Frühstück im Wolseley

 

 

 

 

A.A. Gill, Frühstück im Wolseley, Gerstenberg 2018, ISBN 978-3-8369-2151-0

 

Das Wolseley ist eine seit langem angesagte Adresse in London für ein außergewöhnliches Frühstückserlebnis. Hier trifft sich, wer in der Stadt Rang und Namen hat. Aber auch viele ganz normale Gäste und Touristen sind hier anzutreffen in einer tollen, wenn auch etwas lauten Atmosphäre.

Eine sehr gediegene Einrichtung und Ausstattung in einer großen Halle und viele kleine Tische und Sitzgelegenheiten laden zum Verweilen und Genießen ein, Ein sehr freundlicher und zuvorkommender Service und eine kleine aber feine Speisekarte insbesondere das berühmte Egg benedictine erfreuen den Gast.

 

Alles, von der köstlichen Erdbeerkonfitüre bis zu den feinen Kuchen, wird im Hause selbst produziert. Ein Frühstück im Wolseley ist ein echtes Erlebnis, und da die vorderen Tische nicht reservierbar sind, ist ein Spontanbesuch jederzeit möglich.

 

Das vorliegende Buch ist eine Hommage an diese legendäre Location und bietet mit 26 Rezepten die Möglichkeit, vieles auch zu Hause selbst zu machen.

 

 

 

Stadt ohne Gott

 

 

 

Rainer Merkel, Stadt ohne Gott, S. Fischer 2018, ISBN 978-3-10397348-8

 

Rainer Merkels letzter großer Roman „Bo“, die Geschichte über eine Jungen, der in Liberia seinen bei der GTZ arbeitenden Vater sucht und dabei mit einem amerikanischen Mädchen namens Brilliant so manches Abenteuer erlebt, war das literarische Produkt eines langen Aufenthaltes des Autors in Liberia. Rainer Merkel war als embedded journalist nicht nur in Liberia, sondern auch im Kosovo und in Afghanistan. Er hat über diese Aufenthalte und die Erfahrungen die er dort gemacht, viele Essays und andere Texte geschrieben.

 

Nun legt er einen neuen Roman über die Stadt Beirut, oft als „Paris des Ostens“ bezeichnet, vor. Der Roman erzählt von einer Dreiecksbeziehung zwischen der Deutschen Rosie, die in der Hoffnung auf ein neues Leben nach Beirut gereist ist, dem libanesischen Modemacher Rafik, der Schiit ist, dem syrischen Christen Daoud und dem Soldaten Thierry.

 

Die sich anbahnenden, durchkreuzten und neu verhandelten Liebesbeziehungen im Roman spielen sich vor der Kulisse des Bürgerkriegs ab. Ein Scharfschütze verwundet junge Menschen, die in Untergrundkrankenhäusern behandelt werden müssen, die Männer fahnden nach dem Nutzen der Schuld, Rosie fragt nach dem Religiösen in der Natur, sucht nach der Liebe in einer Stadt ohne Gott – und verschwindet dann auf einmal in den Ruinen von Baalbek. Der Roman wird getragen durch Dialoge und Reflexionen, die Handlung tritt dagegen zurück. Er ist eine eindringliche Botschaft einer Jugend, die ohne Gott auszukommen sucht.

 

 

Flugangst 7A

 

 

 

 

 

Sebastian Fitzek, Flugangst 7A, Droemer 2018, ISBN 978-3-426-19921-3

 

Mats Krüger ist ein erfahrener und erfolgreicher Psychiater. Vor vielen Jahren ist er per Schiff von Deutschland nach Argentinien  ausgewandert. Wie so oft war das eine Flucht. Er konnte die tödliche Krankheit seiner über Alles geliebten Frau nicht mehr ertragen und verließ sie und seine damals noch kleine Tochter. Niemals wollte er je wieder zurückkehren. Doch seine Tochter Nele, mit dem HIV-Virus infiziert, ist schwanger geworden und hat ihn gebeten nach Berlin zurückzukommen und ihr bei der Geburt und danach beizustehen.

Mats Krüger leidet unter erheblicher Flugangst und so absolviert er nicht nur ein Flugangst-Seminar, sondern informiert sich auch wie manisch über Flugzeugabstürze und die Sicherheit von Flugzeugen.

