Prinzessin Pauline zieht los

 

 

 

 

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Anke Gasch, Prinzessin Pauline zieht los, Annette Betz 2015, ISBN 978-3-219-11665-6

 

Bilderbücher und Kinderbücher für Mädchen mit dem Thema „Prinzessin“ stehen seit langem bei Müttern mit feministischem Hintergrund im Verdacht, ihre Töchter auf falsche Lebenspuren zu setzen. Das Träumen vom schönen und reichen Prinzen, der die Prinzessin in sein schönes Schloss führt, feiert aber in allen möglichen Formaten (z.B. „Der Bachelor“) seit langem für junge und erwachsene Frauen fröhliche Urständ.

Wie dem auch sei, die Hauptfigur in dem vorliegenden Bilderbuch von Anke Gasch, das Stefanie Jeschke eigenwillig illustriert hat, passt so gar nicht in dieses Schema. Denn Prinzessin Pauline-Josefine Langemiene dreht den Spieß um. Zwar hat sie einen Kleidertick, der ihren Eltern ganz schön auf die Nerven geht, der aber wohl bei weiblichen Menschenkindern in den Genen zu stecken scheint, doch sonst entspricht sie so gar nicht dem Bild einer kleinen „Tusse“.

Denn als ihr Prinz, den sie kurz davor getroffen und kennengelernt hat, von einem Drachen entführt wird, ist ihr Entschluss schnell gefasst. Mit vier(!) Koffern voller Kleider bricht sie auf, um ihren Prinzen zu retten. Und selbst für einen Kampf mit dem Drachen ist sie kleidertechnisch gut gerüstet….

Ein schönes Bilderbuch (nicht nur) für kleine Mädchen und Prinzessinnen.

 

Leitwölfe sein

 

 

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Jesper Juul, Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie, Beltz 2016, ISBN 978-3-407-86404-8

 

Wie eine Zusammenfassung seiner bisherigen Bücher mit der Zuspitzung auf eine klare und liebevolle Führungsrolle der Erwachsenen in der Familie liest sich Jesper Juuls neues Buch, das er nach über 40 Jahren intensiver Lehr- und Beratungspraxis hier vorlegt.

Wenn er über „liebevolle Führung in der Familie“ schreibt , hat er als Beispiel immer im Blick, wie eine Wolfsfamilie funktioniert und wie Wölfe ihre Jungen begleiten und fit machen für das Leben, das ihnen bevorsteht.

Er beschreibt die intelligente und soziale Führungsqualität des Wolfes, arbeitet heraus, wie der Leitwolf mit seiner Macht umgeht, wie er die Jungen lehrt, zu überleben und diese ihn akzeptieren und respektieren.

Juul blendet in diese Beschreibungen immer wieder Beispiele aus seiner langen beruflichen Tätigkeit ein, und macht sie für heute aktuell. Es geht immer darum, dass Eltern ihre Rolle wahrnehmen in der Familie. Dass sie liebevoll führen, dabei auch ruhig selbst einmal verletzlich sich zeigen dürfen.

Es geht darum, dass sie klare und Entscheidungen treffen und deren Einhaltung überprüfen, auch wenn es unpopulär scheinen mag, dass sie dabei sukzessive mit dem Älterwerden ihrer Kinder ein eigenes, aber zeitgemäßes Verständnis von Autorität entwickeln und dazu stehen.

Juul ermutigt Väter und Mütter (er hat ihnen und ihren Rollen jeweils eigene Kapitel gewidmet), dass sie sich trauen, einen Stil von Führung zu entwickeln, der sich am Leitwolf einer Wolfsfamilie ein Vorbild nimmt. Ein Stil, an dem über die Zeit alle wachsen und reifen werden. Das kleine Kind, der Jugendliche und nicht zuletzt die Eltern, Vater und Mutter selbst.

Eine wunderbare Zusammenfassung von Juuls Pädagogik der Familie, die genauso gut als Einführung für Eltern dienen kann, die noch nichts von Juul gehört oder gelesen haben.

Klare und liebevolle Führung schafft das Vertrauen, das alle brauchen, um gut in einer Familie leben und aufwachsen zu können.

