Schlaft recht schön

 

 

 

 

Tomoko Ohmura, Schlaft recht schön, Moritz Verlag 2018, ISBN 978-3-89565-364-3

 

In seinem neuen von Ursula Gräfe aus dem Japanischen übersetzte Bilderbuch erzählt Tomoko Ohmura von verschiedenen Tieren und wie sie sich auf unterschiedliche Weise auf ihren Winterschlaf vorbereiten.

Die Marienkäfer bauen sich aus Blättern und Reisig ein Bett. Die Eichhörnchen sammeln zunächst Tannenzapfen, Nüsse und Beeren, bevor sie sich zum Winterschaf hinlegen. Bei den Igel gräbt jeder ein Loch, legt es mit Blättern aus und haben dann ein warme und gemütliches Lager. Auch die Bären polstern ihre Höhle weich aus, in der sie den Winter verbringen.

 

Auf der letzten Seite hat Ohmura alles noch einmal nebeneinander in einer Schneelandschaft beim Überwintern gezeigt.

 

Ein schönes Gute-Nacht-Buch zu einem immerwährenden und bei Menschenkindern allabendlich wiederkehrenden Thema.

Der Zopf (Hörbuch)

 

 

 

Laetitia Colombani, Der Zopf (Hörbuch), Argon Hörbuch 2018, ISBN 978-3-8398-1619-6

 

In diesem wunderbaren Bestseller aus Frankreich geht es um drei Frauen, wie sie nicht unterschiedlicher sein könnten. Drei Frauen aus drei Kontinenten, jede mit ihrem eigenen Schicksal und doch auf eine magische Weise miteinander verbunden.

 

Da ist Smita aus Uttar Pradesh in Indien. Sie und ihre Tochter gehören zu den Dalit, den Unberührbaren, die Gandhi einmal „Kinder Gottes“ nannte. Ihre Aufgabe ist es, täglich die Latrinen der Bewohner des Ortes reinigen, die höher gestellt sind als sie. Mit bloßen Händen holt sie die Exkremente ihrer Nachbarn heraus und entsorgt sie auf den Feldern. Ihr Mann arbeitet als Rattenfänger auf jenen Feldern. Die Tiere, die ihm in die Falle gehen, darf er nach Hause mitnehmen. Smita brät sie dann abends, oft die einzige Nahrung für die Familie. Während Smitas Mann treu im Glauben auf seine Wiedergeburt in einem hoffentlich besseren Leben wartet und sich still in sein Schicksal fügt, beschließt Smita, die will, dass ihre Tochter Lalita Lesen und Schreiben lernt, ihr Leben in die Hand zunehmen. Mitten in der Nacht geht sie mit den wenigen Ersparnissen zusammen mit ihrer Tochter fort. Sie verlässt Dorf und Ehemann, um für sich und die Tochter ein neues Leben zu beginnen.

Ihre Reise wird sie irgendwann in einen Tempel führen, wo sie für ihre spirituelle Reinigung ihrem Gott Vishnu ihren Zopf opfert.

 

Diese Haare sind zusammen mit anderen die Rettung für die altehrwürdige Perückenfirma der 19-jährigen Giulia aus Palermo, die nach einem Unfall des Vaters, der ihn in ein immerwährendes Koma fallen lässt, verzweifelt versucht, die durch erhebliche Schulden und sinkende Nachfrage ihrer edlen Produkte kurz vor dem Bankrott stehende Firma und die Arbeitsplätze der Mitarbeiterinnen zu erhalten.

Die Haare aus Indien, von besonders guter Qualität, sind der Rohstoff, für Perücken besonders hohen Standards, von denen eine schließlich in Kanada landen wird.

 

Dort, auf der anderen Seite des Atlantiks lebt die erfolgreiche Anwältin Sarah in Montreal. Sie hat sich über viele Jahre trotz zahlreicher Anfeindungen als Frau in ihrem Beruf durchgesetzt. Immer hat sie es geschafft, die Sorge für ihre drei Kinder und ihren Beruf miteinander zu vereinbaren. Der Preis dafür war hoch. Sie hat schon zwei Scheidungen hinter sich und als sie nun als Partnerin ihrer Kanzlei aufgenommen werden soll, denkt sie, mit noch mehr Anstrengung sei auch das zu schaffen.