 

Er bucht mehrere Sitze auf einem Langstreckenflug von Buenos Aires nach Berlin, um möglichst sicher zu gehen. Doch schon bevor das Flugzeug abhebt, gibt er seinen Sitz in der Business Class an eine junge Mutter mit einem Baby ab. Ein Vorgang, den der Leser bald vergisst…

Nachdem er seinen Platz eingenommen hat und versucht, seine in ihm tobenden Ängste einigermaßen zu bewältigen, klingelt sein Telefon. Ein Unbekannter spricht mit verstellter Stimme und teilt Mats mit, dass sich ein früherer Patient von ihm an Bord befindet. Ein Mensch, den Mats vor langer Zeit in einer langwierigen Therapie von mörderischen Gewaltphantasien heilte. Diesen Mensch, der sich bald als die Purserin des Fluges herausstellt, soll er seelisch so destabilisieren, dass die Mordphantasien wieder zum Vorschein kommen und durch sien das Flugzeug zum Absturz gebracht wird.

 

Kurz nach dem Start des Flugzeugs erfährt Mats Krüger, dass seine kurz vor der Geburt stehenden Tochter entführt wurde und von einem offenbar Verrückten festgehalten wird. Hilfe glaubt Mats nur zu finden bei Feli, einer ehemalige Kollegin, die er ebenso sitzen gelassen hat, wie seine Frau.

 

Obwohl Feli an diesem Tag heiraten soll, macht sie ich auf die Suche nach Nele und kommt dem Entführer bald gefährlich nah. Sehr nah und direkt geht es bald auch im Flieger zu. Ziemlich rätselhaft erscheint zunächst, wie der Erpresser all diese Vorgänge geplant hat. Die ehemalige Patientin im selben Flugzeug, und weit weg in Berlin zeitgleich der Überfall auf Nele.

 

Wie immer in seinen Büchern baut Sebastian Fitzek eine fast unerträgliche Spannung auf, inszeniert immer wieder neue Wendungen bis zu einer wieder völlig überraschenden Lösung.

 

Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen, so fasziniert war ich nicht nur von der Handlung und dem Plot selbst, sondern auch davon, wie Fitzek ihn sprachlich umgesetzt hat.

 

 

Ein unvergänglicher Sommer (Hörbuch)

 

 

 

 

Isabel Allende, Ein unvergänglicher Sommer (Hörbuch), Der Hörverlag 2018, ISBN 978-3-8445-3109-1

 

Auf mehreren Zeitebenen angesiedelt ist der neue Roman der Erfolgsautorin Isabel Allende. Auf der Gegenwartsebene führt sie ihre Leser in das winterliche Brooklyn in New York. Der an der New York University lateinamerikanische Politik lehrende Richard hat auf den glatten Straßen auf seinem Heimweg einen Auffahrunfall. Er gibt der Unfallgegnerin seine Karte und denkt sich nichts weiter dabei. Die Versicherungen werden das regeln. Doch kaum ist der allein lebende und eigenbrötlerische Professor wieder zu Hause, klingelt es und die Fahrerin des anderen Autos steht vor seiner Tür.

Sie heißt Evelyn, stammt aus Guatemala und arbeitet bei einer Familie als Kindermädchen. Sie ist extrem verängstigt, weil sie als Illegale im Land lebt und steht völlig aufgelöst vor Richard, als sie ihm erzählt, sie habe den Wagen ihres Arbeitsgebers gegen dessen Erlaubnis benutzt um trotz der Glätte dringend benötigte Windeln zu kaufen für das Kind, das sie quasi rund um die Uhr betreut. Und außerdem liege eine gefrorene Leiche im Kofferraum des Wagens.

 

Richard wendet sich an die in seinem ziemlich heruntergekommenen Souterrain wohnende Untermieterin Lucia, die er aus Chile als Dozentin an seinen Fachbereich geholt hat. Lucia hat zwei Bücher über die vielen Verschwundenen nach dem Militärputsch 1973 geschrieben, zu denen auch ihr Bruder gehörte. Schon seit einiger Zeit, so stellt sich heraus, fühlen sich Lucia und Richard zueinander hingezogen, doch erst während der Aktion in den nächsten beiden Tagen kommen sie sich wirklich näher.

