Helle Tage, helle Nächte

 

 

 

 

Hiltrud Baier, Helle Tage, helle Nächte, Krüger 2018, ISBN 978-3-8105-3038-7

 

Anna Albinger ist eine Frau Ende sechzig. Sie lebt in einer Kleinstadt am Fuß der Schwäbischen Alb. Eines Tages erfährt sie von einem Arzt, den sie wegen ständiger Nackenschmerzen aufgesucht hat, dass sie an Lungenkrebs erkrankt ist.

 

Dieses nahe Lebensende konfrontiert Anna erneut aber dieses Mal mit einer großen Wucht, mit ihren jahrzehntelangen Lebenslügen. Sie will sich bevor sie stirbt, endlich ehrlich machen und schreibt einen langen Brief. Ihre etwa 50-jährige Nichte Frederike, die gerade ihre jüngst erfolgte Scheidung noch verarbeitet, soll diesen Brief, dem ein zweiter kurzer an sie selbst beigefügt ist, nach Lappland bringen, der Heimat ihrer Großmutter Igga.

 

Frederike ist wenig begeistert von dieser Idee, will aber ihrer Tante, die sie vor 40 Jahren nach dem frühen Tod ihrer Eltern aufgenommen und ihr sogar ein Studium ermöglichte, diesen letzten großen Wunsch nicht abschlagen. Sie willigt nach langem Überlegen ein und macht sich auf den Weg nach Nordschweden, in die Gegend, in der die Samen leben und in der ihre Großmutter geboren wurde.

 

Als sie Petter Svattko, den Mann, an den der Brief von Anna adressiert ist, trifft, erkennt dieser in Frederike sofort seine leibliche Tochter. Noch am gleichen Tag verschwindet er für Wochen und Frederike muss sich in Petters Hütte selbst versorgen.

 

In ständig zwischen Anna, die zu Hause ihr Leben reflektiert und Frederike, die oben in den noch schneebedeckten Bergen langsam zu sich selbst kommt, wird eine lange von einer großen Lüge geprägte Familiengeschichte erzählt.

 

Das Buch entwickelt immer mehr einen Charme, dem sich der Leser nicht entziehen kann. Er wird angesteckt von der Liebe der Autorin sowohl zu ihrer süddeutschen Heimat als auch zu ihrer neuen Heimat in Lappland.

Wunderschöne Naturbeschreibungen und die Schilderung  einfache Lebensweise der Samen wechseln sich ab mit Porträts von Männern und Frauen, die alle eine bisher verborgene gemeinsame Vergangenheit zusammenhält.

 

 

 

Alltagsgold. 111 Fundstücke aus der Bibel

 

 

 

Diederich Lüken, Alltagsgold. 111 Fundstücke aus der Bibel, Neukirchener Verlag 2018, ISBN 978-3-7615-6527-8

 

„Alltagsgold“  nennt der ehemalige Pastor und heutige freiberufliche Rundfunkredakteur Diederich Lüken seine insgesamt 111 biblischen Miniaturen.

 

In seinem Alltag und in dem anderen Menschen, die er kennt oder denen er begegnet, von denen er hört oder liest findet er Aspekte des Glaubens wieder, die er dann auf jeweils zwei Seiten in den größeren Zusammenhang der Botschaft des Evangeliums stellt.

 

Die kurzen Texte, die zur täglichen Lektüre und Beschäftigung einladen, vermitteln dem Leser, gerade auch dem, der sich selten mit dem Glauben auseinandersetzt, immer wieder die Erkenntnis und Botschaft: ich bin gemeint. Auch in meinem Alltag und meinen Erfahrungen zeigt sich die Güte Gottes.

 

Auch als Einstieg in unterschiedliche Formen von Veranstaltungen innerhalb und außerhalb von christlichen Gemeinden eignen sich diese Texte auf das Beste.

 

Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie

 

 

 

Rachel Joyce, Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie, Krüger 2018, ISBN 978-3-8105-1082-2

Mister Frank ist einer der vielen Einzelhändler in der Londoner Unity-Street. Obwohl die Häuser alt sind, der Putz von den Fassaden bröckelt, ihre Gewinne in Sinkflug sind und ein Immobilienhai sie mit viel Geld lockt, halten die Händler zusammen.