Da erfährt sie von einer Krebserkrankung, die sie erst einmal verdrängt, die sie dann niederhaut und sie schließlich zwingt darüber nachzudenken, was ihr im Leben wirklich etwas bedeutet, was ihr wichtig ist. Ganz schafft sie den Turnaround nicht, aber eine Perücke aus Guilias Werkstatt in Palermo wird ihr helfen, neuen Lebensmut zu schöpfen und ihr normales Leben wieder aufzunehmen.

 

Laetitia Colombani erzählt die Schicksale dieser drei Frauen, die auf unterschiedliche Weise dieselbe Sehnsucht nach Freiheit verbindet abwechselnd. Ohne dass sich die Frauen kennen, bewegen sich ihre Geschichte sozusagen aufeinander zu. Jede auf ihre Weise kämpft gegen die Widerstände des Lebens.

 

Die Autorin hat aus diesen drei Geschichten eine Art Zopf geflochten, der symbolisch den ersten Zopf Smitas ersetzt.

 

Es ist ein berührender Roman ohne aufgesetzte Sozialkritik. Laetitia Colombani schildert ihre drei Frauenfiguren mit Bedacht, ohne hintergründige Kritik und achtet so das, was sie verbindet trotz aller unüberbrückbaren Unterschiede: die Sehnsucht nach Freiheit und die Erfahrung, dass es sich lohnt, neu anzufangen und für sie zu kämpfen.

 

Der Argon Verlag hat für die ungekürzte  Hörbuchfassung dieses ungewöhnlichen Debüts aus Frankreich den einzig richtigen Weg gewählt und drei Sprecherinnen mit der Interpretation der drei Frauen beauftragt.

Eva Gosciejewicz interpretiert mit viel Begeisterung in der Stimme und sehr identifiziert mit der Figur die Sizilianerin Giulia, die nach vielen Rückschlägen erfolgreich den väterlichen Betrieb erhält. Die mehrfach als Sprecherin ausgezeichnete und selbst als Schriftstellerin erfolgreiche Schauspielerin Andrea Sawatzki leiht ihre Stimme überzeugend der erfolgreiche und an Krebs erkrankten Anwältin Sarah. Für die von Laetitia Colombani besonders eindrucksvoll beschriebene indische Mutter Smita hat der Verlag mit Valery Tscheplanowa die Schauspielerin des Jahres 2017 gewonnen, deren Interpretation diese arme Frau voller Hoffnung auf Zukunft sehr lebendig werden lässt.

 

Ein ungewöhnliches und absolut gelungenes Hörbuch. Eine von drei wunderbaren Stimmen geprägte Hymne auf das Leben und den Mut aller Frauen dieser Welt.örbcuhfassung dieses +

 

 

Flugangst 7A,(Hörbuch)

 

 

Sebastian Fitzek, Flugangst 7A,(Hörbuch) Argon Hörbuch 2018, ISBN 978-3-8398-1586-1

 

Mats Krüger ist ein erfahrener und erfolgreicher Psychiater. Vor vielen Jahren ist er per Schiff von Deutschland nach Argentinien  ausgewandert. Wie so oft war das eine Flucht. Er konnte die tödliche Krankheit seiner über alles geliebten Frau nicht mehr ertragen und verließ sie und seine damals noch kleine Tochter. Niemals wollte er je wieder zurückkehren. Doch seine Tochter Nele, mit dem HIV-Virus infiziert, ist schwanger geworden und hat ihn gebeten nach Berlin zurückzukommen und ihr bei der Geburt und danach beizustehen.

Mats Krüger leidet unter erheblicher Flugangst und so absolviert er nicht nur ein Flugangst-Seminar, sondern informiert sich auch wie manisch über Flugzeugabstürze und die Sicherheit von Flugzeugen.

