Haus

 

 

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Felicitas Horstschäfer, Johannes Vogt, Haus, Gerstenberg 2015, ISBN 978-3-8369-5802-8

 

Menschen wohnen in Häusern, seit langen Zeiten schon. Aber es gibt sehr viele unterschiedliche Häuser. Es gibt normale Einfamilienhäuser, große Wohnblocks in der Stadt. Es gibt Häuser im Wald, Zelte und Iglus.

Es gibt Höhlen in der Erde, Baumhäuser für Kinder; Schiffe als Wohnungen für Piraten und Burgen für Ritter.

Es gibt verschiedene Häuser für Gott, Kirchen und Moscheen. Und es gibt Hausboote und Wohnwagen.

All das will in diesem schönen Bilderbuch von Kindern entdeckt werden. Vielleicht können sie ja zu jedem dieser Häuser eine Geschichte erfinden oder malen über die Menschen, die darin wohnen, bzw. sich zeitweise darin aufhalten.

I Saw A Man

 

 

 

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Owen Sheers, I saw a man, DVA 2016, ISBN 978-3-421-04669-7

 

Er stammt aus Wales, wo er auch einen Teil der Handlung seines hier anzuzeigenden Romans spielen lässt, ist 41 Jahre alt und hat in vielen großen Zeitungen und Zeitschriften seines Heimatlandes in der Vergangenheit Reportagen veröffentlicht. Schon Owen Sheers erster Roman („Resistance“) wurde in 10 Sprachen übersetzt (die deutsche Version wird sicher von DVA nach dem Erfolg des zweiten bald in Angriff genommen werden) und sein neuer Roman „I saw a man“ schickt sich an, noch erfolgreicher zu werden.

Owen Sheers Roman ist ein Thriller, der es an Spannung mit den ganz großen des Genres aufnehmen kann. Kaum hat man das Buch aufgeschlagen, ist man vom ersten Satz an in den Bann gezogen:

„Der Vorfall, der ihrer aller Leben veränderte, ereignete sich an einem Samstagnachmittag im Juni, kurz nachdem Michael Turner – in der Annahme, es sei niemand da – das Haus der Nelsons durch die Hintertür betreten hatte. London ächzte unter einer Hitzewelle. Überall im South Hill Drive standen die Fenster offen, und das Blech der Autos war so heiß, dass die Schweißnähte in der Sonne knackten.“

Doch Michael Turner ist kein Dieb und Einbrecher, sondern er will als guter Nachbar und Freund von Josh und Samantha Nelson sich nur einen ausgeliehenen Schraubenzieher zurückholen. Scheinbar ist niemand zu Hause, obwohl die Hintertür offen ist. Und so macht er sich auf die Suche.

Owen Sheers schafft es bis weit über die Hälfte des Buches, den Leser über diesen „Vorfall, der ihrer aller Leben veränderte“ im Unklaren zu lassen, über das, was in diesen kurzen Augenblicken, als Michael Turner in dem Haus unterwegs ist und die Treppen hochsteigt, geschieht. Das steigert die Spannung ins fast Unerträgliche und motiviert den Leser, ohne Pause weiterzulesen: in vielen Rückblenden erzählt Owen Sheers die Lebensgeschichte von Michael und seiner Frau Caroline, und wie Michael die Nelsons kennengelernt und mit ihnen Freundschaft geschlossen hat.

Michael Turner ist Journalist, dessen Spezialität es ist, dass er für seine durchaus erfolgreichen Reportagen sozusagen eintaucht in das soziale Feld, das er dann beschreibt. So entstand auch sein erstes Buch „BrotherHoods“ über zwei Brüder in New York City, das zu einem Weltbestseller mutiert. Seine Frau Caroline war über viele Jahre als „embedded journalist“ für verschiedene Fernsehsender in allen Krisenherden der Welt unterwegs, suchte regelrecht die Gefahr. Sie ist, als sie mit Michael nach Wales in ein kleines Cottage zieht, mit ihrer Arbeit für eine kleine Produktionsfirma nicht zufrieden, und so ist es fast zwangsläufig, dass sie sofort zusagt, als in ihrer Firma ein Auftrag für Dreharbeiten in Pakistan zu vergeben ist. Dort wird Caroline von einer US-Drohne getötet.