Mister Frank ist ein wichtiger und beliebter Teil dieser wie eine Familie anmutenden Gemeinschaft. Er ist Schallplattenhändler, aber er verkauft sie nicht nur, sondern mit der Musik, die er den Menschen, die gerne in seinen Laden kommen, zeigt, verschenkt er so etwas wie Glück. Vielen Menschen, die in seinen Laden kommen, und die in der offenen und warmherzigen Atmosphäre dort ihr Herz geöffnet haben, hat er schon mit Musik aus einer Krise geholfen. Seine ansonsten ziemlich unfähige Mutter Peg hat Frank diese Liebe zur Musik vermittelt.

Wir schreiben das Jahr 1988, als eine Frau in einem grünen Mantel zum ersten Mal den Laden betritt. Ilse ist eine geheimnisvolle Frau, die in der Folge in zahllosen Gesprächen und nach vielen gemeinsam angehörten und analysierten Musikstücken zu Frank eine immer engere Beziehung aufbaut. Die Musik öffnet ihre Seelen und lässt die beiden geradezu verschmelzen. Auch die anderen Besucher von Franks Laden kommen ihr näher.
Aber es kommt in dieser Annäherung auch vieles ans Licht, das neuen Schmerz verursacht. Die Gemeinschaft der Ladenbesitzer spaltet sich, doch Jahrzehnte später finden sich wieder.
Rachel Joyce hat nach ihren beiden wunderbaren Romanen über Harold Fry erneut ein zauberhaftes Buch geschrieben, ein Roman über Freundschaft, Liebe und die strahlende Lebenskraft von großen Songs und großer Musik.

Die Liebesbriefe von Montmartre

 

 

 

Nicolas Barreau, Die Liebesbriefe von Montmartre, Thiele Verlag 2018, ISBN 978-3-85179-410-6

 

Julien Azoulay ist ein relativ bekannter und erfolgreicher Schriftsteller romantischer Komödien. Vor einigen Jahren hat er auf dem Friedhof Montmartre am Grab von Heinrich Heine seine Frau Helene kennengelernt. Sie haben geheiratet und einen Sohn namens Arthur bekommen.

 

Fünf Jahre später stirbt Helene an Krebs und lässt einen am Boden zerstörten Julien zurück. Sie hat vor ihrem Tod in weiser Voraussicht ihrem Mann ein ungewöhnliches Versprechen abgenommen. Er soll ihr nach ihrem Tod dreiunddreißig Briefe schreiben, für jedes ihrer 33 Lebensjahre einen.

 

Als Julien bei einem Steinmetz den Grabstein für Helenes Grab auf dem Friedhof Montmartre, wo sie begraben werden wollte, in Auftrag gibt, lässt er ein geheimes Fach in den Sockel einer Engelstatue auf dem Grab, die aussieht wie seine Frau, einbauen, in das er die Briefe, die er seiner verstorbenen Frau schreiben wird, einlagern will.

 

Sein Verleger Jean-Pierre Favre, der nach dem Erfolg von Juliens letztem Buch sehnsüchtig auf eine neues Manuskript von ihm wartet, zeigt für Juliens Situation Verständnis. Der indes macht trotz tiefer Trauer die Erfahrung, dass die ersten Briefe an seine Frau ihn auf eine ganz besondere Weise trösten. Schon an dieser Stelle bewundert man als Leser die Klugheit von Helene, die wusste, dass nur die bewusste Auseinandersetzung mit seiner Situation als junger Witwer und alleinstehender Vater eines kleinen Sohns ihn retten wird.

 

Helenes langjährige Freundin Catherine, die im gleichen Haus wohnt und manchmal auf Arthur, der tagsüber in einen Kindergarten geht, aufpasst, trauert auch sehr um ihre Freundin. Sie versucht Julien eine Hilfe zu sein und spürt doch schon bald, dass sie mehr für ihn empfindet. Das wird zu einem späteren Zeitpunkt des Buches noch zu erheblichen Verwirrungen führen.

 

Julien hat vielleicht zwei oder drei Briefe geschrieben, als er eines Tages wieder zusammen mit Arthur am Grab von Helene weilt. Wieder hat er ihr geschrieben von seiner großen Liebe zu ihr, die nun keine Antwort mehr findet, wieder hat er seiner Frau erzählt von seinem Leben, das er nun alleine ohne sie führen muss. Während Julien seinen Brief versteckt, ist Arthur in der näheren Umgebung des Grabes unterwegs und entdeckt eine Frau, die auf einem Baum sitzt.