 

Es wird nämlich ziemlich schnell klar, dass sie wegen des illegalen Staus von Evelyn auf keinen Fall die Polizei informieren dürfen. Sie beschließen nach anfänglichem Widerstand Richards, die Leiche verschwinden zu lassen. In diese, etwa ein Drittel des Buches umfassende Rahmenhandlung mit der zarten, späten Liebesgeschichte zwischen Lucia und Richard, erzählt Isabel Allende in Rückblenden die durchweg dramatischen und bewegenden Lebensgeschichten von Richard, Lucia und Evelyn.

 

Evelyns Kindheit und Jugend in Guatemala wird erzählt und die dramatische Geschichte ihrer Flucht mit Schleppern in die USA. Mit der Geschichte Lucias reflektiert Isabel Allende viel von ihrer eigenen Geschichte vor und nach dem Militärputsch in Chile 1973. Und auch Richards wechselvolle Vita hat viel mit Lateinamerika zu tun, lebte er doch lange in Brasilien, dessen Politik auch Thema seiner Dissertation war.

 

Indem Isabel Allende abwechselnd mit der fortschreitenden Rahmenhandlung in den Rückblicken von Richard, Evelyn und Lucia viel lateinamerikanische Geschichte der letzten Jahrzehnte reflektiert (oft Thema ihrer Romane), verschafft sie insbesondere ihren jüngeren Lesern, die diese Zeit nicht persönlich erlebt haben, eine wichtige Informationsquelle. Besonders Evelyns Geschichte reflektiert die Erfahrungen von Flüchtenden überall auf der Welt.

 

Nach einer ersten unsicheren Nacht in Richards Wohnung machen die drei sich noch im Morgengrauen auf den Weg in die nördlichen Wälder zu einer Hütte an einem See. Dort wollen sie das Auto mit der Leiche versenken.  Diese abenteuerliche Reise mit einem völlig überraschenden Ausgang wird alle drei Protagonisten des Romans verändern. Während sie unterwegs sind, die Leiche, deren Identität Evelyn mittlerweile offenbart hat, verschwinden zu lassen entwickelt sich zwischen Richard und Lucia eine Liebesgeschichte, von der beide nicht mehr gedacht hatten, sie zu Lebzeiten zu erleben.

 

„Ein unvergänglicher Sommer“ ist ein politischer Roman mit vielen spirituellen Notizen, ein Roman mit drei unterschiedlichen Fluchtgeschichten und ein Buch voller Hoffnung auf  Erlösung von einer als schrecklich erlebten Vergangenheit, auf neuen Anfang und neue Liebe auch im späten Alter.

 

Das Buch passt mit seiner Fluchtthematik in unsere Zeit und erzählt wie immer bei Allende von starken Frauen.

 

Die im eisigen Schnee spielende Gegenwartshandlung lässt den Titel lange unverständlich erscheinen, bis er am Ende einen tiefen lyrischen Sinn erhält.

 

Barbara Auer hat diesen vielleicht persönlichsten Roman von Isabel Allende in der vorliegenden ungekürzten Lesung des Hörverlags auf eine warmherzige und feinfühlige Weise interpretiert.

 

 

 

 

 

 

Heimliche Versuchung. Commissario Brunettis siebenundzwanzigster Fall (Hörbuch)

 

Donna Leon, Heimliche Versuchung. Commissario Brunettis siebenundzwanzigster Fall (Hörbuch), Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-80389-1

 

Dieser neue, der mittlerweile 27. Roman von Donna Leon mit ihrem Commissario Guido Brunetti aus Venedig hat mir im Gegensatz zu den letzten Romanen wieder richtig gut gefallen. Zwar muss man sich nach wie vor mit einer zunächst langsam sich abzeichnenden Handlung arrangieren und einem Stil, der recht wenig mit anderen Krimis zu tun hat. Leons Romane entwickeln sich in den letzten Jahren zunehmend zu mehr oder weniger resignierten Beschreibungen des bewusst in Kauf genommenen Verfalls einer alten und ehrwürdigen Stadt, die jedes Jahr über 1000 alteingesessene Einwohner verliert und der die Millionen Touristen, insbesondere die, die von den Kreuzfahrtschiffen angelandet werden, den Rest geben. Leon lässt ihren Commissario immer deutlicher darüber reflektieren.

 

Im vorliegenden Buch spricht eines Tages eine alte Bekannte von Brunettis Ehefrau Paolo in der Questura vor. Eine Architekturprofessorin macht sich Sorgen um ihren heranwachsenden Sohn, von dem sie vermutet, dass er Drogen konsumiert. Brunetti wird aus ihren Schilderungen nicht recht klug, zumal sie sich bei seinen Nachfragen nach einem Dealer sehr seltsam verhält.

