Über Gott und die Welt. Philosophicum Lech 20

 

 

 

 

Konrad Paul Liessmann (Hg.) Über Gott und die Welt. Philosophicum Lech 20, Zsolnay 2017, ISBN 978-3-552-05825-5

 

 

Nun schon zum 20. Mal hat der  Philosoph Konrad Paul Liessmann Kollegen und Kolleginnen nach Lech am Arlberg eingeladen, um in einer öffentlichen Veranstaltung namens „Philosophicum Lech“ über philosophisch-aktuelle Themen zu reden und zu diskutieren.

 

Über „Gott und die Welt“ zu sprechen, klingt auf den ersten Blick beliebig. Was meint, wer über Gott und die Welt redet? Drückt die Redensart fröhliche Unbekümmertheit aus, signalisiert sie unverbindliche Beliebigkeit? Wer über Gott und die Welt redet, löst ja keine Probleme, entschärft keine Konflikte und nutzt eine anarchisch klingende Gesprächsform

 

Doch auf den zweiten Blick verbergen sich dahinter entscheidende Fragen der Gesellschaft. Fragen, denen sich auch die Philosophie seit mehr als zwei Jahrtausenden widmet. In einer Zeit voller Widersprüche und Differenzen, in einer Zeit des technologischen Fortschritts, in einer Zeit, in der wissenschaftliche Erkenntnisse mit einer Wiederkehr von Religion Hand in Hand gehen, lohnt es sich, wieder einmal grundsätzlich über Gott und die Welt nachzudenken.

Für Liessmann verbirgt sich dahinter eine der präzisesten Formeln der europäischen Geistesgeschichte. Die Welt war lange ein Synonym für die Verlockungen des Bösen und des Schmutzigen. Der in die Welt eingewanderte Gott schafft dazu einen echten Kontrast. Und eben den wollen alle abschaffen, die einen Gottesstaat gründen wollen: Dort würde nämlich gerade die wichtige Differenz von Gott und der Welt zum Verschwinden gebracht.

 

Durchweg lesenswerte philosophische Essays, die in ihrer Gesamtheit etwas abbilden davon, wie die Philosophie Krisen und Probleme sieht und beschreibt, die die Kraft jedes Einzelnen zu überstiegen scheinen.

Illustrierte Geschichte der Antike

 

 

 

 

 

Holger Sonnabend, Illustrierte Geschichte der Antike, J.B. Metzler 217, ISBN 978-3-476-04337-5

 

Der J.B. Metzler Verlag möchte mit seiner neuen Buchreihe „Illustrierte Geschichte“ einen kompakten, verständlichen, aber doch inhaltlich mit hohen Ansprüchen verbundenen Überblick über die einzelnen Themengebiete geben. Besonders die Werke zur Antike und zum Islam sind  sehr zu empfehlen.

 

Der durch viele Publikationen und Monographien als Kenner der Antike ausgewiesene Holger Sonnabend erfüllt mit dem vorliegenden Band über die Antike diesen Anspruch auf das Beste

 

Ein beinahe uferloses Themengebiet begrenzt Sonnabend auf die wichtigsten Schwerpunkte: Die griechische Hochkultur, die Entwicklung des römischen Imperiums, Byzanz und die außereuropäischen Hochkulturen.

Die gängigen Standardwerke zur Antike, insbesondere zum Römischen Reich füllen ganze Bücherwände. Da Sonnabend gerade aus dieser Fülle an Informationen die wichtigsten Geschehnisse filtert, kann dieses Buch jedem empfohlen werden, der sich in diese spannende Epoche einlesen will – ein umfangreiches Vorwissen wird gerade nicht vorausgesetzt.

 

Ein besonderer Akzent liegt auf prominenten, gestaltenden Persönlichkeiten und auf wichtigen, auch für die weitere Geschichte relevanten Phänomenen und Institutionen (Demokratie, Christentum, Kaiser). Neben den informativen Daten und Fakten der Ereignisgeschichte werden auch die kulturellen und sozialen Hintergründe und Zusammenhänge verdeutlicht.