Diese Frau, die bald vom Baum heruntersteigt, ist Sophie, eine Bildhauerin, die fast jeden Tag auf dem Friedhof ist, wo sie Grabfiguren restauriert. Sophie und Julien kommen ins Gespräch, man spürt gleich, sie sind sich sympathisch. Immer wieder werden sie sich in der nächsten Zeit begegnen, ja mit jedem weiteren Besuch wartet Julien mehr darauf, dass sie erscheint.

 

Als Julien bald danach wieder einen Brief in das Fach unter der Engelstatue legen will, stellt er völlig überrascht fest, dass sie verschwunden sind. Stattdessen liegt ein Herz aus Stein in dem Fach, das er mit nach Hause nimmt. Und so geht es nun mit jedem weiteren Brief von ihm. Der letzte ist verschwunden und eine neue Botschaft an ihn  liegt im Fach. Mal ist es ein Gedicht von Prevert, mal ist es eine Blume, mal sind es Kinokarten für den Film „Orphee“.

 

Julien folgt den Botschaften, ist manchmal sogar aus lauter schmerzhafter Trauer überzeugt, sie stammten auf irgendwelchen unerklärlichen Wegen von seiner Frau.

Was Julien zu diesem Zeitpunkt nicht ahnt, ist, dass jemand ihn die ganze Zeit beobachtet. Jemand, der seine Briefe liest und den nach wie vor mit seinem Schicksal hadernden Julien mit sanfter Hand in die Welt der Lebenden zurücklenken will. Jemand, der sich in ihn verliebt hat …

 

Mit viel Herzenswärme und Einfühlungsvermögen für seine am Boden zerstörte Hauptperson begleitet Nicolas Barreau Julien auf seinem Weg zurück ins Leben. Wieder einmal führt er seine Leser nach Paris, dieses Mal nach Montmartre mit seinen stillen Gässchen, seinen Künstlern, Geschäften und dem Blick von Sacre-Coeur.

 

„Die Liebesbriefe von Montmartre“ ist ein Roman darüber, wie aus etwas unendlich Traurigem etwas Wunderschönes werden kann. Ein Buch darüber, wie das Leben und die Liebe über den Tod siegt. Mögen möglichst viele vom frühen Tod ihres Ehepartners betroffene Menschen diese Erfahrungen machen dürfen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So enden wir

 

 

 

 

Daniel Galera, So enden wir, Suhrkamp 2018, ISBN 978-3-518-42801-6

 

In seinem zweiten Roman, der wie „Flut“ (2013) wieder von Nicolai von Schweder-Schreiner ins Deutsche übersetzt wurde, erzählt der brasilianische Schriftsteller Daniel Galera von einer Gruppe aus drei jungen Männern und einer Frau, die sich damals in der Frühphase des Internets in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts für etwas ganz Besonderes hielten. Sie waren so etwas wie Protagonisten einer neuen Gegenkultur in Brasilien. Eine Kultur aus Punks, Künstlern und digitalen Bohemiens. Ihr großer Anführer war Duke, ein überaus talentiertes Schriftstellertalent, in seinem unnahbaren Wesen und Charakter genial.

 

Nun ist Duke Opfer eines tödlichen Raubüberfalls geworden. Daniel Galera führt seine Leser in das Jahr 2014, kurz vor der Fußball WM nach Porto Alegre, wo seit langem ein Streik das gesamte Leben lahmlegt. Heftige Auseinandersetzungen und Konflikte spalten die brasilianische Gesellschaft schon seit langem. Nun aber scheint alles zu explodieren.

 

Sie haben sich lange nicht mehr gesehen, die ehemaligen Mitstreiter Dukes, die sich nun an seinem Grab versammeln, sich selbst und einander fremd geworden nach einem langen vergeblichen Kampf. Aurora, Antero und Emiliano blicken angesichts des Todes zurück auf ihr eigenes Leben, auf ihr gemeinsames Engagement in einer hoffnungsvollen und ambitionierten Gegenkultur.

Wie war das früher, so fragen sie sich immer wieder und was ist aus ihnen geworden? Was ist mit den Idealen, den Lebensplänen und Hoffnungen geschehen? Und vor allen Dingen kommen sie im Verlauf des Buches einer Frage immer näher, die sie quält: Wer war dieser Duke wirklich? War er wirklich ihr Freund? Oder hat er sie nicht doch bloß für seine Zwecke benutzt? Die immer verzweifeltere Suche nach einer Antwort führt die drei zu einer Hinterlassenschaft, die so berührend wie erschütternd ist.

