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Das Jahrhundert verstehen

 

 

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Dan Diner,  Das Jahrhundert verstehen. 1917-1989, Pantheon 2015, ISBN  978-3-570-55274-2

 

Die Welt und das was in ihr vorgeht, ist auch für den gut informierten und kritischen Zeitgenossen immer schwieriger zu verstehen. Zu komplex und zu widersprüchlich erscheinen dem Beobachter die gegenwärtigen Entwicklungen und Brüche nicht nur in bisher weit entfernt scheinenden Teilen der Welt, sondern gerade in den ersten 15 Jahren des neuen Jahrhunderts zunehmend sozusagen vor unserer Haustür.

Die Geschichtswissenschaft  hat die Aufgabe, aus der Analyse  der Vergangenheit  Hinweise und Aufschlüsse zu geben über wahrscheinliche Zukunftsperspektiven. So hat auch einer der profiliertesten Historiker deutscher Sprache, der in Jerusalem lehrende und bis 2014 als Direktor  des Instituts  für jüdische Geschichte  an der Universität Leipzig fungierende Dan Diner, dem der Rezensent in den siebziger Jahren durch viele Aufsätze in der Zeitschrift  „links“ viel für sein politisches Leben verdankt, im Jahr 1999 ein umfangreiches Buch veröffentlicht,  mit dem er das 20. Jahrhundert  verständlich machen wollte. Es versuchte sich der 1989/90 abgebrochenen Gegenwart mittels eines  in weiter zurückliegende Vergangenheit  gerichteten  Blickes  zu versichern.

Nun legt er eine Neuauflage vor und schreibt dazu: „Die gegenwärtige  Entwicklung scheint ihm und dem damals  diagnostizierten Paradigmenwechsel  der historischen  Wahrnehmung  Recht zu geben: Der Blick in die Vergangenheit,  vornehmlich ins 19. Jahrhundert,  bietet auch den Zeitgenossen des fortschreitenden 21. Jahrhunderts so manche Orientierungshilfe  in Gegenwart und naher  Zukunft.“

Doch die Aussichten sind nicht rosig. Spricht Diner im aktuellen  Nachwort zur Neuauflage noch von der Wahl zwischen tieferer Integration  und dramatischer Desintegration insbesondere Europas,  lassen die Nachrichten und Entwicklungen der letzten Monate und Wochen keinen anderen Schluss  zu, als dass wir  vor dramatischen Veränderungen stehen, und die Menschen auf ihre Folgen überhaupt nicht vorbereitet scheinen. Es ist auch fraglich, ob die Politik  diesen Veränderungen  gewachsen ist.

Systematische und kritische Analyse ist vielleicht wichtiger als je zuvor. Dafür ist dieses nach wie vor aktuelle Buch ein hervorragendes  Beispiel.