 

Er bucht mehrere Sitze auf einem Langstreckenflug von Buenos Aires nach Berlin, um möglichst sicher zu gehen. Doch schon bevor das Flugzeug abhebt, gibt er seinen Sitz in der Business Class an eine junge Mutter mit einem Baby ab. Ein Vorgang, den der Leser bald vergisst…

Nachdem er seinen Platz eingenommen hat und versucht, seine in ihm tobenden Ängste einigermaßen zu bewältigen, klingelt sein Telefon. Ein Unbekannter spricht mit verstellter Stimme und teilt Mats mit, dass sich ein früherer Patient von ihm an Bord befindet. Ein Mensch, den Mats vor langer Zeit in einer langwierigen Therapie von mörderischen Gewaltphantasien heilte. Diesen Mensch, der sich bald als die Purserin des Fluges herausstellt, soll er seelisch so destabilisieren, dass die Mordphantasien wieder zum Vorschein kommen und durch sien das Flugzeug zum Absturz gebracht wird.

 

Kurz nach dem Start des Flugzeugs erfährt Mats Krüger, dass seine kurz vor der Geburt stehenden Tochter entführt wurde und von einem offenbar Verrückten festgehalten wird. Hilfe glaubt Mats nur zu finden bei Feli, einer ehemalige Kollegin, die er ebenso sitzen gelassen hat, wie seine Frau.

 

Obwohl Feli an diesem Tag heiraten soll, macht sie ich auf die Suche nach Nele und kommt dem Entführer bald gefährlich nah. Sehr nah und direkt geht es bald auch im Flieger zu. Ziemlich rätselhaft erscheint zunächst, wie der Erpresser all diese Vorgänge geplant hat. Die ehemalige Patientin im selben Flugzeug, und weit weg in Berlin zeitgleich der Überfall auf Nele.

 

Wie immer in seinen Büchern baut Sebastian Fitzek eine fast unerträgliche Spannung auf, inszeniert immer wieder neue Wendungen bis zu einer wieder völlig überraschenden Lösung.

 

Die vorliegende autorisierte Lesefassung ist ein weiteres gelungenes Produkt der nun schon über 10 Jahren dauernden Zusammenarbeit zwischen dem Autor Sebastian Fitzek und dem Sprecher Simon Jäger. Für das Hörbuch von „Passagier 23“ erhielten die beiden die Goldene Schallplatte.

 

Simon Jäger gelingt es mit seiner Stimme und seiner Interpretation hervorragend die dem Roman eingebaute Spannung auch physisch erlebbar zu machen.

 

 

 

Königskinder

 

Alex Capus, Königskinder, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-26009-2

 

Der neue kleine Roman von Alex Capus ist neben seiner witzigen Rahmenhandlung und der schönen Hauptgeschichte, die erzählt wird, vor allem ein sprachlicher Genuss. Man spürt die Freude des Autors am Fabulieren bei nahezu jedem einzelnen Satz, den er zu Papier bringt. Das Lesen macht Freude und ist abgesehen von der wunderbaren Unterhaltung, die dieses kleine Buch beschert, eine große Bereicherung für den Leser.

 

In der Rahmengeschichte fahren Max und Tina, ein erfahrenes Ehepaar, trotz gegenteiliger Wetterwarnungen mit ihrem roten Toyota Corolla während eines nächtlichen Schneetreibens eine Passstraße hinauf. Sie sind deshalb ein erfahrenes Ehepaar, weil sie sich gut kennen und einschätzen können, sich bei den wichtigen Dingen immer einig sind, und sich um Kleinigkeiten streiten können wie die Kesselflicker.

 

Das tun sie auch während der Fahrt durch die Nacht, jedenfalls solange bis sie endgültig von der Straße abkommen und im Straßengraben im Schnee stecken bleiben.

 

Um sich die Zeit bis zum Morgen, wenn die Schneeräumgeräte wieder im Einsatz sind, zu vertreiben, und vor allen um angesichts der Kälte wach zu bleiben, schlägt Max vor, eine Geschichte zu erzählen. Eine wahre Geschichte, dessen Rahmendaten er genau recherchiert habe.

 

Mehrfach in der Nacht wird er in seinem Erzählfluss von Tina unterbrochen, die immer wieder unlauteren Kitsch wittert, aber von Max jeweils eines Besseren belehrt wird.