Sehr bald schon führt Owen Sheers mit Major Daniel McCullen jenen Mann ein, der von einer geheimen Einsatzzentrale in den USA den Einsatz jener Drohne steuerte, die Caroline und ihr Team tötete und dessen Leben damit ins Wanken gerät. In diesen Teilen des Buches erfährt der Leser viel Kritisches über die Drohnen-Politik der USA.

Immer wieder wechselt der Blinkwinkel zwischen der Szene im Haus der Nelsons, dem Leben Daniel McCullens und der Vergangenheit Michaels hin und her. Vor allen Dingen führt Owen Sheers, die Spannung immer weiter steigernd, den Leser erzählend an die Jetztzeit heran. Denn Michael hat nach Carolines Tod Wales verlassen und in London in Hampstead Heath die Wohnung eines Freundes gemietet. In seinen Nachbarn Josh und Samantha Nelson findet er eine Art Familie. Dauernd laden die beiden ihn ein zum Essen und er wird auch für die beiden Töchter zu so etwas wie einem väterlichen Freund. Mit der Zeit spürt Michael, dass es in der Ehe der Nelsons nicht stimmt, ohne dass er dem weiter nachgeht.

Josh arbeitet sehr erfolgreich bei der Lehman Brothers Bank, und, da die Gegenwartshandlung im Jahr 2008 spielt, ahnt der Leser bei der ersten Erwähnung von Joshs Beruf, was bald kommen wird. Für seine Frau Samantha, als studierte Fotografin wegen der beiden Töchter eine eher frustrierte Hausfrauenexistenz mit vielen Cocktailparties führend und den nicht nur dort viel Alkohol konsumierenden Josh kommt Michael als nachbarlicher Freund gerade recht. Wenn er da ist, sind sie von ihren Problemen abgelenkt und ihre beiden Töchter freuen sich.

Irgendwann am Ende der ersten Hälfte des Buches sind die Vorgeschichten erzählt und der das Leben der Protagonisten verändernde Vorfall geschehen. Nun kommt Owen Sheers, die Spannung nur unwesentlich reduzierend zum eigentlichen Thema des Buches über die Folgen eines einzigen schicksalhaften Moments. Für die drei Männer, Josh, Michael und auch Daniel, von denen jeder einzelne in einem solchen Moment schuldig geworden ist, geht es nun darum, mit dieser Schuld umzugehen. Schuld, die sich in allen drei Fällen mischt mit großem Verlust und sie unabhängig voneinander, aber auch in zartem Kontakt miteinander zwingt, sich ihrer Schuld zu stellen.

Mit einem sehr überraschenden Ende bindet Owen Sheers seine Kompositionsfäden zusammen und hinterlässt beim Leser den Eindruck, gerade ein großes Stück Literatur gelesen zu haben.

Man darf auf die Verfilmung dieses Stoffes gespannt sein. Die Filmrechte sind jedenfalls schon verlauft.

 

 

 

 

Der schönste Grund, Briefe zu schreiben

 

 

 

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Angeles Donate, Der schönste Grund, Briefe zu schreiben, Thiele Verlag 2016, ISBN 978-3-85179-341-3

 

Wieder haben die Späher des Thiele Verlag im Süden Europas ein wunderschönes Buch entdeckt und sich dazu entschlossen es in Deutschland zu veröffentlichen. Anja Rüdiger hat es aus dem Spanischen gut übersetzt, und so können die Leser über etwa 400 Seiten ein außerordentliches literarisches Debüt von Angeles Donate verfolgen. Ein Romandebüt, in dem es um die Macht der Liebe geht, um die Kunst des Briefeschreibens und um das Geheimnis, wie das Schreiben von Briefen Erkenntnis bringen kann, über sich selbst und über andere.

Es beginnt damit, dass in einem kleinen spanischen Dorf namens Provenir die für dieses Dorf seit vielen Jahren zuständige Briefträgerin und Leiterin der Poststelle, Sara, von ihrer vorgesetzten Behörde einen Brief bekommt. Ihr wird mitgeteilt, dass das über einhundert Jahre alte Postamt bald geschlossen werden soll, und Sara nach Madrid versetzt werden wird.

Für die alleinerziehende Mutter von drei Kindern ist diese Nachricht eine Katastrophe. Aber auch für ihre achtzigjährige Nachbarin Rosa wäre das furchtbar, denn sie hat in Sara und ihren Söhnen eine Art Familie gefunden, an der sie seit langem hängt und die ihr so etwas wie Schutz und Geborgenheit im Alter gibt.

