mit Flusspferd, DTV 2016, ISBN 978-3-423-14526-8

 

Der neue, lange erwartete Roman von Arno Geiger, der nun im Taschenbuch bei DTV vorliegt erzählt von einem jungen Mann, der sein Sohn sein könnte. Hatte Geiger sich in seinem 2011 erschienenen Buch „Der alte König in seinem Exil“ noch mit seinem alten Vater und dessen Demenz, mit der Hinfälligkeit am Ende des Lebens und mit dem Sterben und dem Tod beschäftigt, geht es in „Selbstporträt mit Flusspferd“ um die Sinn- und Identitätsfragen am Beginn eines Erwachsenenlebens, ja, um das Erwachsenwerden insgesamt.

 

Denn obwohl in unserem Land kaum eine Generation vorher so behütet und mit so viel Bildungsangeboten aufgewachsen ist, wie die der heute 20-30 Jährigen, tun sich viele junge Menschen schwer, ihren Platz zu finden in Beruf und Gesellschaft. Von der Gründung einer Familie und der Weitergabe ihres Potentials an eigene Kinder einmal ganz abgesehen. Allein in meiner direkten Nachbarschaft und Bekanntschaft in unserer kleinen Stadt kenne ich etwa ein halbes Dutzend junge Menschen, Frauen und Männer, alle im Alter des Geiger`schen Protagonisten Julian, die zum Teil schon seit zwei Jahren nach abgeschlossenem und erfolgreichem Abitur oder Berufsausbildung immer noch „chillen“. Das heißt, sie nehmen weder ein Studium noch eine regelmäßige Arbeit auf, leben nach wie vor zu Hause bei den Eltern, bzw. beim Vater oder der Mutter und lassen sich weiter von ihnen alimentieren. Wenn sie nach den Gründen für diese „Auszeit“, wie sie das nennen, gefragt werden, geben sie an, noch nichts Passendes gefunden zu haben, sich noch orientieren zu wollen, oder auch ganz ehrlich, sie hätten keinen Bock auf so einen Lebensentwurf wie ihre Eltern, mit Arbeit, Anstrengung und auch gelegentlichem Verzicht.  Sie wollten ihr Leben genießen.

 

Julian denkt an einer Stelle gegen Ende von „Selbstporträt mit Flusspferd“ über diese Fragen an der schwierigen Schwelle zwischen Jugend und Erwachsenen nach:  „Gehe ich nach rechts oder links? Wird eine stabile Persönlichkeit aus mir oder ein Niemand, der nichts auf die Reihe kriegt? Finde ich meinen Platz oder gehe ich unter?“

Warum haben sich meine Eltern oder etwa meine Schwiegermutter in diesem Alter solche Fragen nie gestellt? Warum hat diese gegenwärtige Generation, jedenfalls viele unter ihnen, solchew Probleme, in der Welt eine eigenen Platz zu finden? Das fragt sich auch Arno Geiger, der seinen Julian an einer Stelle sagen lässt: „Ich hatte Angst, dass mein Leben im Sand verlief. Ich hatte Angst, dass alles sinnlos war. Ich wusste, was mir fehlte, war ein Mensch.“

 

Das Buch spielt im Sommer 2004 in Wien und erzählt, wie der 22-jährige Student der Tiermedizin Julian nach dem Scheitern seiner Beziehung mit Judith und seinem Rauswurf aus deren Wohnung durch die Hilfe seines Freundes Tibor einen Sommerjob und eine damit verbundene Unterkunft findet. Der an Krebs erkrankte emeritierte Professor Beham, der im Rollstuhl sitzt, hat einem Zwergflusspferd eine vorübergehende Heimat gegeben, und die Aufgabe von Julian ist es, sich um dieses Tier zu kümmern.