 

Max (Alex Capus) erzählt nun eine alte Liebesgeschichte, die genau in den Bergen ihren Anfang nimmt, in denen sie stecken geblieben sind. Jahrhunderte liegt sie zurück und spielt in der Zeit kurz vor der französischen Revolution, eine Zeit des Aufbruchs und Umbruchs in Europa. Von diesen bevorstehenden Umwälzungen erfährt der Hirtenjunge Jakob nichts. Er kümmert sich um das Vieh eines reichen Bauern und ist mit den Tieren während des ganzen Sommers oben in den Bergen. Als er nach dem Sommer das Vieh nach unten ins Tal bringt, begegnet er nicht zum ersten Mal Marie, der Tochter des Bauern. Die beiden erleben so etwas wie Liebe auf den ersten Blick, denn mehr als sich von weitem anschauen, können sie nicht. Der Bauer wittert diese zarte Annäherung sofort und will sie verhindern.

 

Jakob und Marie jedoch fliehen zusammen auf Jakobs Hütte und verbringen dort viele Tage. Die Knechte des Bauern kommen irgendwann dorthin und wollen Jakob an den Kragen. Der aber teilt ihnen mit, sie sollen dem Bauern sagen, er habe sich zum Kriegsdienst gemeldet und er brauche sich keine Sorgen mehr zu machen.

 

Acht Jahre von 1779 bis 1787 dient Jakob im Regiment Waldner und tut Dienst in Cherbourg am Ärmelkanal, wo es all die Zeit sehr ruhig ist und er von den sich in Europa anbahnenden großen Umwälzungen relativ wenig mitbekommt.

 

Marie indes wartet auf dem Hof ihres Vaters auf Jakobs Rückkehr, und lehnt alle potentiellen Ehemänner, die ihr Vater über die Jahre auf den Hof bringt, barsch ab.

 

An dieser Stelle bringt der erzählende Max Elisabeth, die Tochter des französischen Königs Ludwig XVI. ins Spiel. Sie ist unzufrieden mit dem Leben im Schloss Versailles und ringt ihrem Vater ein Landgut ab, auf dem sie Landwirtschaft betreiben will. Von  allem das Beste, Hühner aus der Bresse , Schweine aus Flandern, Schlachtrinder aus Burgund, Arbeitspferde aus Brabant. Und Milchkühe aus der Schweiz, Freiburger Milchkühe. Und genau hier gibt es die von der mitten in der Nacht im Toyota Corolla zuhörenden Tina ungeduldig erwartete Verbindung.

 

Weil die Kühe in der Fremde kränkeln und keine Milch geben und wegen ihrer schmerzhaft entzündeten Euter brüllen, muss nach einem Freiburger Kuhhirten gesucht werden, der sich mit ihnen auskennt.

 

Jakob ist mittlerweile aus dem Dienst ehrenhaft entlassen worden und kehrt in sein Heimatdorf zurück. Marie, die sich vom Vater nichts mehr sagen lässt, geht mit ihm einen Sommer hoch in die Berge zu Jakobs Hütte und zu den Tieren, denn er nimmt seine alte Tätigkeit wieder auf. Sie verbringen dort glückliche Tage, bis Soldaten nach oben kommen, die Jakob mitteilen, er werde unten im Tal erwartet, es gebe einen wichtigen Auftrag für ihn.

 

Er soll sich auf dem Hofgut der französischen Königstochter um die Milchkühe kümmern. Gehorsam folgt er diesem Auftrag und lässt Marie zurück. Doch beide wissen, dass es nicht für lange sein wird. Tatsächlich lässt Elisabeth, die Königstochter, Marie bald nachkommen, denn sie hat gespürt, wie traurig ihr Helfer ist.

 

Sie erleben dort beide die bewegten Tage der französischen Revolution, wie sich das heruntergekommene und versiffte Schloss leert. Als irgendwann alles vorbei zu sein scheint, nehmen Jakob und Marie ihre Tiere und verlassen das Gut. Sie kaufen einen kleinen Bauernhof und haben zusammen ein langes und glückliches Leben.

 

In Rachel Cusk kürzlich im  Suhrkamp Verlag erschienenem Roman „Kudos“ ist das Erzählen eine Art moderne Form von Beichte. Hier bei Capus ist das Erzählen eine Art von Daseinsversicherung gegen den Tod durch Kälte, der außerhalb des gestrandeten Autos droht. So ähnlich wie Sheherezade, die mit jeder Nacht und jeder neuen Geschichte ihr Leben verlängert.