Der in Teilen sehr bewegende, in anderen hilflos bleibende Roman Galeras ist ein Buch über Aufbrüche und Trennungen, über das Ankommen und über das Verlorensein in der Welt und der eigenen Existenz angesichts einer Gesellschaft, die vor lauter Korruptheit und zum Himmel schreiender Armut nicht reformierbar scheint.

 

Und es ist ein Buch mit immer wieder leisen Annäherungen an das Geheimnis menschlicher Nähe und Freundschaft.

 

 

Das Geheimnis der Muse

 

 

 

Jessie Burton, Das Geheimnis der Muse, Insel Verlag 2018, ISBN 978-3-458-36329-3

 

„Nicht jeder erhält am Ende, was er verdient.“

Mit diesem Satz beginnt Jessie Burton ihren zweiten Roman „Das Geheimnis der Muse“, der in über 30 Sprachen übersetzt wurde und nun verfilmt wird. Sie führt den Leser an zwei Schauplätze in zwei Zeiträumen, zum einen nach Spanien ins Jahr 1936 und zum anderen ins London der späten 60er Jahre.

1967 bewirbt sich Odelle, eine junge Frau aus Trinidad, als Schreibkraft am Skelton Institut, einer kleinen Galerie. Odelle selbst ist eine talentierte Schriftstellerin, hat aber ihre Träume, ein Buch zu schreiben erstmal aufgegeben. Doch ihre Chefin Marjorie Quick, die sie unter ihre Fittiche nimmt und eine gewisse Zuneigung zu ihr zu hegen scheint, animiert sie, Vertrauen in ihre Fähigkeiten als Schriftstellerin zu haben, und ermutigt sie, eigene Arbeiten zu veröffentlichen.

Auf einer Party trifft Odelle Lawrie, einen jungen Mann, der Gemälde geerbt hat, dessen Wert im Skelton Institut geprüft wird. Das auffällige Bild hat augenscheinlich eine seltsame Wirkung auf Quick. Es entpuppt sich als Werk von Isaac Robles und führt ins Spanien des Jahres 1936.

Denn um das Gemälde rankt sich ein folgenschweres Geheimnis, das ins Jahr 1936 zurückreicht, als Olive Schloss, eine begabte junge Malerin, in Andalusien auf den Künstler und Revolutionär Isaac Robles trifft. Eine Begegnung, die ungeahnte Konsequenzen nach sich zieht …

Sowohl Olive als auch Odelle sind Frauen mit kreativen Fähigkeiten, und beiden fehlt aus unterschiedlichen Gründen das Selbstbewusstsein, zu ihren Gaben zu stehen. Ihr Leben wird sich durch das Gemälde verquicken. Und so entwickelt Jessie Burton mit viel Kunstverstand  zwischen dem schillernden London der Sechziger und dem schwülheißen Andalusien der Dreißiger eine fesselnde und betörende Geschichte um große Ambitionen und noch größere Begierden.

 

 

 

 

Oh, wer sitzt da auf dem Klo

 

 

 

Harmen van Straaten, Oh, wer sitzt da auf dem Klo, Verlag Freies Geistesleben 2018, ISBN 978-3-7725-2885-9

 

Ein lustiges gereimtes Bilderbuch hat Rolf Erdorf aus dem Niederländischen für den Verlag Freies Geistesleben übersetzt. Harmen van Straaten hat es geschrieben und gezeichnet und dabei vielleicht auch daran gedacht, wie er als Kind oft viel zu lange mit einem spannenden Buch in der Hand auf dem Familienklo saß zum Ärger der anderen Familienmitglieder. Wer weiß! Bei mir war das jedenfalls oft so. Lesen auf dem Klo, so wie es der kleine Junge am Ende des Buches ausdrückt:

„Ich throne hier schon eine ziemliche Weile

Und hatte dabei wenig Gründe zur Eile.

Und weil mein Buch so spannend gewesen,

wollt` ich es auch bis zum Ende auslesen…“

 

Doch die Tiere, die sich mit jeder Seite mehr vor der verschlossenen roten Tür versammeln, weil sie mal müssen, wissen das lange nicht. Sie drehen und  wenden sich von lauter Bedürfnisqual, streiten sich, wer zuerst dürfen darf, wenn die Tür aufgeht und fordern den Besetzer des Klos auf jeder Seite mit einem neuen lustigen Spruch auf, die Tür aufzumachen.