Gott hilf dem Kind

 

 

 

 

 

Toni Morrison, Gott, hilf dem Kind, Rowohlt 2017, ISBN 978-3-498-04531-9

 

In ihrem neuen, knapp 200 Seiten umfassenden Roman, erzählt die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison, mittlerweile 86 Jahre alt, in wechselnden Perspektiven die Geschichte von Menschen, die alle unter einem dunklen Geheimnis leiden, eine alte Schuld mit sich herumtragen und erst wieder heil werden, als sie spüren, dass ihrem inneren Kind geholfen werden muss, wollen sie wieder heil werden. Dass diese Heilung eine auch spirituelle Dimension hat, daran lässt Toni Morrison schon bei der Wahl des Buchtitels (im Original „God help the Child“) keinen Zweifel.

 

Zunächst erzählt eine Frau namens Sweetness, wie sie damals, als ihre Tochter Lula Ann auf die Welt kam, fast zu Tode erschrak, als sie sah, wie tiefschwarz dieses Baby war. Der Mann und Vater des Mädchens verlässt beide sofort, weil er nicht glauben kann, dass er wirklich der Vater ist. Aus Angst vor rassistischen Angriffen erzieht sie ihre Tochter zu Gehorsam, Unterwürfigkeit und Anpassung.

 

Doch die heranwachsende Tochter wehrt sich gegen diese verordnete Angepasstheit. Sie nennt sich Bride, kleidet sich provokativ ganz in Weiß und macht eine steile Karriere bei einer Kosmetikfirma  mit einem eigenen von ihr entwickelten Produkt.

 

Bride lernt einen Mann kennen, ein Mann der sie wirklich liebt. Doch die Beziehung scheitert, zum einen an der Last der Schuld, die Bride mit sich herumträgt, zum anderen an dem tiefen in seiner eigenen Kindheit wurzelnden Schmerz.

 

Als Bride jene Frau besuchen will, die sie durch ihre Aussage als Kind ins Gefängnis brachte, fällt jene über sie her und verletzt sie schwer. Von ihrer Kolegin Booker unterstützt, beschließt Bride während ihrer Rekonvaleszenz sich nicht nur auf die Suche nach sich selbst zu machen, sondern auch nah jenem Mann, den sie immer noch liebt.

 

Als sie sich schlussendlich in ihren Schmerzräumen und – geschichten treffen deutet sich eine Chance auf Heilung an. Doch auch ihr Kind wird es nicht schaffen ohne Gottes Hilfe.

 

„Gott hilf dem Kind“ ist ein Buch voller Altersweisheit, in dem es neben den nach wie vor wirksamen Folgen des Rassismus in den USA um Verantwortung geht und um menschliche Fehlbarkeit und Schuld. Es geht um die Dimensionen afroamerikanischen Selbsthasses und um die Schatten einer schwarzen Kindheit. Vier verschiedene Ich-Erzählerinnen verteilen zunächst lose Fäden, die sich dem Leser aber später zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen.

 

Es erzählt eine Geschichte voller Kraft, leidenschaftlich, eine Geschichte, die im Leser lange nachklingt.

 

 

 

 

Stille Wasser

 

 

 

 

Donna Leon, Stille Wasser. Commissario Brunettis sechsundzwanzigster Fall, Diogenes 2017, ISBN 978-3-257-06988-4

 

In ihren neuen, dem mittlerweile sechsundzwanzigsten Fall ihres venezianischen Commissarios Guido Brunetti, findet Donna Leon nach dem schon viel besseren letzten Fall wieder zu alter literarischer Stärke zurück. Zwar wird wieder, wie das in Italien eher die Regel zu sein scheint, der Schuldige nicht gefunden und verurteilt, aber daran hat man sich mittlerweile auch bei anderen Autoren wie etwa bei Camilleris Montalbano, schon gewöhnt.