 

Der wunderbare kleine Roman von Alex Capus ist ein literarisches Kleinod, kraftvoll und poetisch in der Sprache, lebendig, dicht und plastisch erzählt.

 

Eine warmherzige Erzählung, wie ein Märchen, und doch offenbar historisch verbürgt und genau recherchiert.

 

 

Ein Nilpferd steckt im Leuchtturm fest. Tiergedichte für Kinder

 

 

Tanja Dückers u.a., Ein Nilpferd steckt im Leuchtturm fest. Tiergedichte für Kinder, Mixtvision 2018, ISBN 978-3-95854-126-9

 

Solche Bücher für Kinder und solche Kooperationen, die zu ihrer gelungenen Entstehung führen, wünscht man sich öfter. Die Internationale Jugendbibliothek, das Lyrik Kabinett und die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung haben 10 bekannte Künstler zu zwei Workshops eingeladen, um miteinander etwas Lyrisches und Künstlerisches für Kinder zustande zu bringen.

 

Der hier vorliegende von  Mixtvision in München verlegte Band mit Tiergedichten für Kinder zeugt, dass ihr Bemühen erfolgreich war. Ich stelle mir beim Lesen und Betrachten des Bandes vor, dass die sechs Lyriker Michael Augustin, Tanja Dückers, Heinz Janisch, Mathias Jeschke, Arne Rautenberg und Ulrike Almut Sandig zusammen mit den Illustratoren Nadia Budde, Julia Friese, Regina Kehn und Michael Roher eine Menge Spaß miteinander hatten.

 

Ganz unterschiedliche lyrische Formen haben die Autoren eingesetzt und die Künstler haben mit verschiedenen Techniken experimentiert. Ein lustiges Buch ist entstanden, das Kindern und Erwachsenen viel Freude bereiten kann.

 

Ein Beispiel von einem meiner Kinderbuchlieblingsautoren Heinz Janisch:

„Der Meerhase

Ich habe heute einen Meerhasen gesehen,

tief unten im Meer,

Er wollte auf einem Bein stehen,

aber im Wasser geht das schwer.

Dann hat er einen Salto gemacht

Mund mir eine Karotte gebracht,

Plötzlich war wieder fort.

Das Meer ist ein rätselhafter Ort.“

 

 

Passt nicht, Ein Suchbuch

 

 

Mieke Scheier, Passt nicht, Ein Suchbuch, Kunstanstifter 2018, ISBN 978-3-942795-64-7

 

Ein recht ambitioniertes Suchbuch, mit dem Kinder, die ja auch beim Memory oft die Erwachsenen schlagen, sicher mehr anfangen können als die Großen hat die Künstlerin Mieke Scheier hier im nicht weniger ambitionierten Mannheimer Kunstanstifter Verlag vorgelegt.

 

Auf der jeweils rechten Seite hat sie einen Gegenstand versteckt, der überhaupt nicht zu den anderen auf der Seite passt.

Es beginnt mit der Obergruppe. Ist die Obergruppe gefunden worden, geht es darum, einen Gegenstand zu finden, der anders ist und nicht zur Gruppe passt. Auf der darauffolgenden linken Buchseite wird das Suchrätsel aufgelöst, indem der gefundene Gegenstand im falschen Kontext gezeigt wird. Die nächste Obergruppe bezieht sich auf den unpassenden Gegenstand der vorhergegangenen Seite. So bildet sich eine lustige Kette.

 

Zarte Farben und reduzierte Formen ziehen den kleinen und großen Betrachter in wunderschöne Bilderwelten, die von verschiedenen Drucktechniken inspiriert wurden.

Ein raffiniertes und überraschendes Such-Buch für Groß und Klein.

Die Welt der Rekorde. Unglaubliches aus aller Welt. Der Atlas der Extreme

 

 

Sarah Tavernier, Die Welt der Rekorde. Unglaubliches aus aller Welt. Der Atlas der Extreme, Kleine Gestalten 2018, ISBN 978-3-89955-813-5

 

Ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass ich in meiner Kindheit nicht nur sehr viele Bücher gelesen habe, sondern auch ein Faible hatte für Rekorde und die sie dokumentierenden Statistiken.