 

 

 

Nasebohren ist schön

 

 

 

 

 

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Daniela Kulot, Nasebohren ist schön, Thienemann 2016, ISBN 978-3-522-45806-1

Schon 1996 ist dieses Bilderbuch von Daniela Kulot zum ersten Mal bei Thienemann erschienen. Zum 20. Geburtstag ihres Buches hat sie völlig neu illustriert. Schon in diesem frühen Buch hat sie mit ihrem fröhlichen und eigenwilligen Humor gezeigt, dass Bilderbücher auch etwas aufmüpfiges, Widerständiges und Erwachsenenkritisches haben können.
Denn „Nasebohren ist schön“ ist nur etwas für unerschrockene Eltern. Der Grund wird schon im Titel verraten. Immerhin bricht das Bilderbuch mit einem Tabu, mit dem auch unter Kindern immer gern gebrochen wird. Und es gibt durch eine überraschende Wende eben jenen Kindern die besten Argumente für den Tabubruch an die Hand.
Daniela Kulot macht das sehr hintersinnig. Denn sie hat sich einen überaus sympathischen Helden ausgesucht. So sieht man auf dem ersten Bild einen kleinen, fröhlichen Elefanten auf dem sonnendurchfluteten Teppich mit dem Finger genüsslich im Rüssel bohren. Dann folgt die Zeichnung einer glücklichen Maus aus der Nachbarschaft, die als Nasebohrerinstrument überaus erfinderisch ihren Schwanz benutzt. Anschließend sieht man einen geknickten kleinen Frosch, der liebend gerne in der Nase bohren würde. Aber dem Frosch hat es die Mama streng verboten.
Weil der Frosch aber nicht weiß, warum das Nasebohren verboten sein soll, macht er sich mit seinen beiden Freunden auf die Suche nach dem Grund. Wer den Finger in die Nase steckt, kriegt ihn „niiie wieder raus!“, erklärt Frau Frosch. Papa Maus droht mit einer schmerzhaften, gar „entsetzlichen Nasenspitzenwurzelentzündung“.  Und die Elefanteneltern kontern auf die bohrenden Fragen der Kleinen mit der Gefahr von akutem Rüsselbruch. Aber dann gehen die Kinder weiter zu ihren Großeltern. Und die bohren selber in der Nase. Und bei denen ist alles heil geblieben und sie erfreuen sich bester Gesundheit und Laune.

Eltern die dieses Buch zulassen und sich seiner pädagogischen Gefährlichkeit aussetzen, sollten damit rechnen, dass das Nasebohren und seine soziale Ächtung von ihren Kindern als Beispiel genommen werden wird für die Infragestellung weiterer bislang unhinterfragter  Regeln und Normen.

Viel Spaß beim Diskutieren!

Lehrer-Geheimnisse

 

 

 

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Heiko Haupt, Lehrergeheimnisse, Riva 2015, ISBN 978-3-86883-708-7

Insgesamt 40 Lehrerinnen und  Lehrer aus unterschiedlichen Schularten, unterschiedlichen Bundesländern, mit unterschiedlichen Fächerkombinationen und unterschiedlichen Alters hat Heiko Haupt für dieses Buch interviewt und ihre Geschichten zu verschiedenen Themen, die ihnen ein Anliegen waren, aufgeschrieben.

Herausgekommen ist ein Kaleidoskop bundesdeutschen Schul- und Lehreralltags, das offenbart, dass es hinter den Kulissen meist anders aussieht, als nach vorne von Schulleitungen und  Bildungspolitikern behauptet wird.

Was mir allerdings nicht gut gefallen hat, ist das Sensationsheischige, die Schlüssellochperspektive, in die der Leser mit hineingezogen wird. Es fehlen in einer langen Kette von anstößigen, unglaublichen und manches Mal auch lustigen Geschichten die, die es sicher auch in der Schule und unter Lehrern gibt und die ebenfalls gehütet werden wie Geheimnisse. Geschichten von guten Lehrern, von gelungenen Lernpartnerschaften und von Lehrern, von denen Erwachsene noch heute sagen, dass sie sie für ihr Leben geprägt haben.

In meiner 13 –jährigen Schulzeit gab es mindestens 5-8 davon. Sollte es das heute nicht mehr geben?

Kommst du spielen, Frida?

 

 

 

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Pija Lindenbaum, Kommst du spielen, Frida, Oetinger 2015, ISBN 978-3-7891-7939-6

In diesem Bilderbuch der mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneten in Skandinavien sehr bekannten Kinderbuchkünstlerin Pija Lindenbaum geht es Kommunikation und Freundschaft zwischen Kindern und darum, dass sich Erwachsene besser nicht einmischen, wenn zwei Kinder ihre Distanz und Nähe ausprobieren und aushandeln.