 

„Stille Wasser“ zeigt Donna Leon, ihren Brunetti und auch die Lagune von Venedig von einer anderen, sehr nachdenklichen und philosophischen Seite.

 

Nachdem Brunetti bei einem Verhör eines hochrangigen Bürgers, der natürlich am Ende nicht für das Verantwortung übernehmen muss, was er offensichtlich getan hat, seinem Kollegen zur Hilfe kommt, der aus Wut kurz davor ist, dem Verdächtigen, dem Anwalt Antonio Ruggieri an den Kragen zu gehen, indem er einen Schwächeanfall vortäuscht. Das Verhör wird abgebrochen, Brunetti mit Verdacht auf Herzinfarkt in die Klinik gebracht und von dort mit dem dringenden Rat für eine berufliche Auszeit wieder entlassen.

 

Da es seinem schon lange gespürten Bedürfnis entgegenkommt, nimmt Brunetti diesen Rat an, und verbringt unter Vermittlung seiner Frau Paola zwei Wochen in einem Haus von Paola Verwandten auf der Insel Sant`Erasmo in der Lagune von Venedig.

 

Dort wohnt auch der alte Davide Casati, ein Mann, mit den Brunettis Vater schon ruderte und ein legendäres rennen gewann. Brunetti und Casati kommen sich bei zahlreichen Rudertouren durch die Lagune näher. Auf diesen Touren erfährt er viel über das bedrohte und  schon stellenweise zerstörte Ökosystem der Lagune  und das rätselhafte Sterben von vielen von Casati Bienenvölkern, die er auf vielen verschiedenen Inseln der Lagune aufgebaut hat.

 

Man ahnt als jemand, der vor Jahrzehnten genau die Nachrichten verfolgt hat, schon etwas davon, dass es wahrscheinlich um irgendeinen Umweltskandal gehen wird.

 

Und als Casati, dessen Frau vor einigen Jahren an Krebs gestorben ist, wofür er sich die Schuld gibt, eines Tages nicht mehr auftaucht und verschwindet, überredet Brunetti seinen Kollegen Vianello, sich kran k schrieben zu lassen und sozusagen undercover mit ihm nach Casati zu suchen.

 

Und sie kommen auf ganz alte Spuren und einen unglaublichen Skandal.

 

Donna Leon betont schon in ihren letzten Romanen immer wieder, in welch schrecklichem Zustand Venedig und seine Umgebung durch immer mehr Touristen und Umweltsünden sich befinden. Man spürt ihrem Buch ab, wie sehr sie unter dieser immer negativeren Entwicklung leidet und sie lässt auch ihren Commissario an ihrer Skepsis teilhaben.

 

„Stille Wasser“ ist trotz seiner klug aufgebauten Spannung ein nachdenkliches Buch.

 

 

 

 

Ich lebe mit meiner Trauer

 

 

 

 

 

Chris Paul, Ich lebe mit meiner Trauer, Gütersloher Verlagshaus 2017, ISBN 978-3-579-07308-8

 

Ein ganz besonderes Buch hat die Psychotherapeutin und Trauerbegleiterin Chris Paul  hier vorgelegt. Sie hat ein Modell entwickelt, mit dem sie den Trauerprozess vom Eintritt des Todes bis in die Zeit Jahre nach dem Tod erklären.