 

Das vorliegende zuerst in Frankreich erschienene große Buch über die Welt der Rekorde, über Unglaubliches aus aller Welt, dieser Atlas der Extreme hätte mich damals sicher über Wochen beschäftigt und in Atem gehalten.

 

Genauso wird es heutigen Kindern gehen, die dieses große Buch in Händen halten, sei es in der Schulbibliothek oder zu Hause, wenn die Eltern es ihnen gekauft haben.

Es richtet sich an Kinder, die schon lesen können und die schon früh Interesse zeigen für Phänomene ihrer Umwelt und der Natur.

 

Die Rekorde und Extreme sind in Kapitel aufgeteilt. Da geht es um:

  • Die Kleinsten. Die Größten
  • Die Leichtesten. Die Schwersten
  • Die Langsamsten. Die Schnellsten
  • Die Kürzesten. Die Längsten
  • Am Leisesten. Am Lautesten
  • Die Kältesten. Die Heissesten

 

Ein wunderbares Buch, das nicht nur Schüler zum Schmökern und Stöbern einlädt. Auch für entsprechend interessierte Erwachsene sehr zu empfehlen.

Widerfahrnis

 

 

 

 

Bodo Kirchhoff, Widerfahrnis,tb, DTV 2018, ISBN 978-3-423-146418

 

Bodo Kirchhoff ist ein Sprachkünstler und gehört seit vielen Jahren nicht nur zu den hervorragendsten Schriftstellern deutscher Sprache, sondern spätestens seit seinem Freundschaftsroman „Eros und Asche“ auch zu meinen Lieblingsautoren.

 

Seine sprachmächtige und doch bescheidene Schreibkunst stellt er auch in seinem neuen Buch „Widerfahrnis“ mit viel Poesie überzeugend unter Beweis. Nicht ohne Grund wurde es für den Deutschen Buchpreis 2016 nominiert.

 

Bodo Kirchhoff hat die Gattung der Novelle gewählt um eine Geschichte zu erzählen, die zwei ältere Menschen auf eine gemeinsame Reise führt, eine Reise, auf der sie die Liebe neu entdecken, aber auch hart und unerbittlich mit dem Leid und dem Schicksal der Flüchtlinge konfrontiert werden, die über das Mittelmeer nach Europa kommen, sich eine bessere Zukunft erhoffend.

 

Reither, der männliche Protagonist der Novelle, war bis vor kurzem Verleger eines kleinen, aber anspruchsvollen Kleinverlags in einer deutschen Großstadt, aber weil es mittlerweile „mehr Menschen gibt, die schreiben als lesen“ hat er seinen Verlag liquidiert und lebt nun von dem bescheidenen Erlös in einem ruhigen Tal am Alpenrand.

 

Er hat sich noch nicht richtig dort eingelebt, hängt immer noch seinen Erinnerungen nach und versucht, sich neu zu erden, als er in der Bibliothek seines neuen Wohnortes ein Buch ohne Titel entdeckt, auf dem Umschlag nur den Namen der Autorin.

 

Er rätselt noch über dieses Buch, das die tragische Geschichte einer Frau und ihrer lebensmüden Tochter erzählt, als es abends an seiner Tür klingelt. Vor der Tür steht, so stellt sich im Laufe des Abends heraus, Leonie Palm, etwas jünger als Reither, eine Frau, die früher ein Hutgeschäft besaß, das sie aber aufgeben musste, weil niemand mehr nach Hüten verlangte. Angeblich will sie Reither als Fachmann für einen aus Frauen bestehenden Lesekreis gewinnen, Frauen, die alle selbst sich im Schreiben versuchen. Doch, Reither vermutet es schon bald, es stellt sich heraus, dass es Leonie Palm vor allem um ihr eigenes Werk geht, das sie mit voller Absicht, Reither würde es finden, in der Bibliothek liegen gelassen hatte.