Es dauert nicht lange, da hat Rosa eine zündende Idee. Wenn sie das Briefaufkommen im Ort steigern könnte, dann würde die Post vielleicht von der Schließung der Filiale absehen, und Sara könnte ihren Job behalten. Also setzt sie anonym eine Briefkette in Gang und beginnt mit einem Brief an ihre ehemalige Schulfreundin Luisa, der sie schon längst einmal schreiben wollte, aber nie dazu kam. All ihre Gedanken bringt sie zu Papier, insbesondere die, die sie schon seit Jahren quälen und von denen sie nicht loskommt.

Doch dieser Brief wird nicht von Luisa gelesen, sondern von ihrer Enkelin Alma, die nur kurz nach dem geerbten Haus ihrer Oma schauen will und, so wird sich zeigen, nicht nur durch den anonymen Brief für länger in dem kleinen Ort gehalten wird.

Während die Briefkette mit manchen längeren Pausen weitergeht, lernt der Leser weitere bisher sozusagen im Schatten des Dorfes lebende Menschen und ihre Lebensgeschichten kennen. Eine alte Dichterin, eine Telefonsexanbieterin, ein junger Mann, der seinen Vater pflegt und viele weitere. Und Sara wundert sich über die vielen zusätzlichen Briefe, weiß aber lange von nichts und tröstet sich mit dem Chatten mit ihrem Jugendfreund, der auf einer Bohrinsel in der Nordsee arbeitet. Noch!

Angeles Donate verbindet über die Briefe, die zunächst völlig beziehungslos durch das Dorf gesendet werden, Geschichten und Schicksale von ganz konkreten Menschen miteinander und fügt sie ein in eine lineare Handlung, die den Leser nicht nur immer wieder zu Tränen rührt, sondern auch gespannt darauf warten lässt, was nun als nächstes passiert und wie die Geschichte mit der Postfiliale nun ausgehen wird.

In einem dramatischen Höhepunkt erhält Sara neununddreißig anonyme Briefumschläge, in jedem ein Zitat eines Dichters über die Liebe, eines schöner und wahrhaftiger als das andere. Und dann kommt ihr 40. Geburtstag mit einer Riesenüberraschung….

Ein schönes Buch, ein Roman über die Liebe und die Kraft des geschriebenen Wortes, ein Buch darüber, wie Menschen sich ihrer Vergangenheit stellen und sich wieder von ihr lösen, bereit und fähig für eine bessere Zukunft. Ein Buch über die Liebe, ohne Kitsch. Ein leidenschaftliches Buch über die Kunst des Briefeschreibens. Wann haben Sie sich zuletzt darin geübt?

 

 

Deine Sehnsucht wird dich führen

 

 

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Sabine Asgodom, Deine Sehnsucht wird dich führen, Kösel 2016, ISBN 978-3-466-31041-8

 

„Wie Menschen erreichen, wovon sie träumen“ lautet der Untertitel des neuen Buches der bekannten und erfolgreichen Management-Trainerinnen in Deutschland, Sabine Asgodom. Wovon träumen Menschen nicht alles, seit sie schon als Kinder begannen, sich ihre Zukunft und ihr Leben vorzustellen. Die Träume verändern sich mit der Zeit, werden erwachsener und konkreter, aber in der Regel werden sie nicht verwirklicht. Deshalb, so sagt Asgodom, weil wir sie selbst nicht ernst nehmen, immer wieder andere Prioritäten setzen, uns anpassen und so unsere Träume aus den Augen verlieren und auch aus dem Herzen.

Doch an den unterschiedlichsten Stellen brechen sich unsere Träume und Visionen Bahn. Nicht selten versteckt und als solche erst einmal nicht zu erkennen in Krisen und Krankheiten. Spätestens dann, manchmal auch mit Hilfe einer Therapie stellen sich die Lebensfragen neu: „Was ist mir wichtig? Wie will ich leben? Woran will ich arbeiten?“

Diese Fragen stellen wir uns auch zu Beginn unserer Ausbildung oder am ersten Tag in einem neuen Job. Doch in der Routine des Alltags ordnen wir die eigenen Ziele denen unter, die andere uns vorgeben.

