Der schönste Grund, Briefe zu schreiben

 

 

 

44162245z

 

Angeles Donate, Der schönste Grund, Briefe zu schreiben, Thiele Verlag 2016, ISBN 978-3-85179-341-3

 

Wieder haben die Späher des Thiele Verlag im Süden Europas ein wunderschönes Buch entdeckt und sich dazu entschlossen es in Deutschland zu veröffentlichen. Anja Rüdiger hat es aus dem Spanischen gut übersetzt, und so können die Leser über etwa 400 Seiten ein außerordentliches literarisches Debüt von Angeles Donate verfolgen. Ein Romandebüt, in dem es um die Macht der Liebe geht, um die Kunst des Briefeschreibens und um das Geheimnis, wie das Schreiben von Briefen Erkenntnis bringen kann, über sich selbst und über andere.

Es beginnt damit, dass in einem kleinen spanischen Dorf namens Provenir die für dieses Dorf seit vielen Jahren zuständige Briefträgerin und Leiterin der Poststelle, Sara, von ihrer vorgesetzten Behörde einen Brief bekommt. Ihr wird mitgeteilt, dass das über einhundert Jahre alte Postamt bald geschlossen werden soll, und Sara nach Madrid versetzt werden wird.

Für die alleinerziehende Mutter von drei Kindern ist diese Nachricht eine Katastrophe. Aber auch für ihre achtzigjährige Nachbarin Rosa wäre das furchtbar, denn sie hat in Sara und ihren Söhnen eine Art Familie gefunden, an der sie seit langem hängt und die ihr so etwas wie Schutz und Geborgenheit im Alter gibt.

Es dauert nicht lange, da hat Rosa eine zündende Idee. Wenn sie das Briefaufkommen im Ort steigern könnte, dann würde die Post vielleicht von der Schließung der Filiale absehen, und Sara könnte ihren Job behalten. Also setzt sie anonym eine Briefkette in Gang und beginnt mit einem Brief an ihre ehemalige Schulfreundin Luisa, der sie schon längst einmal schreiben wollte, aber nie dazu kam. All ihre Gedanken bringt sie zu Papier, insbesondere die, die sie schon seit Jahren quälen und von denen sie nicht loskommt.

Doch dieser Brief wird nicht von Luisa gelesen, sondern von ihrer Enkelin Alma, die nur kurz nach dem geerbten Haus ihrer Oma schauen will und, so wird sich zeigen, nicht nur durch den anonymen Brief für länger in dem kleinen Ort gehalten wird.

Während die Briefkette mit manchen längeren Pausen weitergeht, lernt der Leser weitere bisher sozusagen im Schatten des Dorfes lebende Menschen und ihre Lebensgeschichten kennen. Eine alte Dichterin, eine Telefonsexanbieterin, ein junger Mann, der seinen Vater pflegt und viele weitere. Und Sara wundert sich über die vielen zusätzlichen Briefe, weiß aber lange von nichts und tröstet sich mit dem Chatten mit ihrem Jugendfreund, der auf einer Bohrinsel in der Nordsee arbeitet. Noch!

Angeles Donate verbindet über die Briefe, die zunächst völlig beziehungslos durch das Dorf gesendet werden, Geschichten und Schicksale von ganz konkreten Menschen miteinander und fügt sie ein in eine lineare Handlung, die den Leser nicht nur immer wieder zu Tränen rührt, sondern auch gespannt darauf warten lässt, was nun als nächstes passiert und wie die Geschichte mit der Postfiliale nun ausgehen wird.

In einem dramatischen Höhepunkt erhält Sara neununddreißig anonyme Briefumschläge, in jedem ein Zitat eines Dichters über die Liebe, eines schöner und wahrhaftiger als das andere. Und dann kommt ihr 40. Geburtstag mit einer Riesenüberraschung….

Ein schönes Buch, ein Roman über die Liebe und die Kraft des geschriebenen Wortes, ein Buch darüber, wie Menschen sich ihrer Vergangenheit stellen und sich wieder von ihr lösen, bereit und fähig für eine bessere Zukunft. Ein Buch über die Liebe, ohne Kitsch. Ein leidenschaftliches Buch über die Kunst des Briefeschreibens. Wann haben Sie sich zuletzt darin geübt?