 

Obwohl Reither zunächst überhaupt nicht nach Gesellschaft zumute war, kommen die beiden sich innerhalb weniger Stunden immer näher und fassen noch in der Nacht  den Entschluss, mit dem Cabrio von Leonie Palm nach Süden zu fahren. „Widerfahrnis“, so hat Leonie auf seine Frage geantwortet, wäre der Titel gewesen, den sie ihrem Buch gegeben hätte. Und ein Widerfahrnis erleben die beiden nun auf einer Fahrt, die sie in drei Tagen bis nach Sizilien bringt.

 

Dabei begegnen sie nicht nur einer Liebe, auf die sie beide nicht mehr vorbereitet sind, sondern auch, zunächst nur angedeutet, auf Sizilien dann manifest, Menschen, die unter elenden Bedingungen eine neue Heimat in Europa suchen.

 

Schon als Reither und Palm den Brenner passieren, beschreibt Kirchhoff ein Lager von Flüchtlingen unter freiem Himmel. Später dann immer wieder.

 

Erst als sie in Sizilien – ihr gemeinsames Glück können sie kaum fassen- vor ihrem Hotel einem Mädchen begegnen, das sie geradezu zu verfolgen scheint, schiebt sich eine andere Realität in ihr bisher kaum zu glaubendes spätes Glück.

 

Wie es ausgeht, wird hier nicht verraten, nur, dass der Leser sich gar nicht losreißen kann von wunderbaren Landschaftsbeschreibungen, die die beiden Protagonisten auf ihrer Reise durchfahren. „Widerfahrnis“ ist ein sprachliches Meisterwerk und zeigt Bodo Kirchhoff auf der Höhe seiner literarischen Kunst.

Der deutsche Buchpreis war mehr als verdient.

 

 

Über uns

 

 

 

 

Eshkol Nevo, Über uns, DTV 2018, ISBN 978-3-423-28131-7

 

Eshkol Nevo zählt seit langem zu den erfolgreichsten Schriftstellern in Israel. Viele seine Romane sind auch in Deutschland veröffentlicht worden und nicht nur der Rezensent schätzt seine unabhängige Stimme.

 

Sein neuer Roman beschreibt die Menschen, die in einem dreistöckigen Haus in einem bürgerlichen Vorort von Tel Aviv wohnen. Jedem Stockwerk und seinen Bewohner widmet er ein großes Kapitel und deckt deren Lügen und Selbsttäuschungen schonungslos auf.  Doch obwohl er in die dunklen Lebensecken der Bewohner sein grelles Licht richtet, bleibt er seinen Figuren gleichwohl wohlgesonnen. Er fühlt mit ihnen und richtet sie nicht. Und dennoch ist er überzeugt davon, dass sie so nicht weiteröleben können, wollen sie nicht am Leben völlig vorbeigehen.

 

Vom ersten bis zum  dritten Stock arbeitet sich Nevo durch dieses Haus, dessen Bewohner durch vielfältige Lebensfäden miteinander verbunden bzw. verstrickt sind.

 

Im ersten Stock des Hauses leben Ayelet und Arnon. Seit Ayelet mit der mittlerweile siebenjährigen Tochter schwanger war, haben die beiden Probleme mit ihrem Sexleben.  Nebenan wohnen Ruth und Hermann, ein älteres Ehepaar, die gerne auf die Tochter der jungen Nachbarn aufpassen, wenn diese mal wieder versuchen, ihre Probleme ins Lot zu bringen.

Arnon verdächtigt den etwas dementen Hermann, sich seiner Tochter ungehörig genähert zu haben. Doch was nach vielen Befragungen sich herausstellt, ist Arnons Problem mit seinem eigenen Liebesleben.

 

Chani ist eine frustrierte Frau, emotional vernachlässigt von einem permanent auf Geschäftseise weilenden Ehemann. Sie wohnt dort mit ihren beiden Kindern. Sie hat ein Verhältnis mit dem kriminellen Bruder ihres Ehemanns, das sie trotz aller Gefahren wieder zu sich selbst kommen lässt.

 

Im dritten Stock wohnt Dvorah, eine pensionierte Richterin. Sie lebt im Schatten ihres verstorbenen Ehemanns, von dem sie sich zu befreien sucht, indem sie ihm ihre Lebensbeichte auf den Anrufbeantworter spricht.

 

Seine drei Erzählungen über seine drei Protagonisten hat Eshkol Nevo an das Strukturmodell der menschlichen Seele von Sigmund Freud angelehnt.