Sabine Asgodom ist davon überzeugt, dass Erfolg immer ein Lebenserfolg ist. Ein Lebenserfolg, der erarbeitet und erstrebt werden kann, wenn wir wieder neu lernen unser Herz zu befragen und uns jucht vollständig von dem bestimmen lassen, was unsere Gesellschaft und unser Wirtschaftssystem uns diktieren.

Die eigene Sehnsucht nach Leben, nach etwas Neuem, und sei es auch noch so marginal und klein, wieder ernst nehmen, dabei die Träume und Visionen von seiner konkreten Gestalt als Kompass verwenden und einsetzen, und Zufälle, aber auch Krisen und Lebenskrisen als Hilfestellung willkommen heißen, davon handelt dieses Buch.

 

 

 

 

 

Lehrerdämmerung

 

 

 

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Christoph Türcke, Lehrerdämmerung. Was die neue Lernkultur in den Schulen anrichtet, C.H. Beck 2016, ISBN 978-3-406-68882-9

 

„Es geht um weit mehr als einen Schulstreit. Mit der Rolle der Lehrer stehen zugleich entscheidende politische Grundeinstellungen zur Debatte“, schriebt der emeritierte Philosophieprofessor Christoph Türcke am Ende seiner wichtigen Streitschrift. „Man kann das Wort „Lehrerdämmerung“ depressiv verstehen: Lehrer erübrigen sich; Lernbegleiter genügen. Man kann es aber auch hoffnungsvoll lesen: Den Lehrern dämmert, dass sie sich das nicht gefallen lassen müssen. Wenn sie für den Erhalt und das Ethos ihre Berufes wirklich kämpfen, werden sie eine Orientierungsdebatte auslösen, die an die Grundfesten der neoliberalen Welt rüttelt.“

Große Worte nach einer vernichtenden Kritik der sogenannten neuen Lernkultur in unseren Schulen. An vielen Beispielen beschreibt Türcke die einer neoliberalen Ideologie angelehnte Reduktion der Schule und deren Lerninhalte auf reine Sach- und Fachkompetenzen. Persönlichkeitsentwicklung und Charakterbildung, Kritikfähigkeit und politisches (Selbst)bewusstein, musische Neigungen und künstlerisches Ausdruck, all das soll in der schönen neuen Lernwelt der Arbeitsblätter und Lernbegleiter keinen Platz und Ort mehr haben. Junge Menschen werden, lediglich auf ihre Kompetenzen reduziert, angesehen wie Maschinen. Und die Lehrer werden ihrer Würde beraubt, wenn man sie nur noch als „Kompetenzbeschaffungsgehilfen“ definiert.

Türckes Buch ist an flammender Aufruf an alle Lehrer, sich diese Selbstdegradierung und -abschaffung nicht mehr länger bieten zu lassen.

Rückbesinnung tut not auf das, was „Lehren“ eigentlich ist. Ich wünsche dem Buch und seinem Geist eine starke Verbreitung innerhalb der Lehrerschaft und der Kultusbürokratie.

 

 

 

 

Prinz Bummelletzter

 

 

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Sybille Hein, Prinz Bummelletzter, Hanser 2016, ISBN 978-3-446-24751-2

 

Eine schöne Geschichte erzählt Sybille Hein wieder in ihrem neuen Bilderbuch. Eine Geschichte, so richtig geeignet für all die Kinder im Kindergartenalter und deren genervte Eltern, die, aus welchem Grund auch immer, es jeden Tag schaffen, zu spät in den Kindergarten zu kommen. Für alle, die vor lauter Träumen vergessen zu frühstücken, und die immer den Eindruck haben, wenn sie kommen, ist der Markt schon gelaufen.

So geht es auch dem kleinen Trödler Prinz Willibald, dessen Brüder, natürlich alle von der schnellen und handgreiflichen Truppe, ihm die übelsten Schimpfwörter an den Kopf werfen, ihn Kriechgurke, Lahmschnecke, Trödel-Dödel und Trantüte nennen und ihm den Spitznamen Prinz Bummelletzter gegeben haben.

In seiner Phantasie hat Willibald ganz konkrete auch zeitlich durchstrukturierte Pläne. Er will erst Räuber jagen, dann eine Stunde später Riesen fangen und wieder nach einer Stunde einen Drachen schleudern.