Kurze Zeit später ruft man Brunetti mitten in der Nacht zu einem Tatort. Ein schwer verletzter Mann liegt neben einer Brücke. Es ist völlig unklar, ob es ein Unfall war oder ob der Mann, der sich als der Ehemann der Professorin, die ihn in der Questura aufsuchte, herausstellt, einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.

 

Hat er sich etwa mit dem Dealer seines Sohnes getroffen und die Sache ist aus dem Ruder gelaufen?  Brunetti hat keine konkreten Anhaltspunkte. Er findet keine wirklichen Fakten, geschweige denn einen Täter. In der Questura steht die sonst so korrekte Signorina Elletra unter dem Verdacht , der Ausgangspunkt eines Informationslecks zu sein, was Brunetti extrem irritiert. Dafür ist sein Chef Patta dieses Mal sehr kooperativ und unterstützend.

 

Der Roman war für mich eine unterhaltsame Lektüre. Ich lese Leons Bücher auch schon lange nicht mehr als Krimis, sondern als Milieustudien einer verfallenden Stadt und als Charakterstudien von interessanten Menschen.

Die hier vorliegende ungekürzte Lesung von Joachim Schönfeld besticht durch ihren ruhigen Duktus und eine Stimme, die sich hervorragend in die handelnden Personen hineinversetzt und das Hörbuch so zu einem wirklichen Erlebnis macht.

 

 

 

 

 

 

Denken um zu leben. Philosophinnen

 

 

 

Marit Rullmann, Werner Schlegel, Denken um zu leben. Philosophinnen, Marix Verlag 2018, ISBN 978-3-7374-1087-8

 

Ist von Philosophie die Rede, dann tauche meist nur Namen von Männern auf. Aristoteles, Sokrates, Platon, Kant, Schopenhauer, Nietzsche, Sartre, Habermas und viele andere. Bei der Frage nach weiblichen Philosophen können die Kenner vielleicht Hannah Arendt nennen oder Simone de Beauvoir, die Vordenkerin des Feminismus.

 

Marit Rullmann und Werner Schlegel zeigen in diesem Buch. Dass es in jedem beliebigen Zeitalter Frauen gegeben hat, die Philosophie betrieben. Sie waren, obwohl heute wenigen bekannt, Vordenkerinnen ihrer jeweiligen Epochen und bewirkten nicht unerhebliche Veränderungen.

Die revolutionäre Gleichheitsdenkerin Olympe de Gouge etwa, oder Dorothea Schlözer, die erste Doktorin der Philosophie in Deutschland, Mary W. Calkins, die sich mit der Philosophie des Selbst auseinandersetzte, Christina von Schweden, die Sinneseindrücke als Grundlage der Erkenntnis beschrieb, oder in der Neuzeit Martha Nussbaum, die sich mit der Gerechtigkeits- und Inklusionsfrage beschäftigt.

 

Lebendig und griffig dargestellt, gibt das Buch auch Laien, die sich bisher nicht viel mit Philosophie beschäftigt haben, verständliche und erhellende Einblicke in das Denken dieser Frauen.

 

Immer wieder zeigen sie auf, wie viel schwerer es für Frauen damals in einer von Männern dominierten Gesellschaft war, sich Gehör zu verschaffen und betonen, wie auch heute noch die männliche Philosophie unser Denken und Handeln bestimmt.

 

Die am Ende jedes Porträts aufgeführten Werke laden ein zur weiteren Beschäftigung mit verschiedenen Ansätzen einer weiblichen Philosophie.
 

 

Wie man die Zeit anhält (Hörbuch)

 

 

 

Matt Haig, Wie man die Zeit anhält (Hörbuch), der Hörverlag 2018, ISBN 978-3-8445-2896-1

 

Matt Haig beschäftigt sich in seinem neuen Roman „Wie man die Zeit anhält“ auf eine philosophische und dennoch überaus spannende Weise mit Thema Zeit. Hauptperson ist der ich-erzählende Geschichtslehrer Tom Hazard, der nach England gekommen ist, um dort in einer Schule einen neuen Job anzutreten. Schnell begeistert er seine Schüler mit seinem unkonventionellen Unterricht.