Bär, Schwein, Elefant, Tiger, Pinguin, Affe und die Giraffe – sie alle müssen mal und ihre Not ist groß.

 

Die Kinder, die dieses Buch anschauen, werden sich kringeln vor Lachen, weil sie dieses Gefühl genau kennen, seit sie gelernt haben, aufs Klo zu gehen. Das Gefühl, dass man muss und nicht kann, weil das Klo besetzt oder gar keins da ist.

 

Die lustigen Reime tun ihr Übriges um dieses Buch zu einem echten Vorlesespaß zu machen.

 

Königskinder (Hörbuch)

 

 

 

Alex Capus, Königskinder (Hörbuch), Der Hörverlag 2018, ISBN 978-3-8445-3103-9

 

Der neue kleine Roman von Alex Capus ist neben seiner witzigen Rahmenhandlung und der schönen Hauptgeschichte, die erzählt wird, vor allem ein sprachlicher Genuss. Man spürt die Freude des Autors am Fabulieren bei nahezu jedem einzelnen Satz, den er zu Papier bringt. Das Lesen macht Freude und ist abgesehen von der wunderbaren Unterhaltung, die dieses kleine Buch beschert, eine große Bereicherung für den Leser.

 

In der Rahmengeschichte fahren Max und Tina, ein erfahrenes Ehepaar, trotz gegenteiliger Wetterwarnungen mit ihrem roten Toyota Corolla während eines nächtlichen Schneetreibens eine Passstraße hinauf. Sie sind deshalb ein erfahrenes Ehepaar, weil sie sich gut kennen und einschätzen können, sich bei den wichtigen Dingen immer einig sind, und sich um Kleinigkeiten streiten können wie die Kesselflicker.

 

Das tun sie auch während der Fahrt durch die Nacht, jedenfalls solange bis sie endgültig von der Straße abkommen und im Straßengraben im Schnee stecken bleiben.

 

Um sich die Zeit bis zum Morgen, wenn die Schneeräumgeräte wieder im Einsatz sind, zu vertreiben, und vor allen um angesichts der Kälte wach zu bleiben, schlägt Max vor, eine Geschichte zu erzählen. Eine wahre Geschichte, dessen Rahmendaten er genau recherchiert habe.

 

Mehrfach in der Nacht wird er in seinem Erzählfluss von Tina unterbrochen, die immer wieder unlauteren Kitsch wittert, aber von Max jeweils eines Besseren belehrt wird.

 

Max (Alex Capus) erzählt nun eine alte Liebesgeschichte, die genau in den Bergen ihren Anfang nimmt, in denen sie stecken geblieben sind. Jahrhunderte liegt sie zurück und spielt in der Zeit kurz vor der französischen Revolution, eine Zeit des Aufbruchs und Umbruchs in Europa. Von diesen bevorstehenden Umwälzungen erfährt der Hirtenjunge Jakob nichts. Er kümmert sich um das Vieh eines reichen Bauern und ist mit den Tieren während des ganzen Sommers oben in den Bergen. Als er nach dem Sommer das Vieh nach unten ins Tal bringt, begegnet er nicht zum ersten Mal Marie, der Tochter des Bauern. Die beiden erleben so etwas wie Liebe auf den ersten Blick, denn mehr als sich von weitem anschauen, können sie nicht. Der Bauer wittert diese zarte Annäherung sofort und will sie verhindern.

 

Jakob und Marie jedoch fliehen zusammen auf Jakobs Hütte und verbringen dort viele Tage. Die Knechte des Bauern kommen irgendwann dorthin und wollen Jakob an den Kragen. Der aber teilt ihnen mit, sie sollen dem Bauern sagen, er habe sich zum Kriegsdienst gemeldet und er brauche sich keine Sorgen mehr zu machen.

 

Acht Jahre von 1779 bis 1787 dient Jakob im Regiment Waldner und tut Dienst in Cherbourg am Ärmelkanal, wo es all die Zeit sehr ruhig ist und er von den sich in Europa anbahnenden großen Umwälzungen relativ wenig mitbekommt.

 

Marie indes wartet auf dem Hof ihres Vaters auf Jakobs Rückkehr, und lehnt alle potentiellen Ehemänner, die ihr Vater über die Jahre auf den Hof bringt, barsch ab.