Berit ist ein  Mädchen aus der Nachbarschaft, immer schmutzig im Gesicht und immer mit Matschhosen an den Beinen. Sie kommt ans Haus und will mit Frida spielen. Doch Frida ist genervt von Berit, hat keine Lust und schickt sie weg. Berit ist nämlich so eine, die am liebsten in Pfützen herumpuddelt. Frida dagegen schneidet lieber aus. Berit versucht es wieder und wieder, doch Frida lehnt immer alle Spielideen ab und schließlich sogar das Eis, das Berit ihr mitgebracht hat.
Am nächsten Tag langweilt Frida sich. Da kommt ihr der Gedanke, dass sie ja vielleicht mal ihre Matschhose anziehen und rausgehen könnte. Nach einiger Suche findet sie Berit – und die beiden spielen den ganzen Tag zusammen. Dabei kann sie nicht einmal strömender Regen aufhalten.
Die Geschichte ist sehr realistisch, denn Zwangsspielgemeinschaften, wie sie besorgte Eltern oft organisieren wollen, funktionieren meist eher schlecht. Diese Erfahrung dürften auch die meisten kleinen Zuhörer schon einmal gemacht haben. Frida braucht eben noch eine Weile, bis sie bereit ist, es mit Berit doch einmal zu versuchen und sich auf ihre Spiele einzulassen. Und dann kommt sie ganz von alleine zu der Erkenntnis, dass auch diese Art des Spielens Spaß machen kann.
Die Sätze sind kurz, die Sprache ist klar und gut verständlich. Die Bilder sind ebenfalls klar und übersichtlich. Die Gefühle der Mädchen sind gut zu erkennen, die Erwachsenen sind eher Randfiguren.

Ein schönes Bilderbuch.

Bestimmt wird alles gut

 

 

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Kirsten Boie, Jan Birck, Bestimmt wird alles gut, Klett Kinderbuch 2016, ISBN 978-3-95470-134-6

 

Kirsten Boie hat sich in ihrer langen Geschichte als Autorin von Büchern für Kinder schon des Öfteren schwieriger Themen angenommen. In ihrem neuen Buch versucht sie Kindern im Grundschulalter zu erklären und verständlich zu machen, was doch die Erwachsenen und auch die Medien nicht richtig fassen können. Das Drama der Flüchtlinge, die vor dem Krieg in Syrien und anderswo flüchten und unter Einsatz ihres Lebens in Europa Schutz, Rettung und ein neues, sicheres Leben sich erträumen. Sie macht das so, dass sie das komplexe Thema am Beispiel einer einzelnen Familie erzählt. Es ist die Geschichte der 10-jährigen Rahaf. Früher einmal lebte sie mit ihrer Familie in einem großen Haus. Und dann sieht sie plötzlich Menschen sterben in einem fürchterlichen Krieg, in dem Bombenangriffe den Alltag schon von Kindern bestimmen.

Als ihre Familie beschließt, nach Europa zu fliehen, muss Rahaf ihre Oma und ihre beste Freundin zurücklassen. Ohne Feinzeichner erzählt Boie von der Flucht, der schwierigen Ankunft in Deutschland und den Sorgen der Familie um ihre Zukunft. Der Vater findet keine Arbeit und in der Schule fühlt sich Rahaf fremd.

„Bestimmt wird alles gut.“ So denkt auch Rahaf, verliert ihre Hoffnung nicht, lernt bald Deutsch und findet in Emma auch eine gute Freundin. Obwohl das Buch vieles besser und einfacher darstellt, als es wohl in der Realität für die meisten Flüchtlingen aussieht, kann das Buch Kindern auf eine gute Weise die Flüchtlingsproblematik erklären, die in diesen Tagen und Monaten die gesamte öffentliche Debatte bestimmt.

Nach einer Welle der Begeisterung auch über die eigene Willkommenskultur beherrscht die Angst zunehmend die Köpfe und Herzen auch von den Menschen, die gerne helfen wollen. Besseres Verständnis statt schneller Abwehr – dazu kann dieses kleine Buch beitragen.

 

 

Der Untergrundmann

 

 

 

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Ross Macdonald, Der Untergrundmann, Diogenes 2015, ISBN 978-3-257-30034-5

Eigentlich hat Lew Archer einen freien Tag vor sich. Morgens trifft er auf den kleinen Ronny, der mit seiner Mutter bei Nachbarn untergekommen ist. Eher zufällig wird Archer Zeuge eines Streits der Eltern. Am Nachmittag meldet sich die junge Frau bei Archer und bittet ihn um Hilfe bei der Suche nach ihrem Jungen. Der sollte mit seinem Vater jetzt bei seiner Großmutter in Santa Teresa sein. Da dort ein großer Waldbrand ausgebrochen ist, befürchtet sie Schlimmeres. Schnell wird klar, Vater und Sohn sowie eine geheimnisvolle junge blonde Frau, sind nur kurz auf der Ranch der Großmutter aufgetaucht und seitdem verschwunden.