Sie nennt es „das Kaleidoskop des Trauerns“ und definiert darin sechs Elemente, die von Anfang an immer gleich präsent sind:

  • Überleben
  • Wirklichkeit
  • Gefühle
  • Sich anpassen
  • Verbunden bleiben
  • Einordnen

 

Nachdem sie zu Beginn des Buches diese Elemente kurz erläutert, erklär sie ihre Bedeutung und ihr Wirken in jeder der folgenden Phasen des Trauerns:

  • Die ersten Stunden. Der Trauerweg beginnt
  • Die ersten Wochen. Eine besondere Zeit
  • Das erste Trauerjahr. Der Trauermarathon hat begonnen
  • Der erste Todestag
  • Die weiteren Trauerjahre. Trauerwege und Trauerentwicklungen

 

Mit ihrem Modell des Kaleidoskops bietet Chris Paul Trauernden in den unterschiedlichen Phasen ein lebensnahes, leicht verständliches Bild, in dem sie sich wiedererkennen und durch das sie Kraft und Hoffnung für ihr eigenes Leben schöpfen können.

 

Ein hilfreiches Buch, das durch seine Systematik und durch die immer wiederkehrenden Elemente wirken kann wie eine Stütze, wie ein Korsett und Lebensanker, der einen durch die Zeit der Trauer begleiten kann. Aber auch für die Unterstützung von Freunden und Bekannten, die vom Tod betroffen sind, kann es wichtige Impulse und Hinweise geben.

Und es ist eine wichtige Unterstützung für alle, die professionell mit Tod, Trauer und Seelsorge zu tun haben.

Weißt du noch

 

 

 

 

 

 

 

Zoran Drvenkar, Jutta Bauer, Weißt du noch, Hanser 2017, ISBN 978-3-446-25478-7

 

Diese wunderschöne Bilderbuch, eine gelungene Zusammenarbeit des Schriftstellers Zoran Drvenkar und der Bilder- und Kinderbuchautorin Jutta Bauer lädt Kinder und Erwachsene ein, den beiden Kindern, die darin von ihren Kindheitserlebnissen erzählen, nachzueifern und sich selbst bei verschiedenen Gelegenheiten zu erinnern und sich davon zu erzählen.  Kleine Bleistiftzeichnungen an den Rändern der farbenfrohen Bilder deuten an, dass auch die Großeltern in diese Erzählung mit eigebunden werden können.

 

Erzählen von den einzigartigen magischen Augenblicken der Kindheit und des Kindseins, sich erinnern an jene wunderbaren Momente der Menschwerdung, an denen man zum ersten Mal etwas bewusst sieht, riecht, fühlt, tut und versteht – dazu kann dieses Buch für Kinder und Erwachsene anregen.

 

Ein schönes Bilderbuch über das Wunder des Lebens und die Wunder der Welt, die nur jemand erleben kann, wer wie ein Kind staunend in die Welt blickt.

Und diesen Blick sollte man nie verlernen.

Vielleicht

 

 

 

 

Guido van Genechten, Vielleicht, Mixtvision 2016, ISBN 978-3-95854-071-2

 

Der bekannte belgische Kinderbuchautor Guido van Genechten hat sich mit diesem Bilderbuch für den Mixtvision Verlag auf eine für Kinder absolut nachvollziehbare Weise eines großen Themas angenommen. Es geht um nichts weniger als um die Entstehung von allem was ist, und um den immer wiederkehrenden Kreislauf des Universums und Lebens von Werden und Vergehen.

„Wie hat alles begonnen?

Mit Nichts?

Mit Formen und Farben?

Vielleicht.“

 

Aus den verschiedenen Farben und Formen bildet  er alle Dinge, Pflanzen, Tiere und Menschen und Sachen wie Autos, Häuser. „Ja, vielleicht ist alles aus diesem kleinen Teilen gemacht“ (was ja auch stimmt).

 

Und irgendwann fallen sie in ihren Ursprung zurück. Und es geht wieder von vorne los. Immer aufs Neue.

 

Eine unterhaltsame und anspruchsvolle Geschichte über nichts und alles und wie es gewesen sein könnte.