Als er eines Morgens beim Frühstück, zu dem er natürlich viel zu spät kommt, einen Zettel seiner schon verschwundenen Brüder findet, auf dem sie mitteilen, sie seien zum Mittagessen zurück, müssten nur vorher noch schnell Prinzessin Fritza vor dem Drachen retten, da denkt sich Willibald: „Eine Prinzessin retten, das könnte mir auch gefallen.“

Doch bis er soweit ist, alles Nötige gepackt und sich auf den Weg gemacht hat, ist alles schon vorbei. Der Drache hat die Brüder besiegt und von der Prinzessin keine Spur. Doch dann kommt Willibalds Auftritt, sachte und bedacht. Und nachdem der vom Kampf erschöpfte Drache ins Gras gesunken ist, taucht auch die Prinzessin auf.

Natürlich verlieben sie sich ineinander, doch sie nehmen sich dafür genauso viel Zeit, wie für die Rückkehr. „Und wie sie gebummelt haben.“

Fazit: Für jeden Topf gibt es einen passenden Deckel. Und: manchmal erreicht man mehr, wenn man nicht der erste ist, sondern sich Zeit und alle ruhig auf sich zukommen lässt. Wunderbar!

 

 

Herr Seepferdchen. Pop-Up Buch

 

 

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Eric Carle, Herr Seepferdchen. Pop-Up Buch, Gerstenberg 2015, ISBN 978-3-8369-5834-9

 

So wie in seiner weltberühmten und von Generationen von Kindern geliebten „Raupe Nimmersatt“ gelingt es Eric Carle auch hier in „Herr Seepferdchen“, das 2005 zum ersten Mal auf Deutsch erschien und hier in einer wunderbaren und raffiniert gestalteten Pop-Up Ausgabe vorliegt, die entscheidenden Lebenserfahrungen kleiner Kinder in einer Tiergeschichte darzustellen.

Hier ist es die für alle Kinder notwendige Erfahrung, sich behütet zu wissen. Bei den Seepferdchen ist es so wie bei einigen anderen im Wasser lebenden Wesen der Vater, der die Kleinen behütet und in seinem Beutel heranwachsen lässt, ihnen die Welt zeigt und sie mit anderen Meereswesen bekannt macht, bevor er sie dann irgendwann in ihre Selbständigkeit entlässt. Mit den Worten: „Ich hab dich sehr lieb, aber jetzt kannst du allein zurechtkommen!“ drückt er etwas aus, was jede Mutter und jeder Vater zu den unterschiedlichsten Abschnitten der Entwicklung ihrer Kinder sagen und tun sollten.

Ein wunderbares Bilderbuch, dem eine ähnliche Bekanntheit wie der berühmten Raupe zu wünschen wäre.

Der größte Schatz der Welt

 

 

 

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Andrea Schütze, Der größte Schatz der Welt, Ravensburger Verlag 2016, ISBN 978-3-473-44674-2

 

Der Affe Momo sitzt bei seiner Mutter unter dem Baum im Urwald. Er langweilt sich. Nach verschiedenen vergeblichen Vorschlägen, sagt seine geduldige Mama: „Sing mir doch was Tolles, mein Schatz!“

Doch der kleine Momo hat verstanden: „Bring mir einen Goldschatz!“

Und so macht sich der kleine Affe auf die Suche quer durch den Urwald. Mit ihm begegnen die Kinder, denen das Buch vorgelesen wird (es ist durchaus auch als Gute-Nacht-Geschichte geeignet) vielen unterschiedlichen Tieren, die Momo befragt und die jeder eine anderen Vorstellung davon haben, was ein Schatz ist oder sein könnte.

Abends kommt Momo sehr enttäuscht mit leeren Händen nach Hause. Doch seine Mutter hält ihm den Spiegel vor das Gesicht und sagt freudestrahlend: „Aber ich hab doch schon einen Schatz!“

Humorvolle Szenen und die unterschiedliche Sprachweisen der verschiedenen Tiere, die Momo auf seiner Suche trifft, machen beim Vorlesen viel Spaß und sorgen für Heiterkeit.

Die Botschaft selbst kann indes nicht oft genug von Eltern an ihre Kinder vermittelt werden: Du bist der größte Schatz der Welt.