 

 

Deine Sehnsucht wird dich führen

 

 

44124461z

 

Sabine Asgodom, Deine Sehnsucht wird dich führen, Kösel 2016, ISBN 978-3-466-31041-8

 

„Wie Menschen erreichen, wovon sie träumen“ lautet der Untertitel des neuen Buches der bekannten und erfolgreichen Management-Trainerinnen in Deutschland, Sabine Asgodom. Wovon träumen Menschen nicht alles, seit sie schon als Kinder begannen, sich ihre Zukunft und ihr Leben vorzustellen. Die Träume verändern sich mit der Zeit, werden erwachsener und konkreter, aber in der Regel werden sie nicht verwirklicht. Deshalb, so sagt Asgodom, weil wir sie selbst nicht ernst nehmen, immer wieder andere Prioritäten setzen, uns anpassen und so unsere Träume aus den Augen verlieren und auch aus dem Herzen.

Doch an den unterschiedlichsten Stellen brechen sich unsere Träume und Visionen Bahn. Nicht selten versteckt und als solche erst einmal nicht zu erkennen in Krisen und Krankheiten. Spätestens dann, manchmal auch mit Hilfe einer Therapie stellen sich die Lebensfragen neu: „Was ist mir wichtig? Wie will ich leben? Woran will ich arbeiten?“

Diese Fragen stellen wir uns auch zu Beginn unserer Ausbildung oder am ersten Tag in einem neuen Job. Doch in der Routine des Alltags ordnen wir die eigenen Ziele denen unter, die andere uns vorgeben.

Sabine Asgodom ist davon überzeugt, dass Erfolg immer ein Lebenserfolg ist. Ein Lebenserfolg, der erarbeitet und erstrebt werden kann, wenn wir wieder neu lernen unser Herz zu befragen und uns jucht vollständig von dem bestimmen lassen, was unsere Gesellschaft und unser Wirtschaftssystem uns diktieren.

Die eigene Sehnsucht nach Leben, nach etwas Neuem, und sei es auch noch so marginal und klein, wieder ernst nehmen, dabei die Träume und Visionen von seiner konkreten Gestalt als Kompass verwenden und einsetzen, und Zufälle, aber auch Krisen und Lebenskrisen als Hilfestellung willkommen heißen, davon handelt dieses Buch.

 

 

 

 

 

Lehrerdämmerung

 

 

 

44066609z

 

Christoph Türcke, Lehrerdämmerung. Was die neue Lernkultur in den Schulen anrichtet, C.H. Beck 2016, ISBN 978-3-406-68882-9

 

„Es geht um weit mehr als einen Schulstreit. Mit der Rolle der Lehrer stehen zugleich entscheidende politische Grundeinstellungen zur Debatte“, schriebt der emeritierte Philosophieprofessor Christoph Türcke am Ende seiner wichtigen Streitschrift. „Man kann das Wort „Lehrerdämmerung“ depressiv verstehen: Lehrer erübrigen sich; Lernbegleiter genügen. Man kann es aber auch hoffnungsvoll lesen: Den Lehrern dämmert, dass sie sich das nicht gefallen lassen müssen. Wenn sie für den Erhalt und das Ethos ihre Berufes wirklich kämpfen, werden sie eine Orientierungsdebatte auslösen, die an die Grundfesten der neoliberalen Welt rüttelt.“

Große Worte nach einer vernichtenden Kritik der sogenannten neuen Lernkultur in unseren Schulen. An vielen Beispielen beschreibt Türcke die einer neoliberalen Ideologie angelehnte Reduktion der Schule und deren Lerninhalte auf reine Sach- und Fachkompetenzen. Persönlichkeitsentwicklung und Charakterbildung, Kritikfähigkeit und politisches (Selbst)bewusstein, musische Neigungen und künstlerisches Ausdruck, all das soll in der schönen neuen Lernwelt der Arbeitsblätter und Lernbegleiter keinen Platz und Ort mehr haben. Junge Menschen werden, lediglich auf ihre Kompetenzen reduziert, angesehen wie Maschinen. Und die Lehrer werden ihrer Würde beraubt, wenn man sie nur noch als „Kompetenzbeschaffungsgehilfen“ definiert.

Türckes Buch ist an flammender Aufruf an alle Lehrer, sich diese Selbstdegradierung und -abschaffung nicht mehr länger bieten zu lassen.

Rückbesinnung tut not auf das, was „Lehren“ eigentlich ist. Ich wünsche dem Buch und seinem Geist eine starke Verbreitung innerhalb der Lehrerschaft und der Kultusbürokratie.