 

Privat ist Tom eher ein Einzelgänger, denn er hat eine lange Lebensgeschichte zu verbergen. Er sieht zwar aus wie vierzig, doch 1581 geboren, ist er ein Vielfaches älter. Tom Hazard gehört zu der Spezies der Albatrosse. Anders als normale Menschen („Eintagsfliegen“) altern die Albatrosse kaum. Doch gerade deswegen fallen sie bald auf und sehen sich Verfolgungen von normalen Menschen ausgesetzt Deshalb wechselt Tom alles acht Jahre seinen Aufenthaltsort. Denn  wirkliche Nähe zu anderen Menschen, die bei längerem Aufenthalt zwangsläufig eintreten würde ist für Albatrosse gefährlich. Doch schon kurz nachdem er seine neue Tätigkeit in England aufgenommen hat, verliebt er sich in seine Kollegin Camille.

 

Kann man die Zeit anhalten? Kann Tom sich aus seinem Schicksal als Albatros befreien? Matt Haig lässt ihn quer durch die Jahrhunderte seine Erlebnisse schildern, was für den Leser eine überaus informative Reise durch die Geschichte seit dem 16. Jahrhundert ist. Immer galt die Regel: niemals sich auf Sterbliche einlassen, denn dann, so zeigt die Geschichte sind alle in Gefahr.

 

Geschützt werden die Albatrosse durch einen der Ihren namens Hendrich, der auch Tom immer wieder Aufträge erteilt, die in alle möglichen Ländern führen und bei den er andere Albatrosse vor den Fängern ihrer Häscher retten soll.

In diesem spannenden und sehr lehrreichen Roman geht es um innere  Zerrissenheit, um die große Sehnsucht nach einem Lebenssinn und dem  tiefen Bedürfnis zu „Sein“. Die Geschichte ist durchgehend dramatisch aufgebaut, mit vielen Zeitsprüngen aus der Gegenwart in viele unterschiedliche  Vergangenheiten und wieder zurück und fordert so dem Leser einige Aufmerksamkeit ab.

Tom Hazard flieht sein ganzes jahrhundertelanges  Leben lang, doch immer wieder holt ihn etwas ein was er „Erinnerungsschmerz“ nennt.

 

Nicht nur, weil man nicht weiß, wie Tom mit seiner Liebe zu Camille umgehen wird, sondern auch wegen der im Laufe des Buches zunehmenden Zwielichtigkeit von Hendrich hält Matt Haig mit dieser wunderbar phantasievollen Geschichte den Spannungsbogen hoch bis zum Ende.

 

Ich habe das Buch während nach eine OP im Krankenhaus an einem Tag in einem Rutsch gelesen. Ich war begeistert. Es ist magisch, spannend und an manchen Stellen auch sehr traurig.

 

Die vorliegende ungekürzte Hörbuchfassung aus dem Hörverlag ist von dem Schauspieler Christoph Maria Herbst auf eine warmherzige und feinfühlige Weise eingelesen worden, der es gelingt, sich in die Person von Tom Hazard und auch von Camille hervorragend hineinzuversetzen.

Er selbst sagt zu dem Buch: “Matt Haig schreibt über die großen Fragen des Lebens warmherzig und nachdenklich und immer unterhaltsam.“

 

 

 

 

Ein unvergänglicher Sommer

 

 

 

 

 

 

I

Isabel Allende, Ein unvergänglicher Sommer, Suhrkamp 2018, ISBN 978-3-518-42830-6

 

Auf mehreren Zeitebenen angesiedelt ist der neue Roman der Erfolgsautorin Isabel Allende. Auf der Gegenwartsebene führt sie ihre Leser in das winterliche Brooklyn in New York. Der an der New York University lateinamerikanische Politik lehrende Richard hat auf den glatten Straßen auf seinem Heimweg einen Auffahrunfall. Er gibt der Unfallgegnerin seine Karte und denkt sich nichts weiter dabei. Die Versicherungen werden das regeln. Doch kaum ist der allein lebende und eigenbrötlerische Professor wieder zu Hause, klingelt es und die Fahrerin des anderen Autos steht vor seiner Tür.