 

 

Eltern richtig erziehen

 

 

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Katharina Grossmann-Hensel, Eltern erziehen, Annette Betz Verlag 2016, ISBN 978-3-219-11670-0

 

Dieses originelle Bilderbuch von Katharina Grossmann-Hensel ist ein wahrer Spaß für kleine und auch schon etwas größere Kinder und für ihre Eltern eher ein Spiegel, in dem sie ihre eigene Erziehungsmethoden und pädagogischen Lehrsätze hoffentlich mit Humor auf den Prüfstand legen können.

In diesem Buch wird der Spieß umgedreht und auf eine witzige Weise gezeigt, wie das Kind ab dem Babyalter die Eltern erzieht. Die können sich auf den Seiten dieses herrlich schrägen Bilderbuches immer wieder selbst erkennen und ihre vergangenen oder aktuellen Machtkämpfe und Erziehungsbemühungen reflektieren.

Die Kinder ab dem Vorschulalter etwa werden ihren Spaß haben, und vielleicht bewirkt die gemeinsame Lektüre und das Gespräch darüber eine etwas entspanntere Haltung von Eltern, die angesichts eine überflutenden Erziehungsliteratur auf das Wichtigste nicht mehr vertrauen: ihre eigene Erfahrung und ihre natürliche Erziehungskompetenz und auf die Kompetenz, Lernfähigkeit und Selbststeuerung ihrer Kinder.

 

Ein langes Jahr

 

 

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Eva Schmidt, Ein langes Jahr, Jung und Jung 2016, ISBN 978-3-99027-080-6

 

Fast zwanzig Jahre hat die in Bregenz in Österreich lebende Schriftstellerin Eva Schmidt geschwiegen und keine Zeile veröffentlicht. Wir kennen die Gründe nicht und freuen und deshalb umso mehr darüber, dass sie nun mit dem Episodenroman „Ein langes Jahr“ mit großer sprachlicher Kraft und zarter Poesie zurückmeldet.

Das Buch beschreibt eine fiktive Stadt in der Provinz, eine Landschaft mit Berg und See, wie sie überall vorkommen kann. Der Fokus der Autorin und ihrer feinen, einfühlsamen Beobachtungen liegt auf Menschen, von denen jeder einzelne unser Nachbar sein könnte, wo immer wir das Buch auch lesen und uns zuhause fühlen. Alltägliche, manchmal regelrecht banale Ereignisse sind, die sie so erzählt, dass deutlich wird, was die Existenz des jeweiligen Menschen ausmacht und entscheidet. Und in immer wieder unerwarteten Wendungen wird ein ganzes Menschenleben offenbar.

Da ist etwa Benjamin. Er lebt mit seiner Mutter allein, die Wohnung in der Siedlung am See ist klein, den Hund, den er gerne hätte, kriegt er nicht. Als er Joachim davon erzählt, will der sich einen schenken lassen, am besten zwei, aber Benjamin findet, Hunde sind fast wie Menschen und kein Geschenk.

Eines Tages begegnet Benjamin Herrn Agostini, einem alten Mann aus der Nachbarschaft, auch er wollte sein Leben lang einen Hund. Früher als er ist seine Frau nach einem Sturz ins Pflegeheim umgezogen, jetzt hat er endlich einen, Hemingway heißt er. Aber Herr Agostini ist nicht mehr gut auf den Beinen, er weiß nicht, was aus »Hem« werden soll. Ähnlich wie Karin, die gerne wüsste, wer sich um ihren Hund kümmert, wenn ihr was zustößt, wie sie sagt. Karin ist krank, sie hat Schmerzen, niemand weiß davon. Im Baumarkt kauft sie eine Leiter, vom Nachbarn borgt sie eine Bohrmaschine …

Eva Schmidt lässt mit ihren Worten diese Menschen ganz nahe an den Leser heran, so nah, dass es ihm manches Mal unbequem wird. Denn sie erinnern ihn daran, dass es auch in seinem Leben oder dem von Menschen, mit denen er lebt oder die er kennt, solche Nöte und spärlichen Freuden gibt, Seelenzustände, die oft erst dann offenbar werden, wenn der Mensch plötzlich nicht mehr da ist oder in eine große Krise gerät. Dann   beginnt man zu verstehen und wird ganz leise angesichts der Vielfalt des Lebens und seiner Leiden und Freuden.