 

An dieser Stelle bringt der erzählende Max Elisabeth, die Tochter des französischen Königs Ludwig XVI. ins Spiel. Sie ist unzufrieden mit dem Leben im Schloss Versailles und ringt ihrem Vater ein Landgut ab, auf dem sie Landwirtschaft betreiben will. Von  allem das Beste, Hühner aus der Bresse , Schweine aus Flandern, Schlachtrinder aus Burgund, Arbeitspferde aus Brabant. Und Milchkühe aus der Schweiz, Freiburger Milchkühe. Und genau hier gibt es die von der mitten in der Nacht im Toyota Corolla zuhörenden Tina ungeduldig erwartete Verbindung.

 

Weil die Kühe in der Fremde kränkeln und keine Milch geben und wegen ihrer schmerzhaft entzündeten Euter brüllen, muss nach einem Freiburger Kuhhirten gesucht werden, der sich mit ihnen auskennt.

 

Jakob ist mittlerweile aus dem Dienst ehrenhaft entlassen worden und kehrt in sein Heimatdorf zurück. Marie, die sich vom Vater nichts mehr sagen lässt, geht mit ihm einen Sommer hoch in die Berge zu Jakobs Hütte und zu den Tieren, denn er nimmt seine alte Tätigkeit wieder auf. Sie verbringen dort glückliche Tage, bis Soldaten nach oben kommen, die Jakob mitteilen, er werde unten im Tal erwartet, es gebe einen wichtigen Auftrag für ihn.

 

Er soll sich auf dem Hofgut der französischen Königstochter um die Milchkühe kümmern. Gehorsam folgt er diesem Auftrag und lässt Marie zurück. Doch beide wissen, dass es nicht für lange sein wird. Tatsächlich lässt Elisabeth, die Königstochter, Marie bald nachkommen, denn sie hat gespürt, wie traurig ihr Helfer ist.

 

Sie erleben dort beide die bewegten Tage der französischen Revolution, wie sich das heruntergekommene und versiffte Schloss leert. Als irgendwann alles vorbei zu sein scheint, nehmen Jakob und Marie ihre Tiere und verlassen das Gut. Sie kaufen einen kleinen Bauernhof und haben zusammen ein langes und glückliches Leben.

 

In Rachel Cusk kürzlich im  Suhrkamp Verlag erschienenem Roman „Kudos“ ist das Erzählen eine Art moderne Form von Beichte. Hier bei Capus ist das Erzählen eine Art von Daseinsversicherung gegen den Tod durch Kälte, der außerhalb des gestrandeten Autos droht. So ähnlich wie Sheherezade, die mit jeder Nacht und jeder neuen Geschichte ihr Leben verlängert.

 

Der wunderbare kleine Roman von Alex Capus ist ein literarisches Kleinod, kraftvoll und poetisch in der Sprache, lebendig, dicht und plastisch erzählt.

 

Eine warmherzige Erzählung, wie ein Märchen, und doch offenbar historisch verbürgt und genau recherchiert.

 

Die Hörbuchfassung seines letzten Buches „Das Leben ist gut“ hatte Alex Capus noch selbst eingelesen, wenig überzeugend wie ich damals fand. Nun hat der Hörverlag für das neue Buch den genialen Sprecher und Schauspieler Ulrich Noethen mit der ungekürzten Lesung beauftragt, die ihm wie bei so vielen anderen seiner Lesungen hervorragend gelungen ist. Er hat dieses wahre Märchen über eine Liebe, die viel überstehen muss, überzeugend und warmherzig interpretiert.

 

 

 

Der Bärenberg

 

 

Max Bolliger, Jozef Wikon, Der Bärenberg, Bohem 2018, ISBN 978-3-85581-528-9

 

Der Bilderbuchverlag Bohem aus der Schweiz hat in diesem Herbst den Bilderbuchklassiker von Max Bolliger mit den klassischen Illustrationen von Jozef Wilkon wieder aufgelegt.

 

„Der Bärenberg“ ist eine Geschichte von Angst und Mut, eine Geschichte von Selbstvertrauen und Kraft und dem Mut zum eigenen Weg.