 

 

Wenn die Welt ein Dorf wäre

 

 

 

 

 

 

 

 

 

David J. Smith, Shelagh Armstrong, Wenn die Welt ein Dorf wäre, Jungbrunnen Verlag 2016, ISBN 978-3-7026-5743-7

 

Seit 2002 verkauft sich dieses anspruchsvolle Sachbilderbuch aus dem Jungbrunnen Verlag so gut, dass nun  in einer überarbeiteten Fassung 2016 die siebte Auflage auf den Markt gekommen ist. Es versucht die für Kinder echt unbegreifliche Tatsache, dass mittlerweile fast 7,5 Milliarden Menschen auf unserer Erde leben, begreiflich zu machen, dass die Welt ein Dorf wäre und zu sehen, was unsere Nachbarn so machen. Wer kommt wo her? Wie viele kommen von welchem Kontinent? Wie sprechen sie? Wie alt sind sie? Wer glaubt an wen? Wie ist das mit der Schule? Wie viel Geld hat jeder? Wie sieht die Welt in der Zukunft aus? Viele dieser Fragen werden in diesem Buch ganz einfach erklärt.
Da dieses Buch einige Zahlen wiederbringt, das Kind Vergleiche kennen muss und sich zugleich die Zahlen vorstellen muss, die hier genannt werden, würde ich das Buch erst ab Mitte der Grundschule einsetzen. Farbintensive und anspruchsvolle  Bilder laden ein zum Entdecken vieler Einzelheiten.
Im Anhang findet man einen kleinen Anhang für die Erwachsenen, die diesen Tipps gibt, wie die Kinder vernetzt denken lernen.

 

Ein empfehlenswertes und aktuelles Sachbilderbuch.

Trutz

 

 

 

 

 

 

Christoph Hein, Trutz, Suhrkamp 2017, ISBN 978-3-518-42585-5

 

Der neue Roman von Christoph Hein ist, das sei schon ganz zu Anfang gesagt, ein großes Buch, ein Werk, das fast ein ganzes Jahrhundert umspannt  und eine bewegende Geschichte erzählt vom Leben und Sterben unter den extremistischen Bedingungen der weltpolitischen Konstellationen des 20. Jahrhunderts.

 

Der Roman beginnt im Frühjahr 2003, als Christoph Hein an einer Diskussionsveranstaltung zum Hitler-Stalin-Pakt  in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur teilnimmt, in dem die stellvertretende Direktorin des Bundesarchivs referiert. Er hat an diesem Thema eher weniger Interesse, sondern hofft, die Referentin abseits der Veranstaltung zu einem Thema zu befragen, zu dem er seit einem Jahr recherchiert, dem GSG-9-Einsatz in Bad Kleinen am 27. Juni 1993, der sich zu einer regelrechten Staatskrise mit Rücktritten etc. auswuchs.

In seinem 2005 erschienen Roman „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ hat Christoph Hein diesen Einsatz und seine Folgen einer „Staatskrise bisher ungekannten Ausmaßes“ für die Bundesrepublik (so der RAF- Biograph Butz Peters) literarisch verarbeitet.

 

Doch das, was er während der schon erwähnten Veranstaltung erlebt, hat Hein nicht vergessen und nach ausgiebigen Recherchen über 10 Jahre später zu einem Roman verarbeitet. Während des Vortrags der Referentin des Bundesarchivs erhebt sich ein älterer Mann im Publikum, und weist ihr alle möglichen Fehler nach, ohne dass ersichtlich wäre, dass er sich auf irgendwelche schriftlichen Unterlagen bezieht.

Hein fällt das auf, und er spricht den alten Mann in der Garderobe an. Der stellt sich vor als Maykl Trutz, benennt die Mnemonik als Ursache seiner Erinnerungsfähigkeit und bietet dem Schriftsteller an, ihm bei weiteren Gesprächen mehr davon zu erzählen. Acht solcher Besuche gab es, und jedes Mal spricht Maykl Trutz genau vier Stunden lang.