Sehr warmherzig und dennoch schonungslos lässt Nevo seine Figuren die drei Instanzen Ich, Es und Über-Ich darstellen. Drei Menschen richten ihre Monologe an drei unterschiedliche Hörer. Menschen sind das, die in großes seelischer Bedrängnis sich befinden. Menschen, denen plötzlich, während sie sich redend zu öffnen versuchen, klar wird, dass etwas in ihrem Leben schief gelaufen ist. Alle drei sind sie an einem Punkt angelangt, der sie zwingt, zu reden.

 

Der Leser ist in der Zuhörerrolle, und weil die Geschichten der Protagonisten so voll sind mit Alltagserfahrungen, wird er sich in manchem wiederentdecken.

 

Nevos freundlicher Blick auf die Menschen ist es, die jene zu Wort kommen lässt, die sonst schweigen und deshalb in Einsamkeit, Schuld oder Enttäuschung untergehen.

 

 

 

 

Das Buch der Flucht. Die Bibel in 40 Stationen

 

 

 

Johann Hinrich Claussen, Das Buch der Flucht. Die Bibel in 40 Stationen, C.H. Beck 2018, ISBN 978-3-406-72690-3

 

Unter einem solchen Blinkwinkel habe ich die  Bibel und ihre Geschichten noch nie beschrieben gelesen. Der Theologe Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland liest und interpretiert die Botschaft der Bibel, Alts und Neues Testament al eine fortwährende Geschichte der Flucht, Vertreibung und Verschleppung von Menschen. Menschen, die fliehen müssen, dann in der Fremde leben und fortwährend nach Heimat suchen.

 

Es beginnt mit der Geschichte der Vertreibung von Adam und Eva, den ersten  Menschen, aus dem Paradies, nachdem sie auf die Schlange gehört hatten und nicht auf Gott, der sie nach seinem Bilde erschaffen hatte.  Der Auszug aus Ägypten und später dann die Vertreibung aus der Heimat und die lange Zeit im babylonischen Exil.

 

Auch Jesus und seine Jünger werden als Heimatlose beschrieben, die durchs Land ziehen auf der Suche nach dem neuen Reich Gottes.

 

Es sind wunderbare und prägnante Nacherzählungen und damit immer auch Interpretationen, mit denen Johann Hinrich Claussen auch den Bibelkundigen dieses alte Buch noch einmal völlig neu aufschließt und zugänglich macht, insbesondere für diejenigen Leser, die selbst, vielleicht schon ihr ganzes Leben lang, auf der Suche sind nach auch spiritueller Heimat.

Claussen folgt dem roten Faden, der die ganze Bibel durchzieht und der so konsequent und durchgängig bisher kaum wahrgenommen wurde. Es ist ein Buch voller Geschichten über den Untergang und den Verlust von Heimat, über Flucht und Exil und die nie verlöschenden Sehnsucht nach der Rückkehr in das gelobte Land, die Heimat. All das, so Claussen überzeugend, prägt die Geschichten des Alten und Neuen Testamentes, aber auch das prophetische Reden und die Lieder der Psalmen.

In knappen Erläuterungen zeigt er, welche realen historischen Erfahrungen von Zerstörung, Flucht und Exil den Texten zugrunde liegen. So erweist sich die Bibel als ein Produkt traumatischer Erfahrungen. Ihre Geschichten, Lieder, Gebote und Theologien wurden Verfolgten und Vertriebenen zur neuen, unverlierbaren Heimat – und sind es für viele Menschen bis heute.

 

Die Theologie des Paulus, die dem Christentum seine Prägung gab, bezeichnet er als „Geburt der Theologie aus Heimatlosigkeit“, ein faszinierender Ansatz, der mich seitdem nicht mehr loslässt.

 

Das für alle an der biblischen Botschaft interessierte Menschen sehr empfehlenswerte Buch ist illustriert mit 44 ausgewählten Fotografien aus den Jahren 1860 bis 1950, die auf bewegende Weise zeigen, wie Menschen überall auf der Welt durch Kriege und Verfolgung heimatlos werden. Hier hätte ich mir auch einige Fotografien von Flüchtenden aus den letzten Jahren gewünscht.