 

 

 

 

Prinz Bummelletzter

 

 

44191763z

 

 

Sybille Hein, Prinz Bummelletzter, Hanser 2016, ISBN 978-3-446-24751-2

 

Eine schöne Geschichte erzählt Sybille Hein wieder in ihrem neuen Bilderbuch. Eine Geschichte, so richtig geeignet für all die Kinder im Kindergartenalter und deren genervte Eltern, die, aus welchem Grund auch immer, es jeden Tag schaffen, zu spät in den Kindergarten zu kommen. Für alle, die vor lauter Träumen vergessen zu frühstücken, und die immer den Eindruck haben, wenn sie kommen, ist der Markt schon gelaufen.

So geht es auch dem kleinen Trödler Prinz Willibald, dessen Brüder, natürlich alle von der schnellen und handgreiflichen Truppe, ihm die übelsten Schimpfwörter an den Kopf werfen, ihn Kriechgurke, Lahmschnecke, Trödel-Dödel und Trantüte nennen und ihm den Spitznamen Prinz Bummelletzter gegeben haben.

In seiner Phantasie hat Willibald ganz konkrete auch zeitlich durchstrukturierte Pläne. Er will erst Räuber jagen, dann eine Stunde später Riesen fangen und wieder nach einer Stunde einen Drachen schleudern.

Als er eines Morgens beim Frühstück, zu dem er natürlich viel zu spät kommt, einen Zettel seiner schon verschwundenen Brüder findet, auf dem sie mitteilen, sie seien zum Mittagessen zurück, müssten nur vorher noch schnell Prinzessin Fritza vor dem Drachen retten, da denkt sich Willibald: „Eine Prinzessin retten, das könnte mir auch gefallen.“

Doch bis er soweit ist, alles Nötige gepackt und sich auf den Weg gemacht hat, ist alles schon vorbei. Der Drache hat die Brüder besiegt und von der Prinzessin keine Spur. Doch dann kommt Willibalds Auftritt, sachte und bedacht. Und nachdem der vom Kampf erschöpfte Drache ins Gras gesunken ist, taucht auch die Prinzessin auf.

Natürlich verlieben sie sich ineinander, doch sie nehmen sich dafür genauso viel Zeit, wie für die Rückkehr. „Und wie sie gebummelt haben.“

Fazit: Für jeden Topf gibt es einen passenden Deckel. Und: manchmal erreicht man mehr, wenn man nicht der erste ist, sondern sich Zeit und alle ruhig auf sich zukommen lässt. Wunderbar!

 

 

Herr Seepferdchen. Pop-Up Buch

 

 

41778871z

 

 

Eric Carle, Herr Seepferdchen. Pop-Up Buch, Gerstenberg 2015, ISBN 978-3-8369-5834-9

 

So wie in seiner weltberühmten und von Generationen von Kindern geliebten „Raupe Nimmersatt“ gelingt es Eric Carle auch hier in „Herr Seepferdchen“, das 2005 zum ersten Mal auf Deutsch erschien und hier in einer wunderbaren und raffiniert gestalteten Pop-Up Ausgabe vorliegt, die entscheidenden Lebenserfahrungen kleiner Kinder in einer Tiergeschichte darzustellen.

Hier ist es die für alle Kinder notwendige Erfahrung, sich behütet zu wissen. Bei den Seepferdchen ist es so wie bei einigen anderen im Wasser lebenden Wesen der Vater, der die Kleinen behütet und in seinem Beutel heranwachsen lässt, ihnen die Welt zeigt und sie mit anderen Meereswesen bekannt macht, bevor er sie dann irgendwann in ihre Selbständigkeit entlässt. Mit den Worten: „Ich hab dich sehr lieb, aber jetzt kannst du allein zurechtkommen!“ drückt er etwas aus, was jede Mutter und jeder Vater zu den unterschiedlichsten Abschnitten der Entwicklung ihrer Kinder sagen und tun sollten.

Ein wunderbares Bilderbuch, dem eine ähnliche Bekanntheit wie der berühmten Raupe zu wünschen wäre.