Mit dem Fund der Leiche des Vaters entwickelt sich die vermeintliche Entführung des kleinen Ronny für Archer schnell zu einem wesentlich komplexeren Fall. Der Mord wirft Fragen auf, doch für Archer steht vor allem eines im Vordergrund: Wo ist der Junge? Um diese Frage zu klären, steigt der Privatdetektiv tiefer in die Familiengeschichte des Mordopfers ein und stößt dabei auf weitere Spuren. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sorgt fortan für eine ganze Reihe von Personen aus dem Umfeld der Familie für Unruhe.

In „Der Untergrundmann“ , seinem vielleicht besten Roman, entwickelt Ross Macdonald eine zunächst überschaubare Krimihandlung, in deren Fortgang die Schauplätze zunehmen. Wechselnde Zeitebenen und die Vielzahl der Personen fordern vom Leser Aufmerksamkeit bis zum Ende.

Der  1973 zum ersten Mal auf Deutsch erschienene Roman liegt hier in einer frischen Neuübersetzung vor, der sicher noch weitere Bücher Macdonalds folgen werden.

Donna Leon hat ein bemerkenswertes Nachwort für diese Ausgabe geschrieben, indem sie insbesondere die literarische Qualität von „Der Untergrundmann“ heraushebt und Ross Macdonald unter die großen Kriminalschriftsteller des 20. Jahrhunderts einordnet.

Tip Toi. Deutsch 2. Klasse

 

 

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Annette Neubauer, Deutsch 2. Klasse, Ravensburger Verlag 2016, ISBN 978-3-473-41806-0

Das Lesen und interaktive verstehen von Büchern für Kindern mit dem tip toi- Stift ist eine sensationelle Neuheit, die das Lernen für Kinder mit Büchern schon jetzt nach einigen Jahren revolutioniert hat. Einmal angeschafft, passt der Stift zu immer mehr Produkten aus dem Ravensburger Verlag, wie zum Beispiel das Buch „Deutsch 2. Klasse“, mit dem Ravensburger einen lukrativen Markt betritt, denn das System ermöglicht es Kindern auch ihren Nachhilfe ihren Stoff zu bewältigen.

Tip Toi ist ein audiovisuelles Lernsystem für Bücher und Spiele, mit dem die Kinder die Welt spielerisch entdecken. Tippt das Kind mit dem Stift auf ein Bild oder einen Text oder ein entsprechendes Symbol, erklingen passende Geräusche, Sprache oder auch Musik. Eine intelligente Elektronik ermöglicht Kindern, Bücher und Spiele völlig eigenständig immer wieder neu zu erleben.

Ich kann das System nur empfehlen. Die TipToi Büchern sind etwa ein Drittel teurer als die herkömmlichen Wissensbücher bei Ravensburger, aber diese Investition in das Lernen und vor allem die Lernfreude ihres Kindes lohnt sich.

Auch bei dem vorliegenden Buch für Kinder der 2.Klasse. Insbesondere für Kinder, für die Deutsch nicht die Muttersprache ist, scheint es mir sehr geeignet.

 

Der Name Gottes ist Barmherzigkeit

 

 

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Papst Franziskus, Der Name Gottes ist Barmherzigkeit, Der Hörverlag 2016, ISBN 978-3-8445-2214-3

 

Viel ist über ihn geschrieben worden, seit er überraschend zum neuen Papst gewählt wurde, nachdem Benedikt XVI. als erster Papst der Geschichte aus Altersgründen zurückgetreten war. Unzählige Gläubige, die sich seit langem innerlich von der Kirche und vom Glauben zurückgezogen hatten (nicht nur katholische) begannen (wieder einmal!) neue Hoffnung zu schöpfen, dass eine Erneuerung der Kirche und eine lebensorientierte Auslegung der Bibel und der Traditionen möglich sei, als sie sahen und lasen, was der neue Papst Franziskus aus Argentinien da so alles tat und von sich gab.

Mindestens genauso viel Widerstand wurde ihm entgegengebracht, nicht nur in der Kurie selbst, sondern überall in den nationalen Kirchen und ihren konservativen Kreisen. In meinem Wohnort gibt es Katholiken, die hinter vorgehaltener Hand ernsthaft behaupten, mit Franziskus habe Gott der Kirche eine Prüfung geschickt, und ihn mit dem Teufel in Verbindung bringen.