Sie heißt Evelyn, stammt aus Guatemala und arbeitet bei einer Familie als Kindermädchen. Sie ist extrem verängstigt, weil sie als Illegale im Land lebt und steht völlig aufgelöst vor Richard, als sie ihm erzählt, sie habe den Wagen ihres Arbeitsgebers gegen dessen Erlaubnis benutzt um trotz der Glätte dringend benötigte Windeln zu kaufen für das Kind, das sie quasi rund um die Uhr betreut. Und außerdem liege eine gefrorene Leiche im Kofferraum des Wagens.

 

Richard wendet sich an die in seinem ziemlich heruntergekommenen Souterrain wohnende Untermieterin Lucia, die er aus Chile als Dozentin an seinen Fachbereich geholt hat. Lucia hat zwei Bücher über die vielen Verschwundenen nach dem Militärputsch 1973 geschrieben, zu denen auch ihr Bruder gehörte. Schon seit einiger Zeit, so stellt sich heraus, fühlen sich Lucia und Richard zueinander hingezogen, doch erst während der Aktion in den nächsten beiden Tagen kommen sie sich wirklich näher.

 

Es wird nämlich ziemlich schnell klar, dass sie wegen des illegalen Staus von Evelyn auf keinen Fall die Polizei informieren dürfen. Sie beschließen nach anfänglichem Widerstand Richards, die Leiche verschwinden zu lassen. In diese, etwa ein Drittel des Buches umfassende Rahmenhandlung mit der zarten, späten Liebesgeschichte zwischen Lucia und Richard, erzählt Isabel Allende in Rückblenden die durchweg dramatischen und bewegenden Lebensgeschichten von Richard, Lucia und Evelyn.

 

Evelyns Kindheit und Jugend in Guatemala wird erzählt und die dramatische Geschichte ihrer Flucht mit Schleppern in die USA. Mit der Geschichte Lucias reflektiert Isabel Allende viel von ihrer eigenen Geschichte vor und nach dem Militärputsch in Chile 1973. Und auch Richards wechselvolle Vita hat viel mit Lateinamerika zu tun, lebte er doch lange in Brasilien, dessen Politik auch Thema seiner Dissertation war.

 

Indem Isabel Allende abwechselnd mit der fortschreitenden Rahmenhandlung in den Rückblicken von Richard, Evelyn und Lucia viel lateinamerikanische Geschichte der letzten Jahrzehnte reflektiert (oft Thema ihrer Romane), verschafft sie insbesondere ihren jüngeren Lesern, die diese Zeit nicht persönlich erlebt haben, eine wichtige Informationsquelle. Besonders Evelyns Geschichte reflektiert die Erfahrungen von Flüchtenden überall auf der Welt.

 

Nach einer ersten unsicheren Nacht in Richards Wohnung machen die drei sich noch im Morgengrauen auf den Weg in die nördlichen Wälder zu einer Hütte an einem See. Dort wollen sie das Auto mit der Leiche versenken.  Diese abenteuerliche Reise mit einem völlig überraschenden Ausgang wird alle drei Protagonisten des Romans verändern. Während sie unterwegs sind, die Leiche, deren Identität Evelyn mittlerweile offenbart hat, verschwinden zu lassen entwickelt sich zwischen Richard und Lucia eine Liebesgeschichte, von der beide nicht mehr gedacht hatten, sie zu Lebzeiten zu erleben.

 

„Ein unvergänglicher Sommer“ ist ein politischer Roman mit vielen spirituellen Notizen, ein Roman mit drei unterschiedlichen Fluchtgeschichten und ein Buch voller Hoffnung auf  Erlösung von einer als schrecklich erlebten Vergangenheit, auf neuen Anfang und neue Liebe auch im späten Alter.

 

Das Buch passt mit seiner Fluchtthematik in unsere Zeit und erzählt wie immer bei Allende von starken Frauen.

 

Die im eisigen Schnee spielende Gegenwartshandlung lässt den Titel lange unverständlich erscheinen, bis er am Ende einen tiefen lyrischen Sinn erhält.