Drei kleine Bären sind miteinander unterwegs. Sie stehen am Fuße eines Berges, dessen Gipfel einladend im Sonnenlicht strahlt. Alle drei sehnen sich danach, dort oben zu sein, und beschließen hinaufzuklettern. Sie machen sich frohgemut auf den Weg, singen unterwegs Bärenlieder. Als sie kurze Zeit später an eine Wegkreuzung kommen, müssen sie eine Entscheidung treffen. Ist der rechtsabbiegende Weg der Richtige oder der nach links?

Sie können sich nicht einigen und so geht jeder seinen eigenen Weg. Der erste Bär nimmt den linken Weg, der zweite den rechten, der dritte kann sich nicht entscheiden. Kurze Zeit später hört der frohen Sinnes dahinschreitenden erste Bär die Stimme des dritten Bärs hinter sich, der ihn vergeblich einzuholen versucht, denn er bleibt immer wieder stehen und schaut zurück.

 

Der erste Bär kommt an einen steilen Abgrund, über den ein Steg führt auf dem auf der anderen Seite ein Wolf ihm den Weg versperrt. Mutig kämpft der Bär mit dem Wolf, spürt während des Kampfes seine Kräfte wachsen. „Du hast mich besiegt!“ sagt der Wolf am Ende und gibt den Weg zum Gipfel frei.

 

Dem zweiten Bär, der den rechten Weg gewählt hatte, passiert ähnliches. Auch ihm folgt hasenfüßig und vergeblich der dritte Bär, bevor er an einem anderen Steg einem Tiger gegenübersteht, der ihm den Weg streitig macht. Der zweite Bär besiegt mit Kräften, die aus dem Mut entstehen, den Tiger und trifft oben auf dem Gipfel den ersten Bär.

 

Der dritte kleine Bär indes hatte den Tiger von weitem gesehen und war schnell wieder nach Hause zurückgelaufen.  Die beiden anderen auf dem Gipfel mit der wunderschönen Aussicht aber nehmen sich etwas vor:

„Wie schade, dass der dritte kleine Bär nicht bei uns ist“, sagen sie. „Aber wir wollen ihm davon erzählen, Wir müssen ihm helfen, seinen eigenen Weg zu gehen und sich weder vor Wölfen noch vor Tigern zu fürchten.“

 

Ein Bilderbuch mit einer wunderbaren Botschaft: jeder gehe seinen eigenen Weg, fürchte sich nicht vor dem Kampf mit dem „Wolf“ oder dem „Tiger“ die sich ihm in den Weg stellen wollen.  Und: manchmal führen auch unterschiedliche Wege zum selben Ziel. Ein Bilderbuch, das eine Botschaft auch durchaus für die vorlesenden Erwachsenen besitzt.

 

 

Sammel & Surium. Bücher und Bilder aus 40 Jahren

 

Rotraut Susanne Berner, Sammel & Surium. Bücher und Bilder aus 40 Jahren, Gerstenberg 2018, ISBN 978-3-8369-5682-6

 

Der Gerstenberg Verlag, der seit vielen Jahren Bücher von Rotraut Susanne Berner veröffentlicht hat ihr mit diesem Begleitbuch zu einer gleichnamigen Ausstellung ein Denkmal gesetzt. Die Ausstellung, die das künstlerische Gesamtwerk von Rotraut Susanne Berner präsentiert, wird vom 18. August bis zum 18. November 2018 im Wilhelm Busch- Deutsches Museum für Karikatur & Zeichenkunst in Hannover zu sehen sein.

 

Sie zeigt Arbeiten von Berner aus 40 Jahren in verschiedenen thematischen Bilderbögen:

  • Buchstaben & Salat
  • Gänse & Blümchen
  • Gretchen & Fragen
  • Habe & Seligkeit
  • Nest & Häkchen
  • Kopf & Kino
  • Techtel & Mechtel
  • Welt & Räume
  • Wimmel & Welt
  • Druck & Technik
  • Papp & Satt
  • Rotraut & Susanne

 

 

Der ZEIT- Autor Benedikt Erenz und Berners Kollege Axel Scheffler würdigen Rotraut Susanne Berner zu Beginn des wertvollen Buches mit eigenen Porträts ihrer jahrzehntelangen Arbeit, die so vielen Kindern und Menschen Freude gemacht hat. Erenz schreibt: „Berners Kunst führt uns ins Offene, komisch oft und gern ein bisschen belustigt über uns selbst.“

 

Ein schönes Geschenk für alle erwachsenen Freunde Berners. Von denen gibt es mehr, als man denkt.