 

Mit im Haus ist über den Sommer die Tochter des Professors, Aiko, die aus Paris nach Hause gekommen ist. Diese Frau, zu der sich Julian hingezogen fühlt, ist mindestens so ungewöhnlich und eigenwillig wie ihr Name. Langsam nehmen sie miteinander eine Beziehung auf, die Geiger seinen Ich-Erzähler in alle Schattierungen beschreiben lässt. Doch die beiden leben auch in einer Welt, in der einiges passiert. In Athen finden die Olympischen Spiele statt, in Beslan sterben bei einem Attentat hunderte von Kindern.

 

Doch anders als vielleicht zu früheren Zeiten, von denen so mancher klassischer Bildungsroman berichtet, kann Julian seine Erfahrung der Welt nicht verarbeiten und integrieren. Sie wirkt auf ihn nur extrem verstörend. Zwischen seinen Zweifeln an sich selbst und den barbarischen Bildern im Fernsehen kann er keine sinnvolle Verbindung finden.

 

Geigers Roman liest sich leicht, doch er wirkt tief. Denn das, was Julian 2004 so irritiert, was seine Zukunft in einen undurchsichtigen Nebel hüllt, das ist für viele junge Menschen im Jahr 2014, als er das Buch schrieb, noch viel drängender geworden.

 

Das Hängen zwischen den Zeiten und Identitäten, die Lethargie, die dennoch keine Ruhe kennt, ist für nicht wenige zwischen 20 und 30 ein großes Problem. Es ist ein Phänomen, von dessen Wahrheit man nicht loskommt, und die einen das angebliche „Chillen“ vielleicht noch einmal in einem anderen Licht betrachten lässt.

 

Ich habe daraus gelernt, dass unsere Kinder, die erst in einem oder zwei Jahrzehnten in dieses Alter kommen (was wird dann sein, wie wird die Welt, wie wird unser Land dann aussehen? – niemand weiß das wirklich) uns Erwachsene brauchen, als Vorbilder, als Menschen, die sich selbst diesen schwierigen Fragen stellen und ab einem bestimmten Alter mit ihnen darüber ins Gespräch kommen. Wir dürfen sie nicht im Netz allein lassen, sondern können ihnen zeigen, dass auch wir um Orientierung ringen. Erziehung zur Selbständigkeit, frühe Übernahme von Verantwortung, Verzicht auf Helikopterelternschaft, die ja nur ein Ausdruck ist der Angst der Eltern davor, dass es ihren Kindern irgendwann so geht wie Julian, und viel, viel Zuwendung und Zeit. Das ist meine bescheidene Hoffnung. Das, woran ich mich festhalte und orientiere. Ob das hilft, weiß ich auch nicht.

 

 

 

 

 

Etta und Otto und Russell und James

 

 

 

 

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Emma Hooper, Etta und Otto und Russell und James, Droemer 2016, ISBN  978-3-426-35546-1

 

Ein schönes und weises,  überaus warmherzig geschriebenes  Buch ist hier in aller Kürze vorzustellen. Ein Roman über alte Menschen, das was von ihren Träumen übrig geblieben ist und somit ein Buch über die Zukunft  jedes einzelnen  wohl jüngeren  Lesers.

 

Alle Hauptpersonen in diesem sprachlich sehr einfühlsam daherkommenden Roman sind zum Zeitpunkt der Handlung  83 Jahre alt. Da ist Etta, die, als sie ihre beginnende  Demenz realisiert, sozusagen gegen das endgültige Vergessen eine Wanderung beginnt. Ein Leben lang hat sie davon geträumt, das Meer  zu sehen. Doch statt dieses auf schnellstem Wege zu erreichen, wählt sie mühsame und viel  längere Umwege. Ihr Ehemann Otto, den sie zu Hause  zurücklässt, versteht das und nutzt diese Entscheidung seiner Frau, seinerseits auf seine alten Tage selbständig zu werden.  Er lernt kochen und backen, indem er die von Etta gepflegten Rezeptkarten  benutzt.

 

Russell indes, auch 83 Jahre alt und seit ewigen Zeiten der Nachbar der beiden, bleibt nach der Abreise von Etta nicht so ruhig wie Otto. Schon immer die Nummer zwei im Rennen um Ettas Liebe, bricht er auf, um sie zu finden. Doch stets respektiert er ihren Wunsch nach Distanz.