Auf einem ganz anderen Niveau, dennoch aber vernichtend hat gerade der Kirchenkritiker Hubertus Mynarek in einer „kritischen Biographie“ (Tectum-Verlag) den Stab über Franziskus gebrochen und polemisch von einer jesuitischen „Usurpation des Papstamtes“ gesprochen.

Mit dem vorliegenden Buch, einem Interview, das Andrea Tornielli mit dem Papst geführt hat und das gleichzeitig in 82 Ländern erscheint, haben nun einfache Menschen und Christen, die Gelegenheit, an zentralen Fragen des Glaubens und der Weltverantwortung der Kirche die Theologie von Franziskus kennenzulernen und zu würdigen, die er selbst mit dem Diktum überschreibt: „Der Name Gottes ist Barmherzigkeit“.

Der Satz, der mich am meisten berührt hat, spricht eine so ganz andere Sprache, als die bisherige katholische Tradition:

„Die Kirche ist nicht auf der Welt um zu verurteilen, sondern um den Weg zu bereiten für die ursprüngliche Liebe, die die Barmherzigkeit Gottes ist. Damit dies geschehen kann, müssen wir hinausgehen auf die Straße. Hinaus aus den Kirchen und Pfarrhäusern, um den Menschen dort zu begegnen, wo sie leben, wo sie leiden, wo sie hoffen.“

Ja. Es ist zu hoffen, dass diesem Papst noch lange Zeit und Kraft geschenkt ist, dass diese neuen Ideen auch wurzeln können in einer spirituellen Landschaft nicht nur der katholischen Kirche, in der immer mehr Menschen nicht mehr wohnen wollten, weil sie sich dort nicht mehr heimisch fühlten mit ihren Fragen und Sorgen.

Peter Weis und Achim Buch haben dieses bemerkenswerte Gespräch zwischen Andrea Tornielli und Papst Franziskus für den Hörverlag eingelesen und geben ihm mit ihren Stimmen einen unmittelbaren Eindruck. Manches von dem, was der Papst da sagt, klingt beim Hören noch Un-Erhörter als beim Lesen des Buches.

 

Der erste Tag vom Rest meines Lebens

 

 

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Lorenzo Marone, Der erste Tag vom Rest meines Lebens, Pendo 2015, ISBN 978-3-86612-396-0

 

Mit seinem 77 Jahre alten Erzähler Cesare Annunziata hat der italienische Schriftsteller Lorenzo Marone eine literarische Figur erschaffen, die dem Leser mit jeder Seite mehr ans Herz wächst. Dabei ist er selbst nach eigener Auffassung, wenn er auf sein langes Leben zurückblickt, ein wenig sympathischer oder gar liebevoller Mensch gewesen. Und erfolgreich schon gar nicht, weder im Beruf noch privat. Er hat keine Karriere gemacht und auch als Ehemann und Vater auf voller Linie versagt. Der schrullige alte Mann blickt sehr kritisch auf seine angespannte Beziehung zu seinen Kindern Dante, ein Galerist, den Cesare verachtend für schwul hält und Sveva, die er für eine unglückliche und deshalb auch wenig erfolgreiche Frau und Mutter hält.

Zu anderen Menschen pflegt Cesare keinen Kontakt mehr. Er hält sich für einen Versager, und wer ihm begegnet, hält ihn für einen unverbesserlichen Egoisten. Vielleicht machen seine beiden Nachbarn Marino und Eleonora da eine Ausnahme, insbesondere dann, als in das andere Nachbarhaus eines Tages Emma und ihr Mann einziehen und Cesare sich bald schon zum Handeln gezwungen sieht.

Denn als er immer wieder aus dem Nachbarhaus die unzweifelhaften Geräusche, Töne und Stimmen von lautstarken Auseinandersetzungen des neuen Ehepaars hört, beschließt er, mit Hilfe von Marino und Eleonora den beiden zu helfen. Denn sie sollen, so hat er entschieden, nicht dieselben Fehler begehen wie er, mit denen er sein ganzes Leben ruiniert hat.

Immer wieder von Rückblenden auf sein Leben, seine Ehe und vor allen Dingen seine zahlreichen Affären mit anderen Frauen unterbrochen, lädt Cesare seine Leser schon bald ein, ihr eigenes Leben mit seinen Augen zu betrachten und vielleicht das eine oder andere zu erkennen und zu erinnern.

Nie ist es zu spät, seinem eigenen Leben eine Wendung zu geben, es mit Sinn aufzufüllen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Das ist die Botschaft eines Buches, das wundervolle Unterhaltung bietet.