Der größte Schatz der Welt

 

 

 

43769049z

 

 

Andrea Schütze, Der größte Schatz der Welt, Ravensburger Verlag 2016, ISBN 978-3-473-44674-2

 

Der Affe Momo sitzt bei seiner Mutter unter dem Baum im Urwald. Er langweilt sich. Nach verschiedenen vergeblichen Vorschlägen, sagt seine geduldige Mama: „Sing mir doch was Tolles, mein Schatz!“

Doch der kleine Momo hat verstanden: „Bring mir einen Goldschatz!“

Und so macht sich der kleine Affe auf die Suche quer durch den Urwald. Mit ihm begegnen die Kinder, denen das Buch vorgelesen wird (es ist durchaus auch als Gute-Nacht-Geschichte geeignet) vielen unterschiedlichen Tieren, die Momo befragt und die jeder eine anderen Vorstellung davon haben, was ein Schatz ist oder sein könnte.

Abends kommt Momo sehr enttäuscht mit leeren Händen nach Hause. Doch seine Mutter hält ihm den Spiegel vor das Gesicht und sagt freudestrahlend: „Aber ich hab doch schon einen Schatz!“

Humorvolle Szenen und die unterschiedliche Sprachweisen der verschiedenen Tiere, die Momo auf seiner Suche trifft, machen beim Vorlesen viel Spaß und sorgen für Heiterkeit.

Die Botschaft selbst kann indes nicht oft genug von Eltern an ihre Kinder vermittelt werden: Du bist der größte Schatz der Welt.

 

 

Eltern richtig erziehen

 

 

44099051z

 

Katharina Grossmann-Hensel, Eltern erziehen, Annette Betz Verlag 2016, ISBN 978-3-219-11670-0

 

Dieses originelle Bilderbuch von Katharina Grossmann-Hensel ist ein wahrer Spaß für kleine und auch schon etwas größere Kinder und für ihre Eltern eher ein Spiegel, in dem sie ihre eigene Erziehungsmethoden und pädagogischen Lehrsätze hoffentlich mit Humor auf den Prüfstand legen können.

In diesem Buch wird der Spieß umgedreht und auf eine witzige Weise gezeigt, wie das Kind ab dem Babyalter die Eltern erzieht. Die können sich auf den Seiten dieses herrlich schrägen Bilderbuches immer wieder selbst erkennen und ihre vergangenen oder aktuellen Machtkämpfe und Erziehungsbemühungen reflektieren.

Die Kinder ab dem Vorschulalter etwa werden ihren Spaß haben, und vielleicht bewirkt die gemeinsame Lektüre und das Gespräch darüber eine etwas entspanntere Haltung von Eltern, die angesichts eine überflutenden Erziehungsliteratur auf das Wichtigste nicht mehr vertrauen: ihre eigene Erfahrung und ihre natürliche Erziehungskompetenz und auf die Kompetenz, Lernfähigkeit und Selbststeuerung ihrer Kinder.

 

Ein langes Jahr

 

 

44213831z

 

Eva Schmidt, Ein langes Jahr, Jung und Jung 2016, ISBN 978-3-99027-080-6

 

Fast zwanzig Jahre hat die in Bregenz in Österreich lebende Schriftstellerin Eva Schmidt geschwiegen und keine Zeile veröffentlicht. Wir kennen die Gründe nicht und freuen und deshalb umso mehr darüber, dass sie nun mit dem Episodenroman „Ein langes Jahr“ mit großer sprachlicher Kraft und zarter Poesie zurückmeldet.

Das Buch beschreibt eine fiktive Stadt in der Provinz, eine Landschaft mit Berg und See, wie sie überall vorkommen kann. Der Fokus der Autorin und ihrer feinen, einfühlsamen Beobachtungen liegt auf Menschen, von denen jeder einzelne unser Nachbar sein könnte, wo immer wir das Buch auch lesen und uns zuhause fühlen. Alltägliche, manchmal regelrecht banale Ereignisse sind, die sie so erzählt, dass deutlich wird, was die Existenz des jeweiligen Menschen ausmacht und entscheidet. Und in immer wieder unerwarteten Wendungen wird ein ganzes Menschenleben offenbar.

Da ist etwa Benjamin. Er lebt mit seiner Mutter allein, die Wohnung in der Siedlung am See ist klein, den Hund, den er gerne hätte, kriegt er nicht. Als er Joachim davon erzählt, will der sich einen schenken lassen, am besten zwei, aber Benjamin findet, Hunde sind fast wie Menschen und kein Geschenk.