 

Den hat sie gegenüber James allerdings nicht. Ihn hat sie auf ihrer Wanderung getroffen, und wird nun von ihm auf dem Weg zum Meer begleitet. Emma Hooper beschreibt in Rückblenden, wie Ettas letzte Reise nicht nur bei ihr selbst, sondern auch bei Otto und Russell  eine Vielzahl von Erinnerungen wachruft.  Eine ganz besondere  Dreiecksgeschichte kommt da zum Vorschein, eine Geschichte von Respekt und Freundschaft. Natürlich geht es in diesem außergewöhnlichen Roman auch um die Demenz, die Etta  erst aufbrechen lässt, aber in den Rückblenden auch um Krieg und Frieden.

 

Das Buch liest sich wie ein modernes Märchen und faszinierte mich bis zur letzten Seite.

 

 

Tod zwischen den Zeilen

 

 

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Donna Leon, Tod zwischen den Zeilen, Diogenes 2016, ISBN 978-3-257-24373-4

 

Dreiundzwanzig Fälle, ohne dass die handelnden Personen auch nur ein  Jahr älter werden oder sich entwickeln, das ist einfach zu viel. Die Grenzen der Serie von Donna Leon mit ihrem Commissario Brunetti sind schon seit vielen Jahren und Folgen offensichtlich. Und dennoch gelingt es ihr, mit jedem weiteren Buch sozusagen noch eine Stufe in der literarischen und krimimäßigen Qualität abzusteigen.

 

Spielten die ersten Bände noch in der Championsleague, bewegen sich die letzten und erst recht der neue vorliegende nur noch auf dem Niveau einer fünfklassigen Verbandsliga.

 

Dieses Mal geht es um verschwundene resp. gestohlene Bücher. In der alten ehrwürdigen Biblioteca Merula, in der sich Brunetti in seiner Studienzeit (wann das wohl war?) oft aufhielt werden einzelne Seiten aus einem Buch vermisst, Es handelt sich um wertvolle Reisebeschreibungen aus dem 15. und 16. Jahrhundert.

 

Unter Verdacht gerät ein amerikanischer Wissenschaftler, doch der ist unauffindbar. Brunetti versichert der Unterstützung seiner Schwiegereltern, doch der einzige der etwas wissen könnte ist der ehemalige Priester Aldo Franchini, der sich in der Bibliothek mit den Werken von Tertullian befasst.

 

Als dieser Priester tot aufgefunden wird, kommt so etwas wie eine kleine Spannung in ein Buch, das bis dahin dahingeplätschert war wie ein Fußballspiel in der Sommerpause. Der Bruder des Priester hat keinen guten Leumund für ihn und so ganz nebenbei mit einem für Leon gewohnten kleinen Schuss Sozialkritik gelingt die Lösung eines eher langweiligen Falles.

 

Das Buch ist schwach, die Reihe ausgelutscht, doch ich freue mich für den durch die Frankenaufwertung arg gebeutelten Diogenes Verlag, dass er damit richtig Geld verdienen, und dafür wiederum viele wirklich gute Bücher verlegen kann.

 

 

 

 

Zurück auf Start

 

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Petros Markaris, Zurück auf Start, Diogenes 2016, ISBN 978-3-257-24380-2

 

Natürlich hat sich Petros Markaris, der insbesondere in Deutschland in den letzten Jahren durch differenzierte Stellungnahmen zur finanziellen Situation seiner Heimatlandes Griechenland, deren Ursachen und möglichen Lösungen aufgefallen ist, auch in seinem neuen Fall für seinen Kommissar Kostas Charitos mit den Folgen der Finanzkrise in seinen Land beschäftigt.