 

Christoph Heins Roman Überspannt eine Zeit zwischen dem Berlin der 1920er-Jahre, über das Moskau der Kriegs- und Nachkriegsjahre, über sibirische Straflager bis hin zum heutigen Berlin, in dem sich die Söhne der Familien Trutz und Gejm wiederbegegnen, und auch Hein durch die Begegnung mit Maykl Trutz und die Gespräche mit ihm erst jenen Stoff erhält für sein Buch, für das er viele Jahre vor allem in russischen Archiven ein intensives Aktenstudium absolvierte.

Die Geschichte beginnt mit Rainer Trutz, dem Vater von Maykl, der aus der Provinz und einem engen Elternhaus in das Berlin der 20-er Jahre flieht und durch einen Zufall jene Russin Lilija Simonaitis, Mitarbeiterin der russischen Botschaft, kennenlernt, die dem angehenden Schriftsteller nicht nur die Türen zur Berliner Gesellschaft öffnet, sondern auch später in der Sowjetunion lange zu einer Helferin und Unterstützerin der Familien Trutz wird, bis sie selbst in die grausamen Mühlen der Stalin`schen Säuberungen gerät.

 

Nachdem der erste Roman von Rainer Trutz, ein frivoles Erstlingswerk, einiges Aufsehen erregt, gerät er mit seinem zweiten Buch in das Viser der Gestapo und flieht mit Hilfe von Lillija mit seiner Familie nach Moskau.

Doch dort im als sicherer Ort phantasierten Exil warten herbe Enttäuschungen auf sie. Rainer Trutz begegnet dort Waldemar Geijm, einem Professor für Mathematik und Sprachwissenschaften an der Lomonossow- Universität, der ein neues Forschungsgebiet begründet, wobei er sich auf alte Vorgänger beruft: die Mnemotechnik, die Lehre von Ursprung und Funktion der Erinnerung. Dieser Prof. Geijm, der bald in Ungnade fällt und später in einem sibirischen Arbeitslager stirbt, unterrichtet mehrere Jahre seinen eigenen Sohn und den Sohn von Rainer Trutz, den kleinen Maykl in dieser Technik, deren Kunst Christoph Hein dann über sechs Jahrzehnte in Berlin bestaunen sollte.

 

Auch Rainer Trutz, der die harte Arbeit als Pionier beim U-Bahn-Bau in Moskau einigermaßen überlebt, wird nach dem Krieg plötzlich denunziert. Eine alte Rezension, die er noch in Berlin schrieb und in der er sich lustig machte über die Lobhudelei einiger berühmter Schriftsteller, die die Sowjetunion als Paradies darstellten, wird ihm zu Verhängnis. Er kommt in ein Besserungslager im Ural und wird dort von einem Wärter erschlagen.

 

Auch Maykl und seine Mutter werden drangsaliert, und als Gudrun stirbt, geht er in die DDR. Doch auch dort wird er drangsaliert und versucht als Archivar zu überleben. Nach der Wende wird er Gem, den Sohn von Professor Geijm wiedertreffen und sie stellen fest: sie haben fast dieselben Erfahrungen  gemacht wie ihre Väter.

 

Am Beispiel zweier Familien hat Christoph Hein ein Jahrhundert der Diktaturen wieder aufstehen lassen und lebendig gemacht. In einer Zeit, in der die jüngeren Generation auch von intellektuell geprägten Menschen kaum noch etwas wissen über diese Zeit, ist es sehr zu begrüßen, dass und wie Hein dieses Jahrhundert verstehbar und auch erlebbar macht, am Schicksal realer Menschen.

All das, was im Maykl Trutz in den vielen Gesprächen nicht erzählen konnte, weil er es nicht wissen konnte, hat Hein in endloser Recherchearbeit in zunächst verschlossenen Archiven gefunden.

 

Er hat es zu einem beeindruckenden literarischen Werk verarbeitet, das einen Platz auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2017 verdient hätte.