Eines Tages begegnet Benjamin Herrn Agostini, einem alten Mann aus der Nachbarschaft, auch er wollte sein Leben lang einen Hund. Früher als er ist seine Frau nach einem Sturz ins Pflegeheim umgezogen, jetzt hat er endlich einen, Hemingway heißt er. Aber Herr Agostini ist nicht mehr gut auf den Beinen, er weiß nicht, was aus »Hem« werden soll. Ähnlich wie Karin, die gerne wüsste, wer sich um ihren Hund kümmert, wenn ihr was zustößt, wie sie sagt. Karin ist krank, sie hat Schmerzen, niemand weiß davon. Im Baumarkt kauft sie eine Leiter, vom Nachbarn borgt sie eine Bohrmaschine …

Eva Schmidt lässt mit ihren Worten diese Menschen ganz nahe an den Leser heran, so nah, dass es ihm manches Mal unbequem wird. Denn sie erinnern ihn daran, dass es auch in seinem Leben oder dem von Menschen, mit denen er lebt oder die er kennt, solche Nöte und spärlichen Freuden gibt, Seelenzustände, die oft erst dann offenbar werden, wenn der Mensch plötzlich nicht mehr da ist oder in eine große Krise gerät. Dann   beginnt man zu verstehen und wird ganz leise angesichts der Vielfalt des Lebens und seiner Leiden und Freuden.

 

 

Memory Wall

 

 

 

44066719z

 

Antony Doerr, Memory Wall, C.H. Beck 2016, ISBN 978-3-406-68961-1

 

Sein mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneter Roman „Alles Licht; was wir nicht sehen“ war, ebenfalls bei C. H. Beck in München veröffentlicht, auch in Deutschland ein großer Erfolg.

In einer schönen, stellenweise poetischen Sprache verknüpfte er damals zwei Erzählstränge mit zwei Hauptpersonen und beschrieb sie auf eine Weise, die dem Leser ans Herz ging. „Alles Licht, das wir nicht sehen“ war große Literatur, die gleichzeitig zu unterhalten wusste und etwas erzählte von jungen Menschen, die sich trotz des Elends des Krieges ihre Hoffnung auf Licht, auf Zukunft und auf Liebe nicht zerstören lassen wollen.

Verständlich, dass ein Verlag auf dieser Welle dann etwas Älteres vom Autor nachschiebt, bevor der neue Roman fertig ist. „Memory Wall“ ist eine Erzählung, die einem gleichnamigen Erzählungsband mit mehreren Prosastücken entnommen ist, die in den USA im Jahr 2010 schon erschienen ist. Aber weil sich Erzählungsbände hierzulande gar nicht gut verkaufen, (in den U SA schätzt man dieses Genre viel mehr)hat man die Titelstory ausgewählt, ihr die Bezeichnung „Novelle“ verliehen und sie in einer Hardcoverausgabe dem Publikum präsentiert.

In dieser Erzählung geht es um unsere Erinnerungen und ihre Bedeutungen für unser Leben. Denn was wir sind, wird nicht unwesentlich auch von dem beeinflusst, was wir erlebt haben und wie wir uns daran erinnern. Unsere Erfahrungen helfen uns, uns in der immer komplexeren Welt zurechtzufinden und die entsprechenden Entscheidungen zu treffen. Wenn nun, wie einer dementiellen Erkrankung diese Erinnerungen an persönliche Erfahrungen oder wie wir bestimmte Probleme des Alltags bewältigt haben, verdampfen, dann löst das Angst aus.

Die 74 – jährige Alma Konachek leidet an Demenz. Sie lebt in Kapstadt und wird von Pheko, der mit seinem Sohn in einer Armensiedlung lebt, seit vielen Jahren gepflegt. Seit vielen Jahren auch ist sie in Behandlung in einer Klinik, die ein Verfahren entwickelt hat, die Erinnerungen konservieren kann.

Durch eine Operation werden ihr dort vier Ports in den Schädel implantiert, die mithilfe eines Stimulators und zahlloser Kassetten mit Einzelerinnerungen das Vergessen verlangsamen sollen. Bezeichnenderweise trägt der verantwortliche Arzt den Namen Dr. Amnesty. Erinnerungen zu verlieren, kann vereinzelt auch eine Begnadigung sein. Sie selbst sagt: „Es gab Zeiten, in denen ich glücklich war, und andere, in denen ich es nicht war. Wie alle Menschen. Zu sagen, jemand sei ein glücklicher Mensch oder ein unglücklicher Mensch, ist lächerlich. Wir sind in jeder Stunde tausend verschiedene Menschen.“

Almas verstorbener Ehemann Harold hat im Alter eine Leidenschaft für Fossilien entwickelt, die Alma suspekt war. Bei einer seiner Touren erleidet Harold in Begleitung seiner Frau einen Herzinfarkt und stirbt. Nur noch Pheko kümmert sich nun um die alte Frau, die auf einer „Memory Wall“ in ihrem Zimmer mit immer weniger Erfolg versucht, über ihre Erinnerungen und ihr Leben den Überblick zu behalten.

Auf eine dieser Erinnerungen haben es Roger und sein junger Helfer Luvo abgesehen. Es geht nämlich die Kunde, dass Harold auf seiner letzten Erkundungstour ein überaus seltenes Fossil entdeckt haben soll, und vor Schreck über diesen Fund an Ort und Stelle gestorben ist.

Viele Nächte hintereinander brechen Roger und Luvo bei Alma ein und Luvo, dem Roger auch die entsprechenden Ports hat ins Gehirn pflanzen lassen (sein sicheres Todesurteil) versucht, lange ergebnislos, die Kassette zu finden, die diesne Fund dokumentiert.

Die Zeit wird knapp für die beiden, denn Alma soll in Heim und das Haus soll verkauft werden. Wenige Tage davor erschießt Alma Roger und Luvo findet die entscheidende Kassette. Er macht sich auf den Weg, findet tatsächlich das Fossil und krönt sein kurzes Leben mit einer sehr menschlichen Tat…

Eine schöne, sprachlich gelungene Erzählung, die den Leser mit den Gedanken zurücklässt, ob die Vorstellung, unsere Erinnerungen könnten tatsächlich auf Kassetten gespeichert werden, um sie bei Bedarf (nicht nur im Falle der Demenz) abrufen zu können, wirklich so prickelnd ist. Ich finde sie erschreckend. Es würde uns Menschen verführen, immer wieder aus der Gegenwart zu fliehen, statt sich ihr zu stellen.

 

 

 

 

 

 

Am Ende des Alphabets

 

 

 

41901515z

 

Fleur Beale, Am Ende des Alphabets, Knesebeck 2015, ISBN 978-3-86873-795-0

 

Ruby ist die gute Seele der Familie, sie hilft, wo sie kann. Dabei hat sie gelernt und geradezu verinnerlicht, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und den »Fußabtreter zu spielen« wie ihre Freundin Tia das manchmal nennt.

Ruby leidet unter einer Lese-und Rechtschreibschwäche und hat deshalb auch in der Schule wenig bis gar keine Gelegenheit ihr familiäres Schattendasein etwas aufzuhellen. Eigentlich keine guten Voraussetzung dafür, sich für den großen Schüleraustausch mit einer Schule in Brasilien zu qualifizieren.

Doch Ruby ist ehrgeizig. Sie nimmt all ihre Kraft und Energie zusammen und zeigt mutig Rückgrat. Es stellt sich heraus, auch für sie selbst überraschend, dass sie mehr Talente hat, als sie dachte. Und sie schafft es, bewältigt alle Widerstände und überrascht damit nicht nur ihre Familie, in der danach nichts mehr so ist wie vorher.

Ein einfühlsames und glaubhaft geschriebenes Buch (nicht nur) für Jugendliche. Ein Buch, das voller Optimismus dazu ermutigt, sich von Widerständen oder eigenen Schwächen niemals entmutigen zu lassen, sondern tapfer und aufrecht auch über große Hürden an seinem Ziel festzuhalten und es nicht aus den Augen zu verlieren.

Die junge Mutter Maria wird Ruby im Laufe der Geschichte zu einer Freundin, die ihr vermittelt, dass sie wegen ihrer Schwäche beim Lesen und Schreiben noch lange keine dumme Schülerin ist. Das, was sie an einer Stelle zu ihr sagt, zieht sich als Ermutigung durch das ganze Buch:

„Und jetzt gehst du vor die Tür, kommst wieder rein und sagst: Maria, es gibt da etwas, das Sie wissen sollten. Und dann erzählst du es mir. Ich möchte, dass dir bewusst wird, wie unwichtig das ist. Dass du trotzdem ein kluges, kompetentes Mädchen bist.“