Auch wenn natürlich die Geschichte, die erzählt wird, erfunden ist, sind doch, so wie in allen früheren bisher erschienenen Bänden (Hellas Chanell, Nachtfalter, Live!, Der Großaktionär, Die Kinderfrau und Faule Kredite, Zahltag und Abrechnung) auf fast jeder Seite soziale und politische Informationen und Analysen und am Beispiel von Kostas` Familie auch das private Schicksal von Menschen eingeflossen.

Im neuen Buch geht es um die Taten und Absichten einer selbsternannten Gruppe namens „die Griechen der fünfziger Jahre“, der mit Drohbriefen und auch durchgeführten Morden erreichen will, dass nicht nur die Politik “zurück auf Start“ geht und für mehr Gerechtigkeit im Lande sorgt und der Korruption endlich den Kampf ansagt. Lange tappen Charitos und seine bewährte Crew wieder im Dunkeln.
Doch auch in seiner eigenen Familie spürt Kostas die dramatischen Folgen der Krise.  Der Roman ist 2012 in Griechenland erschienen. Markaris konnte die danach sich entwickelnde Situation also nur erahnen, auch wenn ich nach der Beschreibung der Lage im neuen Roman sicher bin, dass sie ihn nicht überrascht. Am Ende lässt er seinen Kommissar nachdenklich sagen: „Ihr muss klar geworden sein, dass das Land nicht zu retten ist, auch nicht von Albanern, die die Uhr zurückdrehen wollen. Griechenland mag unsterblich sein, wie es in unserer Nationalhymne heiß, aber es verändert sich auch nicht, und schon gar nicht zum Guten.“

 

Ein Schwerpunkt des neuen Roman bildet die Politik und der Einfluss der neonazistischen Partei der „Goldenen Morgenröte“ und ihr Rückhalt bis in die höchsten Ebenen der Polizei

 
Es gelingt Petros Markaris wieder einmal auf ganz besondere Weise, nicht nur einen spannenden und originellen Krimi in seiner durchweg empfehlenswerten Reihe vorzulegen, sondern er schafft es, dem deutschen Leser ein zwar fiktionales, deshalb aber nicht weniger realistisches Bild von der Situation und der Not der Menschen in Griechenland zu vermitteln. Sie wissen, dass sie selbst an der Ursache der Misere beteiligt waren, aber sie wissen nun in ihrer zum Teil dramatischen Not nicht mehr aus noch ein.

 

Und eine politikunfähige Regierung aus Ideologen und Fanatikern tut ihr Übriges.

 

 

Kandinsky, Marc und der Blaue Reiter

 

 

 

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Ulf Küster (Hg.) Kandinsky, Marc und der Blaue Reiter, Hatje Cantz 2016, ISBN 978-3-7757-4168-2

 

Anfang des 20. Jahrhunderts schlossen sich verschiedene Künstler zu einer Gruppe zusammen, die man später unter dem Titel der Zeitschrift, die sie erstmals im Mai 1912 herausgaben, „Der Blaue Reiter“ nannte. Dazu gehörte federführend Wassily Kandinsky und Franz Marc, aber auch Gabriele Münter und August Macke wurden bis auf den heutigen Tag einem breiten Publikum unter diesem Namen bekannt.  Während ihrer Suche nach neuen Ausdrucksformen organisierte die Gruppe in München 1911 und 1912 zwei Ausstellungen, um ihre kunsttheoretischen Vorstellungen anhand der ausgestellten Kunstwerke zu dokumentieren.

 

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs löste sich die Gruppe auf.

 

Das vorliegende Buch aus dem Hatje Cantz Verlag dokumentiert mit insgesamt elf informativen kunsthistorischen Essays versehen, eine Ausstellung über den Blauen Reiter, die vom 4.9.2016 bis zum 22.1. 2017 in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel zu sehen ist.

 

Wegen der wunderbar gelungenen Wiedergabe der verschiedenen teilweise sehr berühmt gewordenen Werke und der überaus lehrreichen Essays kann dieser Band kunstinteressierten Menschen aller Generationen zu einer hervorragenden Einführung in die Geschichte, die Werke und die kunsthistorische Bedeutung dieser exzeptionellen Künstlergruppe werden.