 

 

 

 

 

 

Heimliche Versuchung. Commissario Brunettis siebenundzwanzigster Fall

 

 

 

 

 

 

 

Donna Leon, Heimliche Versuchung. Commissario Brunettis siebenundzwanzigster Fall, Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-07019-4

 

Dieser neue, der mittlerweile 27. Roman von Donna Leon mit ihrem Commissario Guido Brunetti aus Venedig hat mir im Gegensatz zu den letzten Romanen wieder richtig gut gefallen. Zwar muss man sich nach wie vor mit einer zunächst langsam sich abzeichnenden Handlung arrangieren und einem Stil, der recht wenig mit anderen Krimis zu tun hat. Leons Romane entwickeln sich in den letzten Jahren zunehmend zu mehr oder weniger resignierten Beschreibungen des bewusst in Kauf genommenen Verfalls einer alten und ehrwürdigen Stadt, die jedes Jahr über 1000 alteingesessene Einwohner verliert und der die Millionen Touristen, insbesondere die, die von den Kreuzfahrtschiffen angelandet werden, den Rest geben. Leon lässt ihren Commissario immer deutlicher darüber reflektieren.

 

Im vorliegenden Buch spricht eines Tages eine alte Bekannte von Brunettis Ehefrau Paolo in der Questura vor. Eine Architekturprofessorin macht sich Sorgen um ihren heranwachsenden Sohn, von dem sie vermutet, dass er Drogen konsumiert. Brunetti wird aus ihren Schilderungen nicht recht klug, zumal sie sich bei seinen Nachfragen nach einem Dealer sehr seltsam verhält.

Kurze Zeit später ruft man Brunetti mitten in der Nacht zu einem Tatort. Ein schwer verletzter Mann liegt neben einer Brücke. Es ist völlig unklar, ob es ein Unfall war oder ob der Mann, der sich als der Ehemann der Professorin, die ihn in der Questura aufsuchte, herausstellt, einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.

 

Hat er sich etwa mit dem Dealer seines Sohnes getroffen und die Sache ist aus dem Ruder gelaufen?  Brunetti hat keine konkreten Anhaltspunkte. Er findet keine wirklichen Fakten, geschweige denn einen Täter. In der Questura steht die sonst so korrekte Signorina Elletra unter dem Verdacht , der Ausgangspunkt eines Informationslecks zu sein, was Brunetti extrem irritiert. Dafür ist sein Chef Patta dieses Mal sehr kooperativ und unterstützend.

 

Der Roman war für mich eine unterhaltsame Lektüre. Ich lese Leons Bücher auch schon lange nicht mehr als Krimis, sondern als Milieustudien einer verfallenden Stadt und als Charakterstudien von interessanten Menschen.

 

 

 

 

Mäßigung. Was wir von einer alten Tugend lernen können

 

Thomas Vogel, Mäßigung. Was wir von einer alten Tugend lernen können, Oekom 2018, ISBN 978-3-962380-65-6

 

Mäßigung war schon für die alten griechischen Philosophen und später auch bei den christlichen Theologen der Frühzeit eine unverzichtbare Tugend, die es zu befolgen galt, wollte der Mensch ein  zufriedenes und glückliches Leben führen.

 

Mittlerweile leben wir in einer Welt, in der schon das Wort allein als Spaßbremse verstanden wird. Eine Welt, die es seit langer Zeit vergessen hat, sich zu mäßigen und die so in immer schnellerem Tempo in den ökologischen Ruin gerät.

 

Thomas Vogel, Pädagogikprofessor in Heidelberg, will, sich auf die alten griechischen Philosophen berufend, jene Tugend wiederbeleben und schlägt ein paar Synonyme vor, etwa Gelassenheit und Besonnenheit. Doch Mäßigung, so sagt er, im wörtlichen Sinne muss dazu kommen, denn sonst sind wir in unseren postindustriellen Gesellschaften nicht mehr zu retten.

 

Die Frage, die in der letzten Zeit viel diskutiert wird in den Medien ist, warum es dem Menschen in den Industrieländern nicht gelingt, sich zu  beschränken. Kann der Einzelne zum Erhalt diese Welt wirklich etwas beitragen ?

 

Vogel beruft sich auf die antiken Stoiker, aber auch auf Sokrates und vor allem Platon mit der Lehre von den vier Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Klugheit, Mut und eben die Mäßigung.

 

Jeder, so Vogel in seinem Buch, das eine Vorlesungsreihe in Heidelberg wiedergibt, muss stets neu für sich herausfinden, was Maß und Mitte für ihn bedeuten. Für Vogel jedenfalls bilden sie allein das Fundament für das Glück.

 

Ein Buch mit zahlreichen Anregungen und Vorschlägen, das zum Nachdenken über die eigene Lebenspraxis anregt. Umso erstaunlicher, dass mit keinem Wort auf die modernen Zeitfresser der Smartphones et.al. eingegangen wird.