 

 

 

Eugen Drewermann. Die Biografie

 

 

Matthias Beier, Eugen Drewermann. Die Biografie, Patmos 2017, ISBN 978-3-8436-0601-1

 

Die vorliegende Biografie des wohl international besten und ausgewiesensten Kenners des Lebens und der Theologie Eugen Drewermanns, des in den USA lehrenden Matthias Beier ist nicht nur die erste solche Publikation, sondern sie bietet auch eine Menge Überraschungen.

Sowohl über Drewermanns persönliches Leben wie auch über die Rolle von Papst emeritus Benedikt XVI. bei seiner Verurteilung. Von besonderem Interesse wird für Leserinnen und Leser auch sein, dass die Biografie erstmals eine Reihe wichtiger Begegnungen Drewermanns dokumentiert, wie etwa mit dem Dalai Lama, mit der ehemaligen Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth, dem Befreiungstheologen Leonardo Boff und der evangelischen feministischen Theologin Dorothee Sölle. Hinzu kommen Dutzende von Stimmen anderer bekannter

Persönlichkeiten, wie der des Kabarettisten Hagen Rether oder des Musikers Reinhard Mey.

 

In drei Teile hat der Autor Leben und Werk Drewermanns geteilt:

  • Jugend, Kindheit und Familie: Die eigene Stimme finden
  • Der Streit um die Menschlichkeit in der Religion
  • Wegweiser globaler Menschlichkeit und des heiligen Respekts vor allem Leben

 

Wer einmal auch nur eine kurzen Text dieses Mystikers gelesen oder bei einem seiner zahllosen Vorträge und Predigten dabei sein durfte, ist gefangen von  der Wärme seiner Sprache und seiner unendlichen Liebe zu allem Lebendigen.

 

Indem die Kirche diesen Mahner und Propheten aus ihren verbannte, hat sie sich einer wichtigen Stimme und Kraft beraubt. Ich bin sicher, dass es eine Zeit geben wird, die Drewermann selbst vielleicht nicht mehr erleben wird, wo man ihn rehabilitiert und seine Werke neu begreifen wird. Auch sein Biograph möchte mit seinem Buch dazu beitragen. Er sagt in einem Interview:

„Meine Hoffnung ist, dass die Biografie dazu beitragen kann, die bleibende Relevanz des Werkes Drewermanns für die Menschheitsgeschichte darzustellen. Ich bin davon überzeugt, dass Drewermanns Werk eine kulturelle Schwelle für die Menschheit überschreitet und ihr in dieser kritischen Stunde, in der sie zwischen Weltzerstörung und Weltbewahrung, zwischen Entmenschlichung und Menschlichkeit entscheiden muss, eine enorme Chance bietet. Das darzustellen, ist eine Hauptaufgabe der Biografie.

Wie kein anderer entwickelt Drewermann eine Vision der Menschlichkeit, die sowohl psychologisch als auch sozial und religiös gewaltfrei ist. Darin unterscheidet er sich von vielen anderen Befreiungskämpfern, auch im Christentum, die in ihrem Moralismus oft sich selbst oder anderen gegenüber unwillentlich psychologisch gewalttätig sind. Wer Drewermanns Werk wirklich verstanden hat, findet darin ein Mittel,

sich selbst unter den vielen Masken – gewachsen durch Erwartungen von anderen – wirklich zu finden und sich (wieder) trauen zu lernen. Und er findet darin eine Lebensweise, sich für eine menschlichere Welt einzusetzen, um alles Leben, auch und gerade die Vielfalt der Tiere und Pflanzen an unserer Seite, zu bewahren und zu fördern. Drewermanns Werk hat bleibende Bedeutung, um eine friedliche Welt, ein wahrhaftes Menschsein und eine menschlichere Form von Religion zu verwirklichen.“

 

Dem kann sich der Rezensent, evangelischer Theologe